Im Steinbruch des Mythos

Als im letzten Herbst „Rückkehr nach Ithaka“ herauskam, war meine Kollegin Alexandra Seitz sehr angetan von dieser Odyssee-Variante. In der Bilanz des Lobes, mit der ihre Kritik endet, kommt ein Adjektiv vor, das mich damals beim Lesen verblüffte: bescheiden.

Bestimmt war dies nicht als Synonym für „anspruchslos“ oder „schlicht“ gemeint, sondern im Sinne einer erfreulichen Unaufdringlichkeit zu verstehen. Aber ich frage mich, ob die Kollegin bei der Wahl dieses Eigenschaftswortes nicht bereits Christopher Nolans Version des Stoffes im Hinterkopf hatte, deren Erscheinen im November 2025 immerhin längst abzusehen war. Die Frage stelle ich relativ unschuldig, also nicht dahingehend, dass sie dieser schon im Vorfeld eine Unbescheidenheit unterstellen würde. Ob Regisseur Uberto Pasolini und seine Produzenten sich bei der Drehbucharbeit und Realisierung der ihnen bald zuwachsenden Konkurrenz gewahr waren, möchte ich hingegen bezweifeln: Solch unabhängige Produktionen brauchen lange. Nun ist es aber so, dass es Nolan meist gelingt, seine filmischen Vorläufer nachhaltig (und in aller Unbescheidenheit) zu überschreiben - gerade so wie übrigens auch Homer. Können Sie noch den Regisseur des skandinavischen Originals von „Insomnia“ nennen? Selbst Tim Burtons „Batman“-Filme wurden kaum noch erwähnt, als er seine Trilogie über den Dark Knight drehte.

Schon allein in dieser Hinsicht ist der Essay begrüßenswert, den Patrick Holzapfel heute im „Filmdienst“ über frühere Verfilmungen der Odyssee veröffentlicht hat. Ein solches Vorhaben liegt nahe (etwa, um eventuelle Embargos zu umgehen), ist in seiner thematischen Durchdringung aber wohl nur von diesem Autor zu erwarten (https://www.filmdienst.de/artikel/80542/verfilmungen-der-odyssee.) Natürlich spielt auch Pasolinis Film eine Rolle, der historische Radius reicht jedoch bis zu Georges Méliès zurück. Im Vorspann des Textes fällt der Begriff des „Steinbruch“, aus dem die Filmemacher sich bei diesem Stoff stets bedienen. Zugleich mir fiel auf, wie unbedacht wir den Titel des Versepos' gemeinhin verwenden. Ich beispielsweise habe ihn gern benutzt, um die zwei grundlegenden Erzählstrukturen bei Hawks zu benennen – sein Gegenstück ist hierbei das Eingeschlossensein. Aber die erste Idee interessiert mich in diesem Zusammenhang vorerst mehr, denn vor einigen Wochen stieß ich auf eine ganz unverhoffte Paraphrase des Mythos. Sie hat mit „Rückkehr nach Ithaka“ besagte Bescheidenheit gemeinsam, ist also mitnichten ein Monumentalfilm, sondern ein Italowestern: „Il ritorno di Ringo“ (Ringo kommt zurück, 1965) von Duccio Tessari, an dem Fernando di Leo als Regieassistent und Co-Autor (sowie als Darsteller, wie mir scheint) mitwirkte. Obwohl der Titel es nahelegt, und Team sowie Darsteller weitgehend identisch sind, schließt er inhaltlich übrigens nicht an „Una pistola per Ringo“ (Eine Pistole für Ringo) an, der im selben Jahr herauskam.

Vielmehr schürft er zuversichtlich in oben genanntem Steinbruch. Er setzt zwei Monate nach Ende eines weitaus kürzeren Krieges ein, des amerikanischen Bürgerkriegs. Dieser Ringo (Giuliano Gemma) hat auf Seiten der Nordstaaten gekämpft und kehrt jetzt in seine Heimat nahe der mexikanischen Grenze zurück. Dort ist nichts mehr, wie es bei seiner Einberufung war. Das Anwesen seiner hochangesehenen Familie – Ringos Vater war ein ehrwürdiger Senator, aber vom Ödipuskomplex keine Spur– hat eine Bande mexikanischer Granden in Besitz genommen, von denen einer seine Frau heiraten will. Seinen Ehering löst Ringo vom Finger, nachdem er die Hand in einen Suppentopf getaucht hat. Er legt seinen Blaurock ab und färbt Haut & Haar, um nicht erkannt zu werden. Der Fremde gibt den Bewohnern des Ortes dementsprechend Rätsel auf: Ist er ein Gringo, Mexikaner oder Indio?

Mithin eine Prämisse, die so frevelhaft ist wie Sergio Leones Abkupfern von „Yojimbo“ für seinen ersten Dollar-Film. Die Hilfe, die Ringo für seinen Rache- und Wiedereroberungsfeldzug zuwächst, scheint auf Anhieb wenig vielversprechend: ein redseliger Florist mit dem kuriosen Namen Miositis und ein trunksüchtiger Sheriff, der den Whisky dank seines in einen Flaschenzug umgewandelten Schals ohne Händezittern zu den Lippen befördert. Ein Schelm, der dabei an „Rio Bravo“ denkt - fürwahr, Tessari und Co stehlen bei den Besten. Der Shootout auf der Straße, der das glorreiche Vorbild zitiert, wird indes schamvoll in Nahaufnahmen fragmentiert. Das Finale ist hingegen so explosiv wie bei Hawks. Gleichviel, Ringo wird bei seinem Vorhaben auch gleich die Zivilgesellschaft des Ortes rehabilitieren und ihre Wehrhaftigkeit entdecken lassen. Die Anfechtungen, die Odysseus auf der Heimreise überstand, sind hier an den gegenwärtigen Ort gebunden; an die Stelle von Kalypso und Kirke tritt eine Bardame/Hure, die zudem eine resolute Wahrsagerin ist.

Ringos Ehefrau erkennt ihn erst nach einer guten Stunde. Sie liebt ihn unverbrüchlich und gemahnt ihn an seine Verantwortung für das Gemeinwesen. Tessaris Thema ist die Zivilcourage: Wer keine Angst hat, stirbt nur einmal, die anderen hingegen tausendmal. Dazu gibt es auch ein gegensätzliches Dialogmotiv: Einer, der keine Angst hat, hat auch keine Hoffnung mehr. Das geht nicht vollends nach den Regeln des Genres aus. Dieser Heimkehrer hat keinen Sohn, sondern eine Tochter im Puppenspielalter, die nichts von ihrem Vater wusste. Als Ringo einen Gegner niederschlägt, begrüßt sie den Fremden ohne Arg. Sie ist überhaupt großartig, hilft ihm sogleich beim Laden seiner Waffen. Ich war nicht darauf gefasst, am Ende dieser Odyssee zu einer Drehbuchwendung zu gelangen, die der Resilienz von Kindern ein Denkmal setzt.

 

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt