Disney+: »City of Blood«

»City of Blood« (Miniserie, 2026). © The Walt Disney Company

© The Walt Disney Company

Philipp Kadelbachs urbane Dystopie ist eine der aufwändigsten deutschen Serienproduktionen der letzten Jahre und steckt voller Hommagen an berühmte Genrekultfilme, Gewalt und schauspielerischer Expressivität

Ein Beamter der Zollfahndung stoppt auf einer staubigen ländlichen Straße einen suspekten Lastwagen, aus dem Blut tropft. Neben dem in Schussweste gekleideten Mann sitzt ein aufmerksamer Schäferhund. In einer Totalen läuft der Beamte auf den Lastzug zu . . . Eine so deutliche Reminiszenz an »Mad Max 2 – Der Vollstrecker« (1982) mit einem deutschen Beamten ist nicht einfach umzusetzen. Und doch ist gerade solches Pastiche das Prinzip einer der aufwendigsten deutschen Serienproduktionen der letzten Jahre: Philipp Kadelbachs »City of Blood«.

»City of Blood« nimmt den Vampirmythos aus der Nacht und setzt ihn in ein hell flirrendes, sonnenüberhitztes Berlin. Das Schlüsselmotiv der von Kadelbach und Elena Lyubarskaya entwickelten Serie ist der Dome, eine klimatisierte, begrünte Zone für die Privilegierten, deren Technologie zugleich den Vampiren das Leben im Sonnenlicht ermöglicht. Was politisch als Antwort auf die Klimakatastrophe angepriesen wird, erweist sich als Instrument einer Ordnung, in der Schutz und Ausbeutung unauflöslich ineinandergreifen. Blut ist dabei Nahrung, Ware und Währung. Der menschliche Körper wird zur Ressource – und damit wird der Vampir vom übernatürlichen Schreckenswesen zum Modell einer Gesellschaft, in der Leben nach seinem ökonomischen Nutzen verteilt wird.

Die achtteilige Serie löst sich dafür weitgehend von ihrer Comicvorlage »Berlinoir« von Reinhard Kleist und Tobias O. Meissner und überträgt den Vampir in eine nahe Zukunft, die weniger futuristisch und »noir« als beschleunigt gegenwärtig wirkt. Berlin ist von Hitze, Armut und politischer Instabilität geprägt. Der Dome wirkt in dieser Umgebung wie die konsequente Architektur sozialer Ungleichheit: Draußen sammelt sich der Staub auf improvisierten Kühlsystemen, drinnen herrschen Grün, Sauberkeit und kontrolliertes Klima. Produktionsdesigner Matthias Müsse und Kameramann Philip Peschlow übersetzen diesen Gegensatz in eine Bildwelt, die ihre Wirkung gerade aus ihrer physischen Konkretheit bezieht. »City of Blood« will zeigen, wie eine Gegenwart aussehen könnte, deren Krisen sich weiter verschärft haben – und die Schauplätze dafür hat Berlin definitiv zu bieten.

Die eigentliche Spannung gewinnt »City of Blood« dort, wo die Fronten zwischen Mensch und Vampir verwischen. Johan Moderson, der Architekt des Domes, verfolgt durchaus die Idee einer Koexistenz. Doch sein Versuch, diese durch politische Macht abzusichern, führt geradewegs in jene Herrschaftslogik, die er zu überwinden vorgibt. Der Dome wird zum Wahlversprechen, sein Zugang zur politischen Währung. Oliver Lawal (David Schütter), der als populistischer Außenseiter beginnt, macht sich diese Dynamik zunutze und verwandelt soziale Entfremdung in politisches Kapital. Im Zentrum dieser politischen Konstruktion steht das Verhältnis der Schwestern Bea und Phoebe. Lea Drinda und Soma Pysall geben dem großen Gesellschaftsentwurf eine intime Form. Bea lebt geschützt, ist aber körperlich abhängig von einer Transplantation, und Phoebe kennt die Stadt von ihrer prekären Seite, ist in den illegalen Bluthandel geraten. Ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Recht, Schuld und Überleben sind deshalb ebenso Charaktergegensätze wie auch Resultate verschiedener sozialer Wirklichkeiten. Gerade hier findet die Serie zu ihrem präzisesten Gedanken, denn Moral ist abhängig von den Bedingungen, unter denen ein Mensch leben muss. Was aus privilegierter Distanz wie eine eindeutige Entscheidung erscheint, kann unter existenziellem Druck eine andere Bedeutung annehmen.

Ähnlich wie die Frankfurt-Noir-Serie »Love Sucks« (2024) entziehen sich die Vampire hier dem vertrauten moralischen Schema. Franz Hartwig als Moderson möchte seine Unsterblichkeit politisch verwalten, Lars Eidingers Zeno Gennardi – in der exaltierten Darstellung deutlich orientiert an Gary Oldman in »True Romance« (1993) – trägt sein Alter als familiäre Abhängigkeit mit sich, und Jenny Schily als Szen verkörpert eine Macht, deren historische Erfahrung die gewöhnliche Vorstellung von Zeit verändert. Die Unsterblichkeit ist nicht mehr ein erotisches Versprechen, sondern ein Problem der Anpassung: Die Welt verändert sich, der Vampir bleibt. Gerade deshalb wird die Klimakrise zu einer Krise seiner eigenen Existenz. Die Serie erinnert hier an Jim Jarmuschs »Only Lovers Left Alive« (2013).

Regisseur Kadelbach vermeidet weitgehend die romantische und Gothic-geprägte Bildsprache des klassischen Vampirfilms und rückt seine Serie in Richtung urbaner Dystopien wie jüngst »Zone 3« (2025). In früheren Epochen verkörperte der Vampir Krankheit, Sexualität, Fremdheit oder gesellschaftliche Todesängste, hier aber steht er für die Frage, wer in einer von Krisen geprägten Gesellschaft über Ressourcen verfügt – und wer selbst zur Ressource wird. »City of Blood« verbindet dafür ungewöhnlich viele Ebenen: Familiendrama, Politthriller, Klimadystopie und Vampirerzählung. Gerade die Verbindung von Genre und politischer Gegenwart verleiht der Serie ihren eigentlichen Resonanzraum: Der Dome ist zugleich Zuflucht und Herrschaftsinstrument, Blut zugleich Lebensnotwendigkeit und Ware, die Wahl zugleich demokratischer Akt und Mechanismus der Machtverschiebung. Menschen und Vampire werden durch ein System verbunden, in dem jeder Schutz einen Preis hat und jedes Versprechen auf Sicherheit neue Abhängigkeiten erzeugt. »City of Blood« macht daraus ein Berlin, dessen Himmel künstlich ist und dessen Blutkreislauf politisch organisiert wird. Die Dystopie liegt nicht darin, dass Vampire existieren – sie liegt in der Vorstellung, dass eine Gesellschaft ihre eigenen Verhältnisse so lange als alternativlos hinnimmt, bis sie selbst unter einer Kuppel gefangen ist. Das ist detailreich inszeniert, voller Hommagen an berühmte Genrekultfilme, und doch auch physisch brutal und schauspielerisch expressiv. Es bleibt abzuwarten, ob dieses avancierte Konzept die Herzen des deutschen Genrepublikums erobert.

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