Alexandre, Francois, Emmanuel und die anderen

»Grâce à Dieu« (2019, Regie: François Ozon). © Jean-Claude Moireau

Bis vor einem Jahr konnte ich mir noch nicht vorstellen, dass François Ozon je durch eine Zeitungsmeldung zu einem Film inspiriert werden könnte oder dass er einmal von realen Ereignissen erzählen würde. Sein Kino verschrieb sich unbedingt und entschieden der Fiktion. Seine Filme verorteten sich in einer gewissermaßen unbestimmten Gegenwart oder spielten in einem bunten Nimmerland der Kinoerinnerungen. Sie blieben weitgehend unberührt von aktuellen politischen und sozialen Problemen.

Die Glaubwürdigkeit seiner filmischen Fabeln ließ sich nicht zwangsläufig an einer Alltagsrealität messen; sie entstand aus seinem souveränen Umgang mit Erzählkonventionen. Mit der Ankündigung seines nächsten Films stellte dieser Meister des Registerwechsels im letzten Jahr diese Gewissheit infrage. Brisanz besaßen viele seiner Filme, zuweilen auch eine beträchtliche Gravitas. Aber nun widmet er sich erstmals einem »großen« Thema (dem Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche), was sich auch darin zeigt, dass »Grace à Dieu« mit 137 Minuten sein bisher längster Film geworden ist. Vor seinem Frankreichstart am 20. Februar könnte er dem Regisseur juristische Probleme einbringen, die er und sein Verleih aber vorerst nicht zu fürchten scheinen.

Ende Januar strengte eine Frau, die als so genannter »Freiwilliger Laie« der Diözese von Lyon angehörte, eine Klage gegen die Nennung ihres Namens im Film an. Ihre Anwälte argumentieren, im Digitalzeitalter ließe er sich problemlos durch einen fiktiven ersetzen. Ozon ist dazu nicht bereit; die betreffenden Passagen seines Drehbuchs beruhten auf ihren tatsächlichen Einlassungen vor der Justiz und in der Öffentlichkeit. Es sei heuchlerisch, Identitäten zu verschleiern, die durch Presse und Medien längst bekannt seien. Das Prinzip seines Films ist es, die Opfer zu schützen, nicht die Täter. Er vertraut auf die Zuverlässigkeit seiner Quellen.

Sein Arbeitstitel lautete »Alexandre«, das ist der Rollenname von Melvil Popaud, was bereits erahnen lässt, dass die Opfer die Erzählperspektive vorgeben. Auch die weiteren Hauptfiguren, gespielt von Denis Ménochet und Swann Arlaud, sind ehemalige Schutzbefohlene des Priesters Preynat, der ab den 1970er Jahren zahlreiche Pfadfinder missbraucht haben soll. Der endgültige Filmtitel bezieht sich auf einen Lapsus, der dem Kardinal von Lyon, Philippe Barbiran, bei einer Pressekonferenz unterlief und der die Öffentlichkeit schockierte: Er sagte, die Fälle, die nun ans Tageslicht kämen, seien Gott sei Dank verjährt. Die Titeländerung stellt mithin einen empörten Film in Aussicht. In ein paar Stunden weiß ich mehr, dann läuft »Grace à Dieu« in der Pressevorführung im Berlinale-Palast.

Seit Januar steht Kardinal Barbarin vor Gericht: Ihm wird die Nichtanzeige der Straftaten angelastet, die Preynat begangen haben soll. Die Anklage geht davon aus, dass der Angeklagte sich der Unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht hat, als er diesen Anschuldigungen nicht nachging. Die Urteilsverkündung ist für den 7. März angesetzt. Die juristischen Vertreter der Katholischen Kirche dringen darauf, den Kinostart von Ozons Film zu verschieben, da er so kurz vorher einen unbilligen Einfluss auf die Urteilsfindung haben könnte.

Auch die Anwälte von Priester Preynat setzen sich gegen die Veröffentlichung des Films zur Wehr. Ihr Mandant ist geständig. Aber es gelte weiterhin die Unschuldsvermutung. Dieses hohe Rechtsgut sehen sie nun bedroht. Der Prozess gegen ihn wird voraussichtlich Ende des Jahres beginnen. Bis dahin wird es auch darum gehen, ein anderes Gut zu verteidigen: die künstlerische Freiheit.

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