Angewandte Entomologie

Wenn Regisseure sich als Insektenforscher bezeichnen, stimmt das glücklicherweise in den seltensten Fällen. Für den Japaner Shohei Imamura mag man diese Selbstbezichtigung noch gelten lassen, bei ähnlichen Bekenntnissen seines Weggefährten Nagisa Oshima sind schon Zweifel angebracht. Der Katalane Bigas Luna hat ebenfalls einmal den Blick des Entomologen für sich reklamiert, was angesichts seiner heißblütigen Melodramen immerhin interessante Perspektiven eröffnet.

Zum ersten Mal fiel mir diese Nomenklatur vor vielen Jahrzehnten in einem alten Interview mit Jacques Becker auf. Bei diesem zutiefst humanistischen Filmemacher verblüffte sie mich sehr, sein Kino schien mir doch weit entfernt von einem kühlen, wissenschaftlichen und tendenziell verächtlichen Blick. Handelt es sich hierbei eventuell ganz allgemein um ein Missverständnis in eigener Sache? Vielleicht entspringt es der inneren Notwendigkeit, einen gewissen Anstand zur eigenen Arbeit zu finden, womöglich ja auch der Furcht, bei einer allzu großen Nähe zu den eigenen Schöpfungen ertappt zu werden.

Filmkritiker wiederum scheinen mir in der Regel eher schlecht beraten, wenn sie eine solche Haltung einnehmen. In den letzten Tagen kamen mir allerdings Zweifel. Da wir in Berlin nicht nur einen extrem heißen, sondern auch feuchten Sommer durchmachen, wird meine Wohnung derzeit von einer Insektenplage heimgesucht, wie ich sie in diesem Ausmaß noch nicht erlebt haben. Eigentlich beobachtete ich seit drei Jahrzehnten einen eklatanten Rückgang.am Aufkommen dieser durchaus nützlichen Tierchen. Aber jetzt tummeln sich Frucht-, Eintags- und Stubenfliegen in riesigen Schwärmen bei mir. Zuerst war nur die Küche betroffen. Natürlich entfernte ich umgehend Obstschalen und andere Attraktionen, verbarg sie im Kühlschrank oder luftdichten Gefäßen. Auch die Biotonne, wo Larven niederträchtig im Wartestand kreuchten, leerte ich täglich. Allein, es half nichts. Die Plagegeister waren gekommen, um zu bleiben. Bald trieben sie ihren Schabernack auch im Wohnzimmer und fingen an, mir frech den Schlaf zu rauben.

Auf die Idee, ihnen radikal den Garaus auszumachen, kam ich erst am Sonntag, als die Drogeriemärkte geschlossen waren. Ich bestrich Backpapier mit Honig, der ihnen sehr mundete, aber an dem sie partout nicht kleben blieben. Durch Pfefferminzöl ließen sie sich ebenso wenig verscheuchen. Mit Hilfe einer Essigfalle (es muss kein Apfelessig sein, wie man im Netz liest, mitsamt Zuckerwasser und Spülmittel tut es auch der normale) gelang es mir, zumindest unter den Fruchtfliegen ein abschreckendes Massaker anzurichten. Gestern eilte ich gleich zur Geschäftsöffnung in die nächste Drogerie. Die transparenten, geruchlosen Leimfallen, die ich am den Fenstern anbrachte, zeitigen bislang keine Wirkung. Dass sie respektvoll insektizidfrei ist, beruhigte mein ökologisches Gewissen nicht wirklich. Pure Heuchelei vonseiten des Herstellers, dessen Geschäftsmodell ja nicht die Schonung der Brummer sein kann. Der klassische Fliegenfänger, den ich sicherheitshalber hinzugekauft hatte, vollbringt sein unbarmherziges Werk leidlich effektiv. 

Unterdessen war mir aufgefallen, dass mein Fernseher eine besondere Anziehungskraft auf die Fliegen ausübte. Das muss erst einmal nicht verwundern, denn sie gehen nach Licht und Wärme. Aber ihre Interaktion mit den dort laufenden Bildern erwies sich als überraschend komplexer. Zunächst krabbelten sie nur ziellos herum. Manchmal verharrten sie, etwa als Schönheitsfleck auf dem Gesicht einer Schauspielerin. Eines Abends begann ich, zur Vorbereitung eines Essays über Michael Mann (dem im kommenden Monat eine kleine Retro in Wien gewidmet wird), einige seiner Filme aufzufrischen. Bei »Manhunter« beobachtete ich ein bemerkenswertes Phänomen. Er schien meine ungebetenen Mitbewohner zunächst wenig zu interessieren, er war ihnen offensichtlich zu düster. In den klinisch hellen Szenen, in denen William Peterson den inhaftierten Brian Cox (als Hannibal Lector) befragt, änderte sich das schlagartig. Augenblicklich waren die Fliegen zur Stelle, surrten lebhaft über den gesamten Flachbildschirm. Einige von fraßen sich geradezu an der Oberfläche fest, als wollten sie taktil in das Drama eindringen.

Am folgenden Abend stellte ich fest, dass sie nicht nur von der ausgeklügelten Lichtdramaturgie Dante Spinottis fasziniert waren. Nun stand »The Insider« auf dem Programm, der noch einen stärkeren Eindruck auf sie machte. In der Szene, in der Al Pacino und Russel Crowe sich in einem japanischen Restaurant treffen, schmiegten die neugierigen Stubenfliegen sich zeitweilig präzise Manns Bildkomposition an. In einer Halbtotalen folgten sie akkurat einer Nahtlinie im Vordergrund und schufen so ein sachtes kompositorisches Gegengewicht zu dem vertraulichen Gespräch. Später fiel mir auf, dass sie, wann immer Al Pacino in Nahaufnahmen zu sehen war, wild um seinen Haarschopf herum schwirrten. Sie gingen also keineswegs nur nach der Helligkeit, sondern entpuppten sich als Bewunderer des Method Acting. Daraus könnte ich nun die Lehre ziehen, bei Insektenplagen einen Bogen um Mann zu machen. Aber mir gefällt der Gedanke besser, dass Licht und Wärme natürliche Komponenten der Cinéphilie sind.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt