Ein Hauptquartier

Können Sie auf Anhieb sagen, welches Ihr Lieblingskino ist? Ich kann es nicht, weder sofort noch nach reiflicher Überlegung. Die Antwort fiele mir gewiss leichter, wenn die Frage im Plural gestellt wäre. Aber selbst dann wäre sie wohl nicht unwiderruflich.

Da gibt es für mich eher Annäherungswerte. Natürlich entsteht eine enge Bindung zu einem Saal, den man häufig besucht. Sie hat wenig mit Komfort und oder einem anheimelnden Ambiente zu tun. Selbstverständlich sitze auch ich gern in gemütlichen Sitzen und in Reihen, die mir Beinfreiheit gewähren. Aber viele meiner Favoriten haben eine altersschwache Bestuhlung mit verschlissenen Bezügen. Diese Aura von jahrzehntelanger Nutzung macht sogar viel von ihrem Reiz für mich aus. Natürlich freue ich mich über eine gute Projektion, aber ob die technischen Ausrüstung nun auf dem absolut neuesten Stand ist, interessiert mich nur zweitrangig. Wichtiger ist der Geist des Ortes.

Selbst in Paris könnte ich, abgesehen von den zwei kleineren Sälen der Cinémathèque, keinen persönlichen Spitzenreiter nennen. Allerdings gibt es eine kleine Seitenstraße mit einer unglaublichen Dichte an Kinos, die ich oft und gern aufsuche: die Rue Champollion nahe der Sorbonne, wo sich im Abstand von wenigen Metern gleich drei Kinos mit doppelt so vielen Sälen drängen. Sie haben im Laufe der Jahre gelegentlich ihren Namen gewechselt. Nun heißen sie „La Filmothèque du Quartier Latin“, „Reflet Médicis“ und „Le Champo“. Das mittlere von ihnen beherbergte auf engstem Raum mal eine tolle Buchhandlung, der ich über diverse Umzüge treu blieb und deren Besitzer zuletzt von sich hören ließ, als er sich in den Ruhestand nach Übersee verabschiedete. Aufgrund der Nähe zur Sorbonne waren sie klassische Studentenkinos und spielten 1968 eine wichtige Rolle.

Das „Champo“ liegt, streng genommen, nicht in der Straße, deren Namen sie trägt, sondern an der Ecke zur Rue des Ecoles. Dafür hieß es schon immer so und ist seit 90 Jahren ein Familienbetrieb. In diesen Tagen feiert es sein stolzes Jubiläum. Das kleine Kino, das sich vor einigen Jahren die schlanke Silhouette Jacques Tatis als vergnügtes Emblem gegeben hat, begeht den Jahrestag in großem Stil. Unter der Patenschaft von Isabelle Huppert und Bertrand Tavernier zeigt es 50 Filme, die eng mit seiner Geschichte verbunden sind. Margarethe von Trotta präsentierte in diesen Tagen ihren Dokumentarfilm über Ingmar Bergman (wo das Kino einen Kurzauftritt hat!), davor führten Philippe und Louis Garrel in „La Jalousie“ ein, Pierre Arditi sprach nach der Vorführung von „Mélo“ über die Arbeit mit Alain Resnais; Sonntag stellt Michel Ocelot „Kiriku und die Zauberin“ vor, Juliette Binoche hält eine Master Class ab und zu guter Letzt diskutiert Tavernier mit dem Publikum über „Die Prinzessin von Montpensier“.

Ich kenne es vor allem als ein Reprisenkino, was es noch gar nicht so lange ist. Hier habe ich zum Beispiel viele Meisterwerke der großen Zeit der italienischen Komödie entdeckt. Ursprünglich war es wohl ein typisches Bezirkskino. Vor der Eröffnung 1938 stand hier eine Buchhandlung. Der Betreiber, ein Leuchtenfabrikant, der Kinofassaden ausstattete, stellte rasch fest, wie anspruchsvoll sein Publikum war. In seinem Haus wurde „Ein sonderbarer Fall“ von Marcel Carné und Jacques Prévert ein Riesenerfolg, der zuvor auf den Champs-Elysées durchgefallen war. Während des Krieges brannte das Kino einmal, aber es war nie lange geschlossen. 1955 kam ein zweiter Saal im Keller hinzu, in dem früher ein Nachtclub gewesen war. René Clair und die Regisseure der Nouvelle Vague waren Stammgäste. Francois Truffaut nannte das „Champo“ sein Hauptquartier. Als 1999 der neue Besitzer der Immobilie den Mietvertrag aufheben wollte, rettete eine Petition von Filmemachern und treuen Kinogängern das Kino. Anfang des Jahrtausends stellte die Stadtverwaltung das Gebäude unter Denkmalschutz. Seither ist das Kino renoviert worden; ich persönlich bevorzuge Saal Nr. 2, wo sich wie unter einem Sternenhimmel fühlt.

Für mich verbinden sich viele Erinnerungen mit dem „Champo“, was möglicherweise das zweitwichtigste Kriterium für ein Lieblingskino ist. Ich glaube, der erste Film, den ich dort sah, war „Das zweite Mal“ mit Nanni Moretti und Valeria Bruni Tedeschi, von der ich fand, dass sie meiner Begleiterin sehr ähnelte. Sie bestritt dies heftig, aber da wir einmal sehr verliebt ineinander gewesen waren, befeuerte die Ähnlichkeit meine Begeisterung für die Schauspielerin für viele Jahre.

Ein Vorzug des „Champo“ bestand seit jeher darin, dass es neben der „Brasserie Balzar“ liegt, wo Claude Sautet häufig gedreht hatte. Das beeindruckte meinen amerikanischen Freund Robert Osborne so sehr, dass es für eine Weile zu unserem Stammlokal bei seinen Paris-Besuchen wurde (was allerdings auch an der guten Küche lag). Damals fing das „Champo“ an, neben aktuellen Filmen viele Klassiker als Wiederaufführung zu zeigen. Ich erinnere mich an einen Spätnachmittag, in dem ich kaum glauben konnte, wie lang die Schlange vor der Vorführung eines fast vergessenen Ozu-Films aus dem Zweiten Weltkrieg, „Es war einmal ein Vater“, war. Während wir warteten, filmte uns ein Team des WDR für die Reihe „Wunderschön“ - wahrscheinlich als Beleg dafür, dass Paris noch immer die Welthauptstadt der Kinos ist. (Ich glaube, in den endgültigen Schnitt der Sendung hat es diese kleine Impression aber nicht geschafft.)

Als mein Freund Binh eine Ausstellung über Paris im Kino kuratiert hatte, lief im „Champo“ eine begleitende Filmreihe, die mit „Der eiskalte Engel“ eröffnet wurde. Mir ist noch lebhaft in Erinnerung, dass Alain Delon seinen Co-Präsentator Bernard Delanoe, den damaligen Bürgermeister von Paris, um Haupteslänge überragte, dieser sich aber als der gewitztere Moderator entpuppte. Ich war entzückt, dass ich nur zwei Meter von Claudia Cardinale entfernt saß, die Delon beim Herausgehen geflissentlich herzlich begrüßte.

Ein paar Jahre später moderierte Binh im Kino ein Gespräch mit Micheline Presle zur Wiederaufführung von „Der Teufel im Leib“. Während des Films fand ein Essen im „Balzar“ statt, wo die Schauspielerin sich als begeisterte Kinogängerin präsentierte. Sie gehörte zu den ersten Unterzeichnern der lebensrettenden Petition und hatte zusammen mit ihrer Tochter Tonie Marshall (genau, das ist die Regisseurin) viele Abende im „Champo“ verbracht. Sie wohnte noch immer in dem Viertel und erzählte, wie Tonie als Kind nachts in ihrem Schlafzimmer dem Ton der Filme gelauscht hatte, die der Nachbarschaft liefen. Dies alles ist eine sehr lange Antwort auf die Frage, die ich eingangs stellte. Im Grunde ist es nicht einmal eine richtige Antwort. Aber ein schöner Annäherungswert.

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