Ziemlich öde in der Savanne

Unsere "steile These" des Monats September
»König der Löwen« (2019). © Walt Disney Pictures

»König der Löwen« (2019). © Walt Disney Pictures

Wenn Sie an der Spitze des Disney-Konzerns säßen, würden Sie es vielleicht genau so machen: das Geld einsammeln, das auf der Straße liegt, also die nostalgischen Gefühle der Altfans ausbeuten, den gewaltigen Back-Katalog plündern, dafür sorgen, dass keine geschützte Marke in die Public Domain abrutscht. Und schließlich wachsen ja immer wieder Zuschauer nach, die »Mulan« oder »Dumbo« überhaupt erst mal kennenlernen müssen. Disney hat seine Stoffe schon früher wiederverfilmt. Neu sind die Frequenz und Radikalität, mit der die Firma ihre Zeichentrick-Klassiker recycelt: in Serie als Live-Action-Movies – oder, wie gerade beim »König der Löwen«, als CGI-Spektakel im Echthaar-Look. Das ist technisch auf der Höhe der Zeit. Aber es fehlt das Element, das jeden Disney-Film erst wirklich zu einem Disney-Film machte: der Touch Magie, das Fantastische.

Wo sich im gezeichneten Original-»Lion King« Dutzende Tiere zur singenden Pyramide stapeln und Erdmännchen Timon im hawaiianischen Hula-Outfit Hyänen ablenkt, herrscht im neuen Film trister Realismus. Sicherlich lassen sich die in mancher Einstellung beinahe fotorealistischen Tiere und Umgebungen schön ansehen, doch mit dem Wechsel in die »reale Welt« tritt auch so manche ihrer Regeln in Kraft. ­Löwen haben nunmal genauso wenig große Kulleraugen, wie sie beim Singen von »Hakuna Matata« genüsslich Grimassen schneiden können. Der Tech-Demo-Realismus hat keinen Platz für das, was dem Zeichentrick mit Leichtigkeit gelingt: Die Realität umgehen und an ihrer Stelle durch und durch Fantastisches zeigen. Mit vermeintlichem Fortschritt beraubt sich Disney des typischen Disney-Zaubers. Des Zaubers, der die Kinder von früher, die Zuschauer von heute, in nostalgischer Ekstase Kinotickets kaufen lässt. Des Zaubers, der Geschichten wie die von Simba erst so eindringlich ins Gedächtnis gebrannt hat. Dieser »König der Löwen« ist keine Modernisierung für eine neue Generation Kinogänger, sondern die Offenbarung einer Unternehmensstrategie. Eine Milliarde Dollar an den Kinokassen verdient man sich dieser Tage eben auch ohne Magie.

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