Aktuelles
19.08.2026
Werner Enke prägte mit »Zur Sache, Schätzchen« und seinem anarchischen Humor das Lebensgefühl einer Generation. Ein Rückblick auf den Schauspieler, Sprachkünstler und das unangepasste Kino der Münchner Gruppe.
17.08.2026
Russell T Davies spricht über seine neue Serie »Tip Toe«, wachsende Homophobie, Online-Hass und die Schattenseiten queerer Sichtbarkeit – und erklärt, warum gesellschaftlicher Fortschritt niemals selbstverständlich ist.
10.08.2026
Bella Ramsey und Neil Patrick Harris sprechen über Dreharbeiten wie im Ferienlager, die Vorbereitung auf ihre Rollen und warum Musik, Vertrauen und echte Emotionen den Film so besonders machen.
06.08.2026
Jutta Brückner hat als Autorin und Regisseurin den feministischen Zweig des Neuen Deutschen Films maßgeblich geprägt. Jetzt kommt eine neue Arbeit von ihr ins Kino. Claudia Lenssen blickt zurück.





Etwas mehr an Vertiefung hätte gut getan
Die Ansicht, dass „Die Odyssee“ Christopher Nolans bester Film ist, kann ich nicht ganz teilen. „Oppenheimer“ aus dem Jahre 2023 ist meines Erachtens besser. Eine Parallele allerdings gibt es, denn der Trojanische Krieg wird als das gezeigt, was er wohl war: Das Hiroshima und Nagasaki der Antike!
Und wie Oppenheimer trägt auch Odysseus schwer an der eigenen Mitschuld daran: Ersterer wird in der Konsequenz zum Atomwaffen-Gegner und aufgrund dessen Verfolgter während der US-McCarthy-Ära, der Letztgenannte zum auf den Meeren Verirrten und von Poseidon Gejagten. Auch die Darstellung der Frauen, der von Oppenheimer – Kitty – und der von Odysseus – Penelope – ist in beiden Filmen von besonderer Bedeutung, sie spielen jeweils eine gelungene und wichtige Rolle.
Indessen hätte ich mir, was die historische Vorlage betrifft, ein Mehr an Vertiefung – nicht zuletzt auch der Untiefen – des homerischen Epos gewünscht. Dies besonders zu drei Themenbereichen:
Erstens zum Gastrecht, das von den alten Griechen überaus hochgeschätzt wird, ja dem Götter-Vater Zeus zugerechnet ist, während es ein Kriegsrecht quasi nicht gibt – Krieg also einen rechtsfreien Raum darstellt, wie der Römer Cicero noch Jahrhunderte später formulieren wird: „Silent enim leges inter arma“ (Unter Waffen schweigen die Gesetze) Offenbar aber musste der Widerspruch von Odysseus selbst und am eigenen Leib immer schreiender empfunden werden, wenn er an einigen Küsten seiner Irrfahrten extrem feindlich, gewaltsam und aggressiv, an anderen wiederum extrem gastlich und gar liebevoll aufgenommen wurde. Liegt darin vielleicht der Doppelcharakter menschlicher „Zivilisation“? Ein Begriff, der im Film zwar des Öfteren Erwähnung findet, wenigstens einmal aber hätte man ihn ernsthafter hinterfragen können.
Zweitens zur gesellschaftlichen Zerrissenheit Griechenlands mit Ithaka als Objekt der Anschauung, wobei dem Publikum von heute aktuelle Bezüge nicht wenige in den Sinn kommen. Denn die am Hof des Odysseus während seiner Abwesenheit dessen Haus belagernden und seine Frau belästigenden Freier sind wohlgemerkt nicht allein Trunkenbolde, Diebe, Schläger, Vergewaltiger, Verächtlichmacher der Armen oder halt “nur” Verfressene, als was sie der Film entlarvt – sie gehören zugleich zu den „ersten“ Kreisen der dortigen Aristokraten-Klasse. Und wie Homer am Schluss der „Odyssee“ berichtet, sind eben viele von ihnen auch Söhne der nicht mit ihm heimgekehrten und auf See oder anderswo umgekommenen Gefolgsleute des Odysseus; somit droht auf der Insel ein Bürgerkrieg auszubrechen, als die verbliebenen Angehörigen die Freier-Tötung durch den aus Troja nach zwanzig Jahren einzig zurückgekehrten König mit Blutrache beantworten wollen. Und nur durch ein letztes Wunder gelingt es Zeus und Athene, die Leute das Geschehene vergessen zu lassen und fortan Frieden mit Odysseus zu schließen. Mutet dieses Ende des Originals schon utopisch genug an, hat es Christopher Nolan im Film nochmal eine Nummer romantischer (statt realistischer, was sich als Variante ja auch angeboten hätte) abgedreht, man könnte auch sagen: verkitscht.
Kritisch anmerken möchte ich drittens die „Szenen einer Ehe“, welche im Grunde allzu harmonisch geschildert werden, als ob man den Partner oder die Partnerin nach überlanger Trennung nur wiedererkennen müsste, um alsbald da weiterzumachen, wo man dereinst aufgehört hatte. Schließlich war Odysseus nicht nur „mal weg“, sondern in der Zwischenzeit Penelope z.B. auch mehrfach untreu gewesen, mindestens mit Kirke und Kalypso, und sie selbst dürfte auch nicht nur auf ihren „Helden“ gewartet haben. Immerhin war an seiner Stelle ein Staat zu leiten und gab es Konkurrenten im Kampf um die Macht mehr als genug. „Frauchen am Herd“ war sie derweil sicher nicht und würde es wohl kaum wieder werden wollen – auch wenn der Hausherr künftig und von Neuem Odysseus hieße. Diesen (potenziellen) Ehekonflikt aufzugreifen – was sich der ehedem von Palast zu Palast “fahrende Sänger” Homer wohlweislich sparte – hätte Christopher Nolan meiner Meinung nach gut angestanden, zumal filmische Adaptionen doch wie geschaffen dafür sind, offen gebliebene Fragen und Leerstellen großer Werke – wenn nicht zu klären oder zu füllen – so doch sie rezeptionsästhetisch deutlicher zu machen, zu problematisieren und im besten Fall neue Interpretations-Ansätze zu versuchen.