Kritik zu 360 – Jede Begegnung hat Folgen

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Die Kunst besteht in der Kombination von kleinen Geschichten und großer Erzählung: In seinem Reigen »360« verspricht der Brasilianer Fernando Meirelles einen Rundumblick auf Liebe und Triebe

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Episodenfilme sind wie eine Schachtel Pralinen: Die Spannung ist auch der Erwartung geschuldet, dass die nächste Praline besser schmeckt. Die eigentliche Kunst besteht aber in der Kombination von kleinen Geschichten und großer Erzählung. Darin erwies sich der Brasilianer Fernando Meirelles als Meister, als er in seinem gefeierten internationalen Debüt City Of God mit traumwandlerischem Instinkt Zeit, Raum und Hunderte Darsteller zum Balzac’schen Wimmelbild einer Favela in Rio verschachtelte.

Sein neuer Film, zehn Jahre später, verspricht den Panoramablick schon im Titel. Es geht um Gefühle, um Liebe, Triebe und Sehnsüchte, die sich von einer Person zur nächsten rund um den Globus verketten. Natürlich beruft Meirelles sich in seinem von den Erlebnissen einer Hure eingerahmten Episodendrama auf Arthur Schnitzlers »Reigen«. Er beginnt mit der Slowakin Mirka, die sich in Wien für einen exklusiven Callgirl-Ring casten lässt und dann aufgeregt zu ihrem ersten Freier in Bratislava fährt. Ihr Date mit dem Londoner Manager Michael geht jedoch schief und hat für Michael unangenehme Folgen. In London gibt inzwischen seine Ehefrau ihrem Lover, einem brasilianischen Fotografen, den Laufpass. Da hat sich dessen Freundin Laura aus Kummer über seine Untreue schon per Video verabschiedet und sitzt im Flieger zurück nach Rio. Mit ihrem netten Sitznachbarn, einem älteren Briten, strandet sie wegen schlechten Wetters in Denver. Über Bande wird die Geschichte dann in Phoenix und Paris weitergesponnen, um schließlich mit einer hübschen Pointe bei der inzwischen sehr professionellen Mirka in Wien zu enden.

Doch einige der angebotenen Pralinen schmecken schal. »Ich hab einen echt süßen Typen getroffen«, schreibt da Laura auf dem unfreiwilligen Zwischenstopp in einem Briefchen an ihren Sitznachbarn, um ihm zu erklären, warum sie eine Verabredung mit ihm nicht einhält. »Der süße Typ«, von Ben Foster mit der Käsigkeit und dem flackernden Blick eines lange Eingesperrten gespielt, trägt den Stempel »Ich bin ein Psycho« so dick auf die Stirn gedruckt, dass in der Realität jedes weibliche Wesen einen weiten Bogen um ihn gemacht hätte. Der entlassene Sexualstraftäter ruft angesichts der weiblichen Versuchungen um ihn herum sogar verzweifelt seine Psychologin an. Doch bei Meirelles muss Laura (Maria Flor), ihrerseits ein süßes Mädel im Schnitzler’schen Sinn, Tyler so hartnäckig zum Sex animieren, als ob Dominique Strauss- Kahn das Drehbuch redigiert hätte. Die Episode stellt den Tiefpunkt des von Peter Morgan verfassten Skripts dar.

Auch sonst beweist Autor Morgan (Die Queen; Frost/Nixon; Hereafter) einen erstaunlich grobmotorischen Stil, wenn er passend machen will, was nicht passt. Da wird ein Erpresser – Moritz Bleitreu in einer seiner schmierigeren Nummern – plötzlich zum Kumpel, und die bisher so entsagungsvolle Schwester lässt die andere unvermittelt sitzen. Meirelles Lieblingsschauspielerin Rachel Weisz (Der ewige Gärtner) bleibt als Redakteurin eines Hochglanzmagazins so nichtssagend wie Jude Law als ihr reumütiger Gatte.

Aber trotz Drehbuchkurzschlüssen und klischeegetriebener Figuren wie die eines osteuropäischen Mafiosos kommt keine Langeweile auf. Meirelles gelingen in seiner fließenden Inszenierung immer wieder Gänsehautmomente, in denen die Luft elektrisch aufgeladen scheint. Wie kein anderer kann er das Prickeln menschlicher Interaktion, Emotionen und Sinnlichkeit, auf die Leinwand transportieren. Und großartige Darsteller wie Jamel Debbouze als liebeskranker Witwer in Paris lassen sich die Gelegenheit für Szenen eindrücklichen Seelenschmerzes nicht entgehen. Sinn für Humor beweist Meirelles allerdings leider weniger, wenn er zeigt, wie der Muslim von seinem Imam und von seiner Psychoanalytikerin entgegengesetzte Ratschläge bekommt.

So treibt dieser Reigen sein Wechselspiel über fast zwei Stunden Länge und bleibt dabei meist so tiefgründig wie eine Telenovela. Auch die kleinen Erleuchtungsmomente mit New-Age-Obertönen und wichtigtuerischen Split- Screens erweitern den Bedeutungshorizont des filmischen Mix ’n’ Match jedoch nicht wesentlich.

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