Reden und Zuhören
Vor einigen Wochen nahm ich mir vor, meinen Freund Rainer auf die Probe zu stellen. Ich hielt mich nicht mit langen Vorreden auf, sondern kam gleich auf den Punkt. „Was hälst Du“, fragte ich ihn, „von einer Bamberova Potevka?“ Er musste nicht einmal eine Sekunde überlegen, bevor er antworte: „Sie ist deliziös“.
Zu dieser Geistesgegenwart musste ich ihm gratulieren. Er hatte „Mein Essen mit André“ von Louis Malle zwar seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen, aber diese Szene hatte er augenblicklich parat. Wallace Shawn erfährt, dass es sich bei besagter Speise um eine russische Kartoffelsuppe handelt, die er dann treuherzig bestellt. Ich hoffe, sagte Rainer, dass ich jetzt nicht so einen nervösen Tick entwickle wie der greise Kellner. Es war einer unserer gemeinsamen Lieblingsfilme gewesen, über den wir oft diskutierten. Mit dem Milieu der New Yorker Theaterleute hatten wir wenig zu schaffen, aber der forschende Dialog, der sich über zwei Filmstunden zwischen André Gregory und Wally Shawn entspinnt, zog uns in den Bann. Sie philosophierten über die Frage nach dem authentischen Leben, über Entdeckerfreude, die Überwindung der eigenen Grenzen.
Ich hatte das Zweipersonenstück frisch wiedergesehen, da ein Artikel meine nostalgische Neugier weckte (https://www.indiewire.com/features/interviews/andre-gregory-wallace-shawn-moth-days-my-dinner-with-andre-1235187257/). Das Zwiegespräch war 40 Jahre später noch nicht abgebrochen und die Zwei wirken ziemlich rüstig. Dass Gregory seinerzeit den Eindruck hatte, in New York würde sich der Faschismus Bahn brechen, war uns beiden gnädig entfallen. Beim Wiedersehen fand ich, dass das eine fixe Idee war, die nun in den USA aber zunehmend relevanter wird.
Ich glaube, uns beiden hatte damals einfach ihr kurioses Gespräch gefallen, das in tausend Richtungen ging und in dem sie ihre unterschiedlichen Lebensauffassungen artikulieren. Gregory war um die halbe Welt gereist, um sich endlich wirklich zu spüren. Shawn freute sich schon über den Kaffee, der daheim vom Frühstück stehen geblieben war. Sein Gegenüber kennt die Speisenkarte aus dem Effeff, er tastet sich schüchtern voran. Unsere Erinnerung (oder die deutsche Synchronfassung) hatte uns übrigens getäuscht, es handelte sich nicht um eine russische, sondern eine tschechische, gegebenenfalls auch polnische Kartoffelsuppe, deren Name dementsprechend variierte. Dank des Films wurde sie zum Verkaufsschlager im New Yorker „Café des Artistes“, wo die Dreharbeiten stattfanden.
Rainer liebte es, wenn Ironie im Spiel war. Aber wir merkten auch, dass die Zwei eine durchaus skeptische Freundschaft verband. Uns war es zeitweilig nicht anders ergangen. Und ihre absolute Vertiefung ins Gespräch, dank der ihnen partout nicht auffällt, dass sie schließlich die einzigen Gäste sind, kannten wir ebenfalls. „Mein Essen mit André“ verband sich mit zwei Filmen, die uns in den frühen 1980ern mächtig beschäftigten. Der eine war „Gewalt und Leidenschaft“, unser damaliger Lieblingsfilm von Visconti, der eine ungleich melancholischere Lebensrückschau war. Wenn man es recht bedenkt, ist es schon ziemlich idiotisch für zwei Mittzwanziger, sich bereits mit dem Rückzug aus dem Leben zu identifizieren Auch bei Visconti gab es einen kulinarischen Satz, der uns im Gedächtnis blieb. Burt Lancaster bietet seinen ungebetenen Gästen eine Salami an, die er als „eine besonders pikante Sorte“ anpreist. Ein anderer Film von Malle hatte seinerzeit + noch größere Bedeutung für uns: „Das Irrlicht“. Ob ich ihm einen Film empfehlen könne, fragte mein Freund mich oft, der von ebensolcher Konsequenz sei. An dieser Aufgabe scheiterte ich; sie war unmöglich.
Rainer war kein Kinogänger. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir je zusammen in einen Film gingen und er berichtete praktisch nie von Kinobesuchen. Seine Filmbildung verdankte er dem Programm der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Und da dies in den 1970er und 80ern sehr anspruchsvoll war, verfügte er über einen hervorragendes Wissen. Im Sommer 1977, in dem wir uns kennenlernten, lief im WDR eine umfangreiche Renoir-Retrospektive. Er war der erste von uns, der sich einen Videoplayer kaufte. Seine Sammlung wuchs eindrucksvoll an. Das französische Kino war bestens vertreten, was unseren literarischen Interessen in dieser Zeit entsprach. der Begeisterung für das große Romanjahrhundert, aus dem er besonders die sarkastischen Gesellschaftsporträts von Guy de Maupassant schätzte. Die Nouvelle Vague begeisterte ihn, ihm behagte das Lebensgefühl, das aus Rohmers „Die Sammlerin“ sprach. Auch der Antoine-Doinel-Zyklus von Truffaut sagte ihm viel. Chabrols Boshaftigkeit jedoch hatte es ihm besonders angetan, „Die Fantome des Hutmachers“ wurde rasch zu seinem Favoriten. An den dekadenten Skandalfilmen der Epoche, „Der letzte Tango in Paris“ und „Das große Fressen“, konnte er sich ergötzen, später kam „Der Saustall“ von Tavernier hinzu, dessen maliziöse Dialoge er sich auf der Zunge zergehen ließ. Das Hollywoodkino reizte ihn wenig. Zu den Ausnahmen zählten „Chinatown“, „The Big Sleep“ und „Sheila“, dessen Heimtücke ihn köstlich amüsierte. Das Drehbuch von Anthony Perkins und Stephen Sondheim ist wie ein Kreuzworträtsel angelegt – dieser Zeitvertreib sollte später eine seiner großen Passionen werden.
Wir fingen fast gleichzeitig mit dem Studium an, er in Bielefeld und ich zunächst in Münster. Der Freitagabend wurde zum festen Termin für unsere Treffen. Anfangs studierte er Wirtschaft – er hatte ein Händchen für Geldanlagen -, wechselte bald aber zu Psychologie über. Als ich nach Berlin ging, trafen wir uns naturgemäß seltener, dafür aber länger. Rainer hatte Ausdauer. Unsere Sitzungen dauerten meist so lang wie ein Arbeitstag; vor zwei, drei Uhr nachts trennten wir uns selten. Das geduldige Personal des „Café des Artistes“ hätten wir auf manch harte Probe gestellt.
Unsere Gesprächsthemen blieben nie lange liegen, stets gab es einen Faden, den wir aufgreifen mussten. Es ging viel um die Reisen, die er unternommen hatte, in der Regel mit seinen jeweiligen Partnerinnen. Hauptsächlich führten sie nach Frankreich, oft nach Italien und gelegentlich Spanien. Sein Fernweh besaß eine gewisse Systematik: Es gab immer noch einen Ort, der ihm „fehlte“. Er hatte dann viel Literatur im Gepäck, vor allem Führer und Geschichtsbücher zur jeweiligen Region. Manchmal folgte er einfach einer spontanen Neugier. In den ersten Jahren war er der André Gregory in unserem Gespann. Da mir die Rolle des stubenhockenden Wally Shawn nicht gefiel, hatte ich viel aufzuholen.
1995 nahm er einen Posten als Schulpsychologe in Sachsen-Anhalt an. Anfangs schlug ihm dort ein doppelter, paradoxer Argwohn entgegen. Schulpsychologen, das fand er rasch heraus, waren in der DDR meist inoffizielle Mitarbeiter der Stasi gewesen. Und als Westler fühlte er sich nicht willkommen. Letzteres besserte sich im Lauf der Jahre nicht wesentlich. Ich bewunderte Rainer ungeheuer dafür, dass er es dennoch dort aushielt: am Ende mehr als ein Vierteljahrhundert. Nach einer Weile entschloss er sich, lieber im Westen zu wohnen, erst in Goslar, dann in Königslutter. Ich glaube, eine Gabe half ihm hier sehr: Er konnte sich selbst genüge sein. Es gab reichlich Interessen, denen er sich widmen konnte.
In der Freizeit setzte er seine Leseabenteuer fort und kochte viel nach von dem, was er in der Ferne kennengelernt hatte. Seiner Vorliebe für Sekt und Champagner blieb er unerschütterlich treu. Er schaute viel fern, kanalisierte seine Wissbegier nun in Quizsendungen und entwickelte ein Faible für adrette Polizisten wie den jungen Inspektor Morse und Murdoch (aus den Mysteries). Wenn die Stones auf Tournee gingen, gab er ein Vermögen aus, um sie zu erleben: am liebsten hier in der Waldbühne. Im Gegenzug genoss ich seine Gastfreundschaft. Da seine Dienststellen regelmäßig wechselten – es wurde empfindlich an Personal gespart und die Zuständigkeitsbereiche wurden dementsprechend größer – lernte ich das Bundesland ganz gut kennen. Seine Aufgaben wurden zusehends bürokratischer, er hatte weniger Zeit, sich direkt mit SchülerInnen und LehrerInnen auseinanderzusetzen. Ein paar Verbindungen blieben bestehen, nachdem er vorzeitig in den Ruhestand ging.
Als Rainer vor einer Woche beerdigt wurde, las ein Angehöriger aus dem Kondolenzschreiben einer Schulleiterin vor: Er sei ein guter Zuhörer, Berater und Unterstützer gewesen. Vor acht Jahren war bei ihm eine Krankheit entdeckt worden, von der er sagte, dass man nichts für sie kann und gegen die man auch wenig unternehmen könne: Lungenfibrose. Vicky Krieps leidet an ihr in „Mehr denn je“ von Emily Atef. Seine Lungenfachärztin gab ihm höchstens anderthalb Jahre. Er nahm ab, lief jeden Tag zehntausend Schritte, stellte seine Ernährung um, erkundigte sich nach den geeigneten Kräutern und den besten klimatischen Bedingungen. Das imponierte mir sehr. Zeitweilig verbesserten sich seine Werte - auf wundersame Weise, wie seine Ärztin meinte, der es insgeheim missfiel, wie beharrlich er ihre Diagnose widerlegte. Im Sommer des letzten Jahres verschlechterte sich sein Zustand zusehends. Im Juni benutzte er das Sauerstoffgerät nur sporadisch, eine Viertelstunde reichte aus. Im Oktober brauchte er es 24 Stunden am Tag. Unser letztes Treffen dauerte dennoch bis in die Morgenstunden.
Danach telefonierten wir wöchentlich. Es empfahl sich, nachmittags oder abends anzurufen. An seine Hustenattacke in den ersten Minuten unserer Gespräche gewöhnte ich mich. Es gab auch gute Tage. Inzwischen hatte er in Königslutter eine Alltagsbetreuerin gefunden und verließ das Haus nur noch einmal, für einen Arttermin. Sein Fernweh hatte ich nach wie vor im Sinn. Da ihn der „Atlas der abgelegenen Inseln“ von Judith Schalansky faszinierte, hatte ich Travis Elboroughs „Atlas der vergessenen Orte“ für ihn gekauft. Während der Fussball-WM trug ich Sorge, ihn in der Halbzeit abzupassen. Die Hitzewelle ertrug er schlecht. Mein Versprechen, unsere Kartoffelsuppe zu kochen, löste ich nicht mehr ein.
Als seine Beerdigung bevorstand, musste ich unweigerlich an eine seiner Lieblingsszenen aus Truffauts „Geraubte Küsse“ denken. Der Privatdetektiv, bei dem Antoine Doinel zeitweilig in die Lehre geht, hat für solche Gelegenheiten eine goldene Regel: danach ins Bordell gehen. Das war keine Option. Stattdessen wurde mir in den Gesprächen mit Rainers FreundInnen danach etwas klar, für das ich ihn erneut bewunderte: Er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, wie es ihm ging – aber keiner von uns hatte je gehört, dass er sich beklagte.






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