Ende der Pflicht und Anfang der Kür

»Sonnabend 17 Uhr« (1966). Quelle: Deutsche Kinemathek, © Ula Stöckl Filmproduktion

Endlich ein bisschen echtes Kino. Und auch jede Menge Leute, aber alle kurz vor der Abreise. Liest das hier überhaupt noch jemand? Bei den Preisen heute abend Freude über den Bären für Lav Diaz, auch wenn ich den neuen Film leider nicht sehen konnte. Dafür kenne ich alle bisherigen – und hatte auch einen verlässlichen Gewährsmann zur Berichterstattung im Kino. Selber zum sicher dritten Mal Böttchers »Jahrgang 45« gesehen, und dabei zum ersten Mal die volle Wucht der stereotypisierten Frauendarstellung wahrgenommen. Eigentlich faszinierend, wie sich jemand, der sich so vehement als Anti-Ideologe gibt, so durch und durch ideologisch sein kann. Im ganzen Film gibt es fast keine Einstellung, in der eine der samtweg bardothaft schmollmündigen jungen Frauen etwas anderes tun darf als mit den anwesenden Männern zu kokettieren. Naja, ab und zu streich sich auch eine vor dem Spielgel eine Locke aus der Stirn. Und einmal darf Li, die Hauptheldin, die ausgerechnet Säuglingskrankenschwester ist, sogar Arbeit spielen und ein Baby auf eine Waage legen. Die Jungs dagegen sind die ganze Zeit in Aktion mit Expandern, Autos, Mopeds oder anderen Objekten.

Und auch das Filmgespräch zwischen Ralf Schenk und Böttcher förderte einigen interessanten Klatsch aus der DDR-Filmgeschichte zu Tage, quälte aber durch die geschwätzigen Eitelkeiten des Regisseurs, der es sich am Ende nicht einmal verkneifen konnte, seine nächsten Ausstellungen als Maler anzupreisen. Erfrischend und notwendig da der weibliche Gegenblick unter anderem in einem Programm mit frühen Kurzfilmen aus den Mittsechzigern von Ula Stöckl, Jeanine Meerapfel und Helke Sanders (Titel: »First Steps«), die auch persönlich anwesend waren. Besonders schön Ula Stöckls »Sonnabend, 17 Uhr«, eine scheinbar locker nebenbei hingeworfene Folge von Beobachtungen und kleinen Interventionen zum Feierabendverhalten von Jugendlichen in München, die aber präzise und anschaulich die damalige Ambivalenz zwischen biederem Nachkriegsmief und jugendlicher Aufmüpfigkeit treffen.

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