Netflix: »Sky Rojo«

»Sky Rojo« (Staffel 1, 2021). © Netflix / Tamara Arranz

»Sky Rojo« (Staffel 1, 2021). © Netflix / Tamara Arranz

Frauen auf der Flucht

Der Zuhälter Romeo (Asier Etxeandia) betreibt ein Bordell auf Teneriffa. Zahlungskräftige Kunden leben in diesem Etablissement ebenso perverse wie biedere Fantasien aus. Wie nicht anders zu erwarten, hat dieses Geschäftsmodell einen Haken. Prostituierte arbeiten hier nicht freiwillig. Romeo ist ein zynischer Menschenhändler. Er ködert Frauen aus prekären sozialen Verhältnissen mit falschen Versprechungen, um sie heimtückisch zu erpressen und mit Psychotricks gefügig zu machen. Als er den Bogen überspannt, schlagen die Kubanerin Gina (Yany Prado), die Argentinierin Wendy (Lali Espósito) und die Spanierin Coral (Verónica Sánchez) ihn mit vereinten Kräften nieder und suchen das Weite. Verfolgt wird das Trio von zwei gemeingefährlichen Brüdern, die, während sie ausgiebig über ihren Mutterkomplex und ihre Aggressionsprobleme debattieren, nebenbei Passanten erschießen.

Klar, diese Mischung aus spritzendem Blut und trivialer Geschwätzigkeit erinnert stark an Quentin Tarantino, der Gewaltorgien wie »Kill Bill« oder »Death Proof« auch mal gern aus weiblicher Perspektive schilderte. Doch »Sky Rojo«, die neue Serie von Álex Pina und Esther Martínez Lobato, den Schöpfern des spanischen Netflix-Erfolges »Haus des Geldes«, nimmt die weiblichen Charaktere sehr viel ernster. So wird in Rückblenden allmählich klar, auf welch schicksalhaften Umwegen die drei Frauen überhaupt in Romeos Edelpuff geraten sind. Ein moderner Dienstleistungsbetrieb, in dem Sexarbeiterinnen sich den Fantasien ihren unansehnlichen Kunden perfekt anverwandeln und dabei auch noch zuckersüß lächeln müssen.

Dieser beklemmende Realismus bei der Zeichnung der Frauenfiguren wird allerdings gebrochen mit deftigem Latin Pulp und rabenschwarzem Humor. So kann Gina nach einer Stichverletzung nur durch eine Notoperation gerettet werden – beim Tierarzt. Dazu muss allerdings der Wauwau vom OP-Tisch geschubst werden. Solche comicartigen Überzeichnungen werden eingereiht in die Motive eines kurzweiligen Roadmovies über drei Frauen, die sich mit einer kaum zu überbietenden Drohung konfrontiert sehen. »Ich säge euch«, so der erboste Zuhälter am Telefon, »Arme und Beine ab. Nur eure Löcher lass ich euch, damit ihr ficken könnt.« Mit dieser Reduzierung auf den puren Gebrauchswert sind die drei Frauen nicht einverstanden. Ihre Waffe: Menschlichkeit. So kommen die drei einmal zur Ruhe im Exil eines geschlossenen Einrichtungshauses. Eine wunderbare Gelegenheit, um zwischen Designermöbeln und einer Kochzeile die Illusion von banaler Alltäglichkeit zu genießen. Auch stilistisch setzt die Slapstick-Splatter-Comedy mit ihren knackigen halbstündigen Spannungsbögen eigene Akzente. Wenn etwa zu Beginn die BHs der Prostituierten wie bunte Wimpel auf der Wäscheleine hängen, dann erinnert diese farbenfrohe Fröhlichkeit an den frühen Pedro Almodóvar. Die Frauen in »Sky Rojo« sind allerdings nicht mehr am sprichwörtlich gewordenen »Rande des Nervenzusammenbruchs«. Sie haben inzwischen Narben auf der Seele.

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