Eine vollendete Leidenschaft

Im Jahr 1930 warben zahlreiche Kinos in den USA damit, dass sie keine Musicals zeigten. Fürwahr eine erstaunliche Reklamemaßnahme, denn schließlich war dies Tonfilmgenre par excellence doch gerade erst erfunden worden und hätte die Nachfrage groß sein müssen. Zwar hat das Hollywoodmusical im Lauf seiner Geschichte immer wieder Glanzzeiten und Durststrecken durchlebt. Aber dass die Zuschauer bereits so schnell entzaubert gewesen sein sollten, war mir bisher unbekannt.

Wie launisch die Historie sein kann, ist eine von zahlreichen Erkenntnissen, die ich "La comédie musicale: la joie de vivre au cinéma", der neuen Ausstellung meines Freundes N. T. Binh verdanke. Sie läuft noch bis zum 27. Januar in der Philharmonie de Paris. Das Genre ist, wie ich aus vielen Artikeln, Filmeinführungen, Seminaren und von seinen Geburtstagsfeiern weiß, mehr als nur ein Steckenpferd für ihn. Die Schau hat er über mehrere Jahre vorbereitet, sie ist beinahe die Vollendung einer Leidenschaft. Das Musical fasziniert ihn nicht allein als Spielfeld der Virtuosität und des Wohlgefallens, ihn interessieren ebenso die Brüche, Verwerfungen und Widersprüche. Ihm gefällt auch, dass sich hier das Kino mustergültig als Gemeinschaftskunst zeigt. Für den Katalog sowie ein Dossier der Zeitschrift "Positif" hat er nicht nur Interviews mit Regisseuren, sondern auch mit Choreographen, Komponisten und Szenenbildnern geführt.

Der Untertitel der Schau feiert das Musical als schönste Propaganda für die Lebensfreude; den Auftakt bildet deren unangefochtene Hymne "Singing in the rain", die vor und nach der Glanznummer Gene Kellys eine wahnsinnig bewegte Karriere hatte. Wie im vorletzten Eintrag ist die Freude auch diesmal kompliziert und ihr Funktionieren keine Selbstverständlichkeit: 1930 steckte das Genre in seiner ersten Krise und drohte, den Reiz des Neuen einzubüßen. Es war ein Opfer seines schlagartigen Erfolgs geworden. Das Publikum war seiner Attraktionen überdrüssig, hatte in kurzer Zeit einfach zu viele schlechte, statisch inszenierte Tanznummern gesehen, zu viele flaue Lieder gehört, die zu lieblos interpretiert wurden. Zwei Jahre später wendete sich das Blatt dank der Busby-Berkeley-Musicals von Warner Brothers, deren flotte Massenchoreographien alsbald auch der Aufbruchsstimmung von Roosevelts "New Deal" Ausdruck verleihen sollten.

In der Philharmonie passieren die verschiedenen Epochen auf einer Schauwand Revue, sie wechseln sich per Wischblende ab, als jener Stilfigur der 30er Jahre, die den Beispielen der 30er Jahre zügig Tempo verlieh. Das Musical führte, das ist ein weiterer ungeläufiger Aspekt, auch ein Vorleben, das schon vor 1927 zum Anbruch der Tonfilmära drängte. Die Szenographie von Pierre Ginier entfaltet sich in Überfluss und Konzentration. Im Zentrum steht ein riesiger Saal, der von lauter Nischen umgeben ist, in denen verschiedene Aspekte, Facetten, Nuancen, Hintergründe und Traditionen verhandelt werden. Im großen Saal läuft eine 45minütige Kompilation von berühmten oder exemplarischen Szenen auf einer Projektionsfläche von 24 Metern Länge. Dieses Monumentalität unterstreicht noch einmal, dass sich das Kino bei diesem Genre im Vollbesitz seiner Kräfte befindet. Bei der Vernissage im Oktober gab es Szenenapplaus nach Kabinettstücken von Fred Astaire und Gene Kelly. So etwas erlebt man in einer Ausstellung sonst nie. Aber diese versteht es, ihre Besucher intelligent zu überwältigen.

Das Gedränge war groß am Eröffnungsabend, 1700 Gäste waren geladen - und mir kam es vor, als seien wirklich alle gekommen. Besonderer Andrang herrschte in dem Alkoven, in dem man bei Fabien Ruiz, dem Choreografen von »The Artist«, Unterricht in Step-Tanz nehmen kann. Ich verbrachte zwei Stunden in der Ausstellung und hatte längst noch nicht alles gesehen. Vor ein paar Tagen kehrte ich noch einmal zurück. Sie ist hervorragend besucht (an manchen Tagen sogar überbucht), obwohl die Philharmonie angesichts der Proteste der Gelbwesten immer mal wieder und ohne Vorankündigung ihre Türen schließt. Beim zweiten Besuch nun befremdete mich die monumentale Anmutung der großen Halle; sie entfaltet ihre Wirkung fast zu offensichtlich. Aber sie fungiert wie eine Piazza, um die sich eine Ortschaft organisiert. Im Vergleich zur Sergio-Leone-Schau, über die ich im Dezemberheft schrieb, ist mir das Ausstellungskonzept avancierter. Die Szenographie ist ein Sinnbild ihres Gegenstand, hält zu agilem Innehalten an – an manchen Stationen muss man lange verweilen -, und zugleich zu großer Beweglichkeit.

Aber Halt, dieser Text entwickelt sich allmählich zu einer herkömmlichen Ausstellungskritik. Er soll eigentlich die Geschichte eines glücklichen Kurators werden. Binhs neue Schau, die sich anschickt, den großen Erfolg zu übertreffen, der ihm und der Philharmonie 2013 mit "Musique et cinéma" gelang, zeigt ihn im Einklang mit seinem Thema, genauer: mit dessen Popularität. In ihr tritt seine Gabe ansteckender Begeisterung zu tage. Als Kurator setzt er nicht unbedingt die Arbeit des Filmkritikers fort. Tatsächlich bemerke ich seit ein paar Jahren mit leisem Bedauern, dass er vorgibt, immer weniger Lust am Schreiben zu haben. Er tut es nach wie vor und so gut wie eh und je. Aber zusehends eignet er sich ein Metier an, in dem sich Wissen szenisch darstellen lässt. Auch dies ist Gemeinschaftsarbeit. Schon seine früheren Ausstellungen – über Paris im Kino, über Jacques Prévert – zeichnete aus, dass sie demokratisch gedacht waren, volkstümlich auf eine Weise, die ihrem Thema gerecht wurde.

Stets war dabei Binhs Kennerschaft zu spüren. Sie nistet auch hier unaufdringlich in der Zugänglichkeit. Das Musical ist das einzige Hollywoodgenre, das traditionell die ganze Familie anspricht (was spannungsvoll und widersprüchlich ist, denn zugleich handelt es vom Begehren der Körper); die Ausstellung zielt nicht zuletzt auf die Spielfreude von Kindern. Ihre Geschichtsschreibung ist nicht puristisch. Der Rock 'n Roll, der Ende der 1950er das klassische Studiomusical verdrängte, hat mit einem Ausschnitt aus Elvis' »Jailhouse Rock« hier ebenso Hausrecht wie Tanznummern von Michael Jackson und Songs von Björk. Ihr Kurator ist ein Vermittler, kein Vereinfacher: ein Eingeweihter, der sich freut, wenn die Besucher der Ausstellung es auch werden.

 

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