Uncosy Crime
Gestern Abend warf ich meine Pläne über den Haufen, als ich in der Fernsehzeitschrift einen überraschenden Namen entdeckte. Ich musste erst zweimal hinschauen, aber es hatte tatsächlich den Anschein, als habe Nicolas Winding Refn Regie bei einer Folge der Serie „Agatha Christies Marple“ Regie geführt. Ich machte mich auf einen ziemlichen Kulturschock gefasst, als ich den Sender One einschaltete, auf dem „Das Schicksal in Person“ lief.
Normalerweise lasse ich die Miss-Marple-Serien links liegen. Wenn ich mal in sie hineingerate, erscheinen sie mir oft ein wenig mau und ich finde, die Amateurdetektivin ermittelt stets zu zurückhaltend, mitunter geradezu passiv. Kein Vergleich mit dem energischen Gebaren von Hercule Poirot, dem David Suchet eine hingebungsvolle Eitelkeit verleiht: Grandezza schlägt Bescheidenheit. Aber wenn sich so ein wüster Bilderstürmer wie der Däne für Miss Marples Fälle interessiert, schoss es mir nun durch den Kopf, könnte ich ja eventuell falsch liegen. Aber wie kam es überhaupt dazu?
Die Frage ist zweiteilig. Weshalb der Regisseur 2007 diesen Auftrag annahm, lässt sich rasch beantworten: Er war pleite. Nach dem Misserfolg seines vorangegangenen Films „Fear X“ (2003) geriet seine Produktionsfirma in große finanzielle Schwierigkeiten. Er brauchte dringend Arbeit. Nach „Nemesis“, so der Originaltitel von „Das Schicksal in Person“, drehte er sogar noch eine weitere Episode, „Towards Zero“, wo er sich die Regie allerdings mit David Findley teilt. Was vielleicht ein schlechtes Zeichen war. Beide blieben im Vorspann ungenannt.Später nannte er in einem Interview die Arbeit in einem so konventionellen Format als „extrem erniedrigend“ fand aber zugleich, dass sei das Beste gewesen, das ihm zugestoßen sei: ein reality check, eine Etappe der Besinnung, nach der er sich neu (bzw. subversiv wie zuvor) sortieren konnte. :
Weshalb die Verantwortlichen bei ITV jedoch überhaupt auf die Idee kamen, den dänischen Rabauken zu engagieren, konnte ich im Netz bisher nicht herausfinden. Für gewöhnlich saßen bei der Serie gestandene Fernsehleute im Regiestuhl, darunter Tom Shankland, dessen Name mir aus interessanten Serien wie „Ripper Street“ und „House of Cards“ bekannt ist und der für seine Neuverfilmung von „Der Leopard“ im letzten Jahr flaue Kritiken erhielt. Winding Refn ist neben Hettie Mcdonald der einzige Regisseur mit beachtlichen Kino-Credits. Sie ist allerdings nach ihrem schönen Debüt „Beautiful Thing“ (1996) ins Fernsehen abgewandert (wo sie viel beschäftigt war und auch einige prächtige Hercule Poirots inszenierte), bevor sie sich vor drei Jahren mit „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ zurückmeldete. Generell setzen die Produzenten bei „Agatha Christies Marple“ wohl eher auf angemessen gediegene Talente. Ob sie sich von dem Regisseur der „Pusher“-Trilogie nun frischen Wind versprachen, womöglich sogar eine gewisse Subversion? Ein regisseur als Nemesis des eigenen Formates - das wäre doch mal was.
Schon in den ersten Minuten von „Das Schicksal in Person“ (gewiss noch eine Weile in der Mediathek der ARD) merkt man, dass er das betuliche Format durchaus aufmischen will. Er zieht das Tempo an, die Montage ist rissig. Manchmal bricht ein Spannungsbogen ab, um kurz darauf wieder brüsk gespannt zu werden. Das Ganze beginnt 1940 mit dem Absturz eines deutschen Kampffliegers während der Luftschlacht um England, der von einer Einheimischen gerettet wird. Elf Jahre später erfährt Miss Marple (Geraldine McEwan) aus der Zeitung vom Tod eines von ihr hoch geschätzten Philanthropen. Als Vermächtnis hinterlässt er ihr ein Grammophon sowie eine Schallplatte, auf der er sie bittet, ein Verbrechen aufzuklären. Kurz darauf erhält sie eine mysteriöse Einladung zu einer Busreise, die sie gemeinsam mit ihrem Neffen und zehn anderen Reisenden antritt, die auf rätselhafte Weise alle miteinander verbunden sind. Der abgestürzte Pilot darunter sowie ein Dünkirchen-Veteran, dessen Gesicht von bizarren Narben entstellt ist. Die Spur führt also zurück in den Krieg,
Die Folge ist recht prominent Besetzt mit Richrd E. Grant, Dan Stevens und anderen. Mit Amanda Burton, die hier eine undurchsichtige Nonne spielt, arbeitete Winding Refn kurz darauf noch einmal bei „Bronson“ zusammen. Ruth Wilson spielt die langbeinige Reiseleiterin, die sich auch als wackere Busfahrerin entpuppt. Der Aufhänger der Reise, deren Route immer tiefer in das zu lösende Rätsel führt, ist reizvoll, denn sie erlaubt dem Regisseur, einen fremden Blick auf englische Landschaften und Geschlechterverhältnisse (der Kriminalfall hat einen queeren Kern) zu werfen. Und nun befinden wir und im Herzen Englands, erklärt Wilson den Passagieren einmal, die ihre Heimat dann irgendwie auch mit anderen Augen sehen. Der Parcours durch die langen Schatten alter Sünden ist ziemlich dynamisch in Szene gesetzt, zuweilen mit befremdlichen Weitwinkeln und verstiegenen Perspektiven. Diverse Spiegel setzt er in diesem Spiel mit der Duplizität auf irritierende, wenngleich naheliegende Weise ein. Die Wahrheit kommt ans Licht, soviel sei verraten. Nach „Towards Zero“ werde ich Ausschau halten.




Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns