Im Zeichen der Margerite

Wer sich mit der Geschichte eines Filmstudios beschäftigt, wird unweigerlich mit Ungleichzeitigkeiten konfrontiert. Im Falle des großen französischen Filmkonzerns Gaumont muss er sich einen Reim auf das Nebeneinander von, sagen wir einmal, Georges Franju und Louis de Funès machen. Oder, um nur in den 1960er Jahren zu bleiben, von Louis Malle und Georges Lautner.

Was hier künstlerisch auseinander strebt, mag in den Bilanzen am Ende des Geschäftsjahres einen Sinn ergeben haben. Aber die Überlieferung stößt immer wieder auf den Widerstreit zwischen Erinnern und Vergessen. Nicht jeder seinerzeit populäre Film hat das Zeug zum Klassiker. Und nicht jeder Kassenschlager lässt sich exportieren. „Les Tonton flingeurs“ von Lautner etwa umgibt in Frankreich nach wie vor eine geradezu mythische Aura. Die Agentenkomödie war 1963 ein Renner und wurde Jahrzehnte später zu einem Dauerbrenner auf DVD. Aber trotz Lino Ventura und Bernard Blier, von Horst Frank und Sabine Sinjen mal ganz zu schweigen, ist „Mein Onkel, der Gangster“ hier zu Lande beinahe unbekannt. Liegt es daran, dass sich die gewitzten Dialoge von Michel Audiard so schwer übertragen lassen? Wie übersetzt man das legendäre „C'est du brutal!“ aus dem Munde Bliers, als er tapfer

ein Glas des hochprozentigen Klaren heruntergestürzt hat? Ich musste trotzdem lauthals lachen, als ich die Szene jetzt wiedersah in der Ausstellung „Gaumont: Seit es das Kino gibt“, die noch bis zum Ende des Monats im Berliner Institut francais zu sehen ist. Denn eigentlich funktioniert sie auch ohne treffsichere Übersetzung ganz prächtig. Denn in der nächsten Einstellung ist zu sehen, dass Jean Lefèvre nach dem Genuss des hochprozentigen Zeugs die Tränen in die Augen steigen und selbst Lino mit sich zu kämpfen hat. Er habe einmal eine Polin gekannt, die so was zum Frühstück trank, presst er heraus, aber das sei wohl doch ein Männergetränk. Vergangene Zeiten.

Bei Gaumont, deren Katalog weit mehr als 5000 Titel umfasst, fällt es schwer, einen Studiostil dingfest zu machen. Warum auch? Ein solcher Konzern stellt sich vernünftigerweise breit auf. Die Blume, welche Firmengründer Leon Gaumont 1895 als Hommage an seine Mutter Marguerite zum Firmenlogo kürte, hat viele Blüten. Der älteste noch immer aktive Filmkonzern der Welt – die Konkurrenz Pathé stieg ein Jahr später ins Geschäft ein - mag derzeit zwar in arge wirtschaftliche Turbulenzen geraten sein, aber seine Geschichte ist prunkend vielgestaltig.

Ich hatte zunächst angenommen, die Schau am Kurfürstendamm sei eine Art Auskoppelung der Jubiläumsausstellung, die vor fünf Jahren im Centquatre in Paris lief. Aber sie ist fokussierter (kein Wunder, sie ist unvorstellbar klein) und schmiegt sich zugleich ihrem Standort an: Die Auswahl der „Gaumont Actualités“, der stummen Wochenschauen, konzentriert sich auf Nachrichten aus Kaiserreich und Weimarer Republik, und die Filmplakate stammen aus Ost- bzw. Westdeutschland. Die Firmenchronik ist unterbrochen – die Wand mit den Jahren zwischen 1955 und 1964 musste aus Brandschutzgründen wieder abgebaut werden. Von einer Szenographie mag man bei diesem Kuriositätenkabinett ohnehin nicht sprechen. Gelingt es der Schau trotzdem, die wesentlichen historischen und künstlerischen Linien der Produktion herauszuarbeiten? Leidlich.

Sie hebt drei Regietemperamente hervor: Louis Feuillade, den französischen Meister des Serials, Jean Vigo sowie das Duo Nakache-Toledano. Die Firmenchronologie immerhin unterschlägt gelegentliche Konflikte zwischen Produzenten und Filmemachern nicht, macht die Verstümmelung von Jean Grémillons dennoch fasznierendem „Dainah la métisse“ namhaft und den Streit um die Verleihfassung von Vigos „L'Atalante“. Eine szenische Tour d' horizon durch 125 Jahre Gaumont-Geschichte ist auf das Genre Komödie reduziert. Die Ausschnitte sind munter assoziiert. Besonders ulkig fand ich die Debatte zwischen Pierre Richard und Jean-Pierre Marielle über die Vorzüge amerikanischer Pornos („Ihr Film hat ganze 46 Minuten Sexszenen! Die Amerikaner bringen in anderthalb Stunden 88 Minuten unter!“ - „Und die restlichen zwei?“ „Psychologie!“). Auch in dieser Montage gibt es ein mulmiges Augenzwinkern zum Standort Berlin: das Hitlerbärtchen, das Francois Cluzet in „Ziemlich beste Freunde“ abrasiert haben möcht, sowie den einschlägigen Schattenwurf auf Louis de Funès' Schädel in „Scharfe Kurven für Madame“ („Muskatnuss, Herr Müller!“).

Auf dem begrenzten Raum klaffen große historische Lücken. Die Bedeutung, die Jacques Becker, René Clair oder auch Alice Guy-Blaché für Gaumont hatten, wird immerhin angedeutet. Die Rolle, die Daniel Toscan du Plantier als Produktionsleiter spielte, ist knapp umrissen. Sie war prachtvoll („Carmen“ von Rosi und andere Opernverfilmungen, die Zusammenarbeit mit Fellini und Bergman) und verheerend (kostspielige Eskapaden in Brasilien und Italien). Der aktuellen Serienproduktion („Hannibal“ und „Narcos“) ist ein eigener Raum gewidmet. Es gibt auch eine interaktive Installation, die bei meinem Besuch nicht funktionierte. Ich hatte Freude an einigen ausgestellten Kostümen, etwa der Jacke und Mütze, die Vincent Cassel in „Alles außer gewöhnlich“ trägt. In Erstaunen versetzte mich das Nebeneinander von Danielle Darrieux' Leinenkleid aus „Madame de...“ und Gérard Philipes Uniform aus „Die Schönen der Nacht“: Sollte der junge Recke wirklich ebenso zierlich wie die vornehme Dame gewesen sein?

Das Berliner Arsenal begleitet die Ausstellung mit einer Retrospektive, die schon während des Französischen Filmfestes kurz aufflackerte und nun noch einmal bis zur Berlinale einen tieferen Einblick in die Gaumont-Produktion gestattet. Sie stellt ein reizvolles Korrektiv dar und setzt ganz andere Schwerpunkte. Darunter eine Reihe mit Filmen von Regisseurinnen; am 14. Februar gibt es einen Franju-Abend, an den Feuillades „Judex“ triftig anschließt. Von der Notwendigkeit der kleinen Godard-Werkschau könnte sogar ich mich überzeugen lassen (es laufen unbekanntere Videoarbeiten) und es freut mich, dass im Gegenzug Maurice Pialats Beitrag zum Gaumont-Portfolio so ausführlich sichtbar wird: Bei ihm ist die Wut eine Haltung, keine Attitüde. Weitere Facetten sind Regiearbeiten von Becker, Grémillion und Max Ophüls sowie Ausgrabungen von Gérard Oury (nein, keines seiner de-Funès-Vehikel, sondern ein Jugendfilm) und Robert Hossein. Sie waren längst vergessen; schön, dass nun an sie erinnert wird.

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