Das Wunder der Verfügbarkeit

Gestern war der Tag gekommen, den ich seit Jahren fürchtete. Ich hörte es schon am Klang der Stimme meines Redakteurs. Er musste nicht mehr sagen als „Jetzt ist es passiert“, damit ich wusste: Bertrand Tavernier ist tot. Seit mehr als zwei Jahren wartete er auf den Nachruf. Aber es war der eine Nekrolog, den ich nicht zu Lebzeiten des Betroffenen schreiben konnte.

Wie könnte ich mich von ihm verabschieden, wo wir doch jedes Jahr zu Weihnachten Karten austauschten, wo er mich regelmäßig über seine Aktivitäten informierte, mir die Vorworte schickte, die er für Bücher schrieb oder einen Link zu dem Blog, in dem er DVDs und Blu-rays besprach? Zuletzt hatte er stolz berichtet, er habe einen unbekannten Roman von Ernest Haycox ausgegraben, der nun im Verlag „Actes Sud“ in französischer Übersetzung erschien. Er war erstaunt, dass ich als Junge dessen Western in unserer Bahnhofsbuchhandlung verschlungen und manchmal gekauft hatte, wenn sie verfilmt worden waren.

In einem Monat hätte ich ihm zum 80. Geburtstag gratuliert und er hätte mir diesen oder jenen Film ans Herz gelegt, an dessen DVD-Edition er gerade mitgewirkt hatte. Im letzten Jahr war ihm die Pandemie auf die Stimmung geschlagen, da nannte er meinen Geburtstagsgruß „einen kleinen Sonnenstrahl in einer Welt, die Angst einflößt“. Mir gefiel das „klein“, denn es zeigte, dass er mit dem Alter nicht sentimental geworden war. Natürlich wusste ich seit langer Zeit von seiner Krebserkrankung. Wir standen uns nicht so nahe, als dass er mir offen gesagt hätte, wie ernst es war. Vor ein paar Jahren schien er sich gut erholt zu haben. Dabei beließen wir es. Seine letzte Weihnachtsmail stimmte mich hoffnungsfroh. Aber auf die Zuversicht ist nicht immer Verlass.

Den Nachruf schrieb ich wie fremdgesteuert; es blieben kaum anderthalb Stunden Zeit bis Redaktionsschluss (www.welt.de/kultur/kino/article229172555/Bertrand-Tavernier-Der-Autorenfilmer-der-die-Western-liebte.html). In der Eile schrieb ich bei mir selbst ab. Das hätte ihm nicht gefallen: Er fand, dass man seine Meinung ständig überprüfen musste. Ich habe noch keine Vorstellung davon, was der Filmkultur in Frankreich und Europa nun fehlen wird. Er war unermüdlich zur Stelle, wenn er gebraucht wurde, als Filmemacher wie als Vermittler und als vernehmliche Stimme in den (film-)politischen Debatten. Er hatte nie gelernt, sich rar zu machen. Es gab immer eine Sache, für die zu kämpfen ihm lohnenswert erschien. 

Bertrand war ein Genie der Verfügbarkeit. Davon profitierte ich in einem Dialog, der mehr als 30 Jahre dauerte. Er war zugänglich, nicht nur, um über seinen eigenen Filme zu sprechen (er protestierte heftig, wenn ich sie didaktisch fand), sondern erst recht, wenn ich eine Fernseh- oder Radiosendung über einen Regisseur machen wollte, den er bewunderte. Als ich seinen Text über David Rayfiel, den Drehbuchautor, mit der er bei "Death Watch - Der gekaufte Tod" und "Um Mitternacht" wunderbar zusammenarbeitete (und später große Probleme hatte), an eine deutsche Publikation vermitteln wollte, fragte dieser unerbittliche Streiter für Urheberrechte nicht nach einem Honorar. Er hatte als Kritiker angefangen und nie aufgehört, sich schreibend einzusetzen für die, die er schätzte. Durch ihn sah ich das Hollywood- und das französische Kino mit anderen Augen. Er hatte keine Geduld mit Vorurteilen, was ein Ansporn war. Wenn ich es recht bedenke, war er die erste Autorität, der ich vertraute. Er war kein Verführer, sondern Überzeugungstäter. Nur zweimal erhielt ich eine Absage von ihm: Einmal machte ein Mittagessen mit dem Kulturminister uns einen Strich durch die Rechnung, bei der zweiten Gelegenheit verzögerte sich die Montage eines Films, sodass er nicht zu einer Veranstaltung über deutsch-französische Filmbeziehungen kommen konnte. Er war beruhigt, dass ihn Christian Berkel prächtig vertrat, den er seit der Arbeit an „Laissez-Passer“ (Der Passierschein) ungemein schätzte.

Ich sprach ihn stets als „Monsieur Bertrand“ an, was er nach ein paar Jahren umgekehrt dann auch tat. Ich glaube, uns beiden gefiel, dass dabei wenig Ironie im Spiel war. Erst spät fiel mir auf, dass er immer nur gab, ohne je eine Gegenleistung zu erwarten. Bei unserer letzten Begegnung durchbrach ich endlich diese Gewohnheit und schenkte ihm eine Serie von Briefmarken, die dem britischen Kino gewidmet war, darunter seinem alten Freund Michael Powell. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte; es war fast so, als hätte ich einen Pakt gebrochen, der ihm selbstverständlich schien. Seine Freigebigkeit war nicht selbstlos: Er suchte Mitstreiter. Seine Cinéphilie sollte anstecken. Natürlich hatten seine eigenen Filme ein Anliegen, von dessen Bedeutung er überzeugen wollte. Aber es galt auch, verschollene oder beschwiegene Reichtümer der Filmgeschichte zu entdecken und vor allem die Verkannten und Verfemten zu rehabilitieren. Défendre, verteidigen, war ein Schlüsselwort seines Lebens. Es war zuerst der Impuls seiner Kritiken und dann der Pressearbeit, die er in den 60ern zusammen mit seinem Kumpan Pierre Rissient leistete. Sie sorgten dafür, dass Filme von beispielsweise Sam Fuller in Paris mehr Zuschauer hatten als in den gesamten USA. In seinem Nachruf auf Pierre schrieb er, er lasse uns Cinéphile als Waisen zurück. Ich erwiderte: auch als Erben. Aber wer soll Monsieur Bertrand beerben? Es gab keinen besseren Lehrmeister in der Kunst, das Kino zu lieben.

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