Film im Zwiespalt der Kritik

Wettbewerb: »Utøya 22. juli«
»Utøya 22. juli« (2018). © Agnete Brun

Kein Fim der diesjährigen Berlinale, und kaum einer überhaupt, hat so zwiespältige Reaktionen hervorgerufen, wie Eric Poppes Drama »Utøya 22. juli«. Darin bildet der norwegische Regisseur die Anschläge ab, die der rechtsextreme Terrorist Anders Breivik 2011 an Jugendlichen eines Camps der Arbeiterpartei verübte. Utoya ist eine kleine Insel in dem fünftgrößten Binnensee Norwegens und klingt vielleicht nur zufällig nach Utopie, nach einem anderen Leben. Die Jugendlichen, die hier in Zelten ihre Sommerferien verbrachten, wollten jedenfalls für etwas eintreten, das die Welt ein klein wenig besser machen sollte. Ihnen und ihren Ideen trat Breivik mit Kugeln entgegen. All das aber erzählt der Film nicht.

Als wüßte er von nichts, zeigt er Dokumentaraufnahmen der Bombe, die zuvor in Oslo explodierte und geht dann auf die Insel. Von dem Moment an, als ein Mädchen wie zufällig in die Kamera sagt, »Das verstehst Du nicht, das wirst du nie verstehen«, bleibt der Film ohne Schnitt bei ihr. Dieser Satz wird quasi zum Motto des Films. Dass sie eigentlich mit ihrer Mutter telefoniert und über etwas ganz anderes spricht, als das was dann bald geschehen wird, erfahren wir in der zweiten Szene. Doch der Satz bleibt. Auch wir, die Zuschauer, die sich noch gut an die Nachrichten des Jahres 2011 erinnern, verstehen nicht wirklich, wie sich die Menschen auf dieser Insel, in den 70 Minuten, in denen das Grauen andauerte, gefühlt haben. Der Film hilft dabei, ein wenig zumindest. Er zeigt die Angst, die Verlorenheit, die verschreckte Verwunderung über das was passiert, läßt immer wieder Schüsse ertönen, zeigt Opfer, die am Boden liegen, zeigt ein sterbendes Mädchen und einen toten Jungen, der zuvor noch auf seinen Bruder gewartet hatte. Der Film zeigt all das, aber er bewertet es nicht.

Was er für mich leistet ist das: er konzentriert sich in einer Weise auf die Opfer, wie es kein Bericht, keine Analyse jemals getan hat. Mit seinen Anschlägen hat sich dieser Täter, der im Film gesichts- und namenlos bleibt, selbst inszeniert. Er ist der Held seiner eigenen Gräueltat geworden und damit in die Geschichte eingegangen. Die Opfer sind einfach nur gestorben. Erik Poppe gibt ihnen ihre Geschichte zurück. Zwei Jahre hat er seinen Film mit den Überlebenden erarbeitet und ihn dann an 5 Tagen ohne jeden Schnitt gedreht. Mehr Unmittelbarkeit geht nicht. Er wollte keine Analyse, die viele jetzt vermissen, er wollte sich klar auf die Seite der Opfer stellen. Und dass er dazu Spannungsmomente benutzt, wie sie der Hollywoodfilm auch kennt, ist kein Versagen, sondern zahlt ein auf die emotionale Kraft. Warum ein solcher Film, der so nah an der Wirklichkeit ist und doch in vielem Fiktion bleibt, überhaupt gemacht werden musste, das fragten sich hier viele. Ich glaube das Kino neben der banalen Unterhaltung eben noch viel mehr kann. Hier haben wir etwas erlebt, das uns nicht so schnell wieder loslassen wird. Wir haben gezittert, geweint und getrauert. Und das wird keine noch so politische Analyse jemals leisten.

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