Das gehört nicht zum Handwerk

Gestern morgen las ich online einen sehr schönen Artikel aus der »tageszeitung«, von dem ich mir eigentlich vorgenommen hatte, ihn nicht zu mögen. Er weist auf eine Reihe im Berliner Zeughauskino hin, die von heute an einen Regisseur ins cinéphile, vielleicht gar öffentliche Bewusstsein rücken möchte, der auch mir weitgehend unbekannt ist, Peter Goedel.

Ich schätze den Verfasser des Textes seit langer Zeit, auch diesmal war es ein Vergnügen, seine Prosa zu lesen, deren Duktus wacker aus der Zeit fällt und mich jedes Mal wie eine Flaschenpost erreicht aus jener Zeit, als es noch die Zeitschrift »Filmkritik« gab. So scheiterte mein Vorhaben der Missbilligung, an dem festzuhalten ich allerdings gute Gründe hätte. Denn der Verfasser des »taz«-Artikels ist mit der Filmreihe eng verbunden: In der ebenfalls sehr schönen Publikation zur Filmreihe, »Das unbekannte Meisterwerk« wird diese als »ein Projekt« des Autors genannt, und die Texte stammen wohl ebenfalls von ihm. Zur Ehrenrettung der meisten Beteiligten darf ich festhalten, dass der Text als Abdruck der Rede kenntlich gemacht wurde, die heute zur Eröffnung der Filmreihe gehalten wird. Freuen kann ich mich über diese Verquickung dennoch nicht. Hat die Redaktion wirklich keinen Autor gefunden, der einen unbeteiligten Blick auf das Werk hätte werfen können?

Vielleicht hat sie ihn ja gar nicht erst gesucht. Das wäre schade, denn sie begibt sich damit einer wichtigen Aufgabe, die ich nach wie vor für unverzichtbar halte. Es ist wichtig, auf solch verdienstvolle Aktivitäten hinzuweisen. Aber die interessierte Öffentlichkeit hat das Anrecht auf eine zweite, vielleicht abweichende Meinung. In den letzten Jahren fällt mir die Personalunion von kuratorischer Beteiligung und journalistischer Reflexion (warum schreibe ich nicht gleich »Verwertung«?) immer häufig auf. Sie scheint in einigen Zeitungs- und Rundfunkredaktionen Usus geworden zu sein. Die Logik, die dahintersteht, ist nachvollziehbar: Warum sollte man nicht das Expertenwissen einholen für unbekanntes Terrain? Damit überträgt man den Kuratoren oder sonstwie Beteiligten allerdings auch fahrlässig die Deutungshoheit über ihre Arbeit.

Im Prinzip kann ich auch die Motive der Autoren verstehen. Manchmal brennt man derart für ein Thema, dass die einmalige Auseinandersetzung damit nicht reicht. Auch die Notwendigkeit, mehrfach daran zu verdienen, leuchtet mir ein. Es gibt Grauzonen (ich nehme an, für den Abdruck eines Redemanuskripts wird kein Honorar gezahlt), aber vor einem Dilemma steht man eben doch. Anständigerweise muss man als Autor da loslassen, das Feld anderen überlassen. Eigenwerbung ist keine journalistische Disziplin, aber es könnte eine werden. Vielleicht war sie es schon früher: Den Titel von Norman Mailers Essaysammlung »Advertisement for myself« habe ich nie als ironisch begreifen können, sondern immer nur als Versuch der Affirmation seiner eigenen Bedeutsamkeit.

Wahrscheinlich habe ich die heutigen Mechanismen der Aufmerksamkeit einfach noch nicht nicht verstanden. Andere sind da weiter. So spricht ein wiederum geschätzter Kollege, der aber auch ein hiesiger Kinobetreiber ist, in der wöchentlichen Kolumne einer Berliner Tageszeitung Empfehlungen für das aktuelle Kinoprogramm aus. Und der Leiter einer bedeutenden Filmstiftung veröffentlicht vielerorts, gerade vor ein paar Tagen erst in einer leider nur noch online erscheinenden Filmzeitschrift, Kritiken zu den DVD-Editionen eines Labels, das den Filmstock seiner Institution herausbringt. 

Es mag Sie verdrießen, dass ich hier keine Namen genannt habe. Aber vielleicht genügt es, dass sich die wiedererkennen, die gemeint sind.

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