Schere im Programm

»Highland 2«-Software

Im letzten Herbst las ich eine Studie des British Film Institute, die zu einem erstaunlichen Ergebnis kam. Nach der Auswertung filmographischer Daten stellten die Forscher fest, dass das Ungleichgewicht der Geschlechter in der heimischen Kinoproduktion des laufenden Jahres größer war als noch 1913.

Zwar war der Anteil weiblicher Darsteller im Jahresvergleich nur um ein Prozent zurückgegangen. Gleichwohl war der Befund niederschmetternd, denn schließlich hätte man erwartet, das britische Kino habe in 104 Jahren größere Fortschritte in Sachen Parität gemacht. Allerdings lässt sich aus der deprimierenden Statistik noch ein anderer Schluss ziehen: Repräsentation folgt keinem unumstößlichen Naturgesetz. Wenn der Quotient tragender Frauenrollen in der Frühzeit des Kinos einmal höher war, könnte er es auch in Zukunft wieder werden. Das öffentliche Bewusstsein für dieses Problem ist schließlich momentan größer als je zuvor.

Dafür könnte es nun eine einfache technische Lösung geben, wie gerade dem Londoner »Independent« zu entnehmen war. Die Drehbuchautorin und Time's Up-Aktivistin Christina Hodson hat gemeinsam mit ihrem Kollegen John August eine Software entwickelt, die zwar noch nicht automatisch ein Gleichgewicht der Geschlechter herstellt, aber zumindest eine Analyse möglicher Unterrepräsentationen ermöglicht. Das Drehbuchschreibprogramm »Highland 2« errechnet den jeweiligen Anteil von Auftritten und Dialogzeilen. Ob im Fall der Unausgewogenheit eine Warnsirene ertönt oder gleich automatisch der Rotstift angesetzt wird, war dem Artikel nicht zu entnehmen.

Hodson wird in ihm als eine Spezialistin für Frauen-affine Action-Szenarien vorgestellt; gleich drei ihrer unverfilmten Drehbücher tauchten auf der prestigeträchtigen »Black List« auf (siehe »Außerordentlich, ungeheuerlich, unglaublich« vom 31.12.2016 sowie dessen Sequel). Ihr nächstes Projekt ist »Bumblebee«, eine Erweiterung des »Transformers«-Universums. Auch August kann auf eine beachtliche Karriere zurückblicken. Seine Filmographie ist jedoch etwas durchwachsen, er hat ein gutes und und ein weniger gutes Buch für Tim Burton geschrieben und die bekanntermaßen mächtig frauengetriebenen »Charlie's Angels«-Actionkomödien. Nebenher hat er zahlreiche Apps für Drehbuchprogramme entwickelt. Im Hollywoodgeschäft müssen solche Leute sich traditionell vor allem selbst verkaufen können. Aber die Zwei scheinen ernsthaft bereit, über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken. Sie haben eine Mission, geben ein Heilsversprechen aus. Zunächst jedoch verstehen sie ihre Initiative als das Angebot eines Korrektivs. Hodson wird dazu mit dem Begriff »self-police« zitiert, wobei mir doch ziemlich mulmig wird.

Ihr Vorstoß macht bereits Schule, auch die Algorithmen von Programmen wie »Final Draft« sollen demnächst ein größeres Bewusstsein in Gender-Fragen entwickeln. Dieser Technologiegläubigkeit kann ich gedanklich nicht ganz folgen. Sie scheint mir so naiv wie der »Do no evil«-Schwur, auf den Google anfangs seine Mitarbeiter einschwor (das war natürlich lange bevor sie Software für das US-Militär entwickelten). Gewiss stelle ich es mir hilfreich vor, wenn ein Programm den Autor daran erinnert, dass auf Seite 66 gefälligst der nächste Plot Point kommen muss. Aber es entlastet ihn ja nicht von der Inspiration, ihn zu finden, wenn nicht gar zu erfinden. Von Drehbuchautoren darf man erwarten, dass sie mit dem eigenen Kopf denken. Was ist aus der guten alten Intuition geworden? Sie scheint suspekt geworden zu sein in Zeiten, in denen sogar die Selbstzensur mühelos an eine Technologie delegiert werden kann.

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