Retrospektive: »Comrade X« (1940)

»Comrade X« (1940). Quelle: Österreichisches Filmmuseum, © 1940 Turner Entertainment Co.

Lehne ich mich zu weit aus dem Fenster? »Comrade X« jedenfalls ist, wie ich ohne das Gesamtwerk zu kennen behaupte, der witzigste King Vidor-Film. Im Moskau des Jahres 1940 wird die Weltpresse mehr und mehr zensiert, doch einem geheimnisvollen Korrespondenten/Spion, Comrade X genannt, gelingt es immer wieder, für den Kreml höchst unliebsame Stories in die USA zu lancieren. Nun, wer mag wohl dieser geheimnisvolle Genosse sein?

Clark Gable jedenfalls hat sich wieder mal prächtigst besoffen und fährt im Schweinetransporter in Moskau ein. Er schäkert mit einer blonden Kollegin, scherzt mit dem Diener Wanja, spöttelt mit dem deutschen Korrespondenten, vor allem macht er sich 'nen hochalkoholisierten Anti-Kater-Drink. Kurz: Clark Gable ist der Typ Mann, der er immer gerne ist, dem Brandy und den Frauen zugeneigt und stets bereit, sowohl Schnaps als auch Gespielin zu wechseln.

Gable spielt hier eine Variante seines Prototyps aus »It Happened One Night«, und King Vidor gelingt das Kunststück, diesen Komödienklassiker mit einem anderen glücklich zu vermählen, mit Lubitschs »Ninotschka« – Felix Bressart und Sig Ruman als Darsteller ebenso wie Walter Reisch, der die »Comrade X«-Story entworfen hat, sind bei beiden Filmen mit von der Partie.

Gable nämlich muss, weil sein Diener ihm auf die Schliche gekommen ist, dessen Tochter aus Russland rausbringen. Die hat nämlich den Fehler, tatsächlich von Herzen Kommunistin zu sein, in einem Land, das erkannt hat, dass man mit Idealen keine Politik machen kann, ist das lebensgefährlich. Die Tochter ist Straßenbahnfahrer, und sie heißt Theodor, weil man nur als Mann Straßenbahnfahrer sein darf, und sie wird gespielt von Hedy Lamarr, ganz wunderbar: Wie sie im Taumel des kommunistischen Schwärmens sich in Clark Gable verliebt! Der nämlich gibt sich, gelernter Schwerenöter, der er ist, als strammen Kommunisten aus, um sie nach Amerika zu locken, wo sie mit Schönheit und Charme den Kommunismus in die Herzen pflanzen kann.

Nun könnte dies locker eine antikommunistische Propagandafarce werden; doch da sind die Drehbuchautoren Ben Hecht und Charles Lederer vor. Die haben derartig Gespür für Dialoge und Situationen, dass ohnehin kaum etwas schief gehen kann. Und wenn dann King Vidor mit seinem Gespür für die Dinge der Wirklichkeit und mit seiner Fähigkeit, jeden Diskussionsgegenstand von allen Seiten zu betrachten, dazukommt, dann wird vollkommen klar, dass die Ideologien von Russland und von den USA nur zwei Seiten derselben Medaille sind. Nicht Antikommunismus spielt hier herein, sondern gesunder Menschheitspessimismus, der Gedanke nämlich, dass die Menschheit niemals ihren Idealen nachzukommen imstande ist, dass auch die hehrsten Ziele von opportunistischen Machtmenschen korrumpiert wird. Auch in den USA, wo den Bürgern dann halt Hot Dogs und Boogie Woogie und Baseball vorgesetzt werden, zur Volksberuhigung. Und wo die Männer, wie es Gable in seiner Rolle als Hyperkommunist treffend ausdrückt, nur an das eine denken – Geld, vermutet Theodor –, und die Frauen als bloße Spielzeugobjekte missbrauchen statt als Diskussionspartner über die ökonomischen Gegebenheiten.

Von vorne bis hinten flott, gewitzt, satirisch und klug; und Vidor schreckt nicht davor zurück, seine lustige Sause in die vollbesetzte Todeszelle der Geheimpolizei zu führen, die sich mehr und mehr leert, während draußen die MG-Salven der Hinrichtungen zu hören sind.

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