Nahaufnahme von Felicity Jones

Die Hüterin der Geheimnisse
Felicity Jones als Ruth Bader Ginsburg in »Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit« (2018). © Entertainment One

Felicity Jones als Ruth Bader Ginsburg in »Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit« (2018). © Entertainment One

Als Frau an der Seite von Genie Stephen Hawking in »Die Entdeckung der Unendlichkeit« machte sie die Welt auf sich aufmerksam, in Mimi Leders Film »Die Berufung« darf Felicity Jones als Ruth Bader Ginsburg endlich selbst die Rolle im Mittelpunkt einnehmen

Sophie gibt nichts von sich preis. Als die 18-jährige Austauschschülerin zum ersten Mal das Haus ihrer Gasteltern betritt, streift sie kurz mit den Fingern der rechten Hand über die Tasten des im Salon stehenden Klaviers. Aber diese eher instinktive Bewegung lässt kaum Rückschlüsse zu. Man ahnt, dass sie mal Klavierunterricht hatte. Aber der könnte auch schon lange zurückliegen. Ein paar Tage später, die Schule hat gerade wieder begonnen, verkündet sie dem Musiklehrer, bei dessen Familie sie wohnt, dass sie nicht an seinem Kurs teilnehmen wird. Wieder ein paar Tage später erscheint sie dann doch im Musikzimmer der Schule. Als der Lehrer sie bittet, etwas auf dem Klavier zu spielen und sich so ihren Mitschülerinnen und Mitschülern vorzustellen, zögert sie erst ein wenig, als müsse sie sich überwinden. Schließlich geht sie doch zum Flügel und beginnt, ein Stück von Chopin zu spielen. Schon nach wenigen Takten offenbart sich Sophies enormes Talent. Während sie spielt, verwandelt sie sich. Mit der Musik bricht ein Sturm der Gefühle aus ihr heraus, der sich sofort legt, nachdem die letzte Note verklungen ist. In dem Moment, in dem sie aufsteht und an ihren Platz zurückgeht, wirkt Sophie wieder unnahbar und kühl.

Diese Aura des Rätselhaften, des nicht wirklich Fassbaren, die Sophie in Drake Doremus' »Breathe in – Eine unmögliche Liebe« (2013) umgibt, ist charakteristisch für Felicity Jones' Figuren. Die 1983 in Birmingham geborene und in den West Midlands, in Bournville, aufgewachsene Schauspielerin hat eine beinahe klischeehafte Karriere gemacht, an deren Anfängen vor allem Auftritte in Fernsehserien und kleinere Rollen in Kostümfilmen wie Julian Jarrolds Verfilmung von Evelyn Waughs »Wiedersehen mit Brideshead« (2008) und Stephen Frears' »Chéri – Eine Komödie der Eitelkeiten« (2009) standen. Es ist wohl das Schicksal junger europäischer, vor allem aber britischer Schauspielerinnen, dass sie sich erst einmal in gediegenen, mal auch etwas moderneren Literaturverfilmungen unter Beweis stellen müssen. Erst später dürfen sie den Sprung in Genres und Welten wagen.

Aber auch wenn Felicity Jones' bisheriger Werdegang, der ihr schließlich die Türen zu Blockbustern wie »The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro« (2014), »Inferno« (2016) und natürlich »Rogue One: A Star Wars ­Story« (2016) geöffnet hat, einem als geradezu archetypisch erscheint, etwas ist anders bei ihr. Ihr bisheriger Weg gleicht zwar auf den ersten Blick dem, den auch Keira Knightley und Alicia Vikander gegangen sind. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich eine entscheidende Differenz. Wenn Knightley und Vikander in klassische Kostümrollen schlüpfen, geben sie ihnen eigentlich immer einen modernen Dreh. Ihr Spiel verrät einen ganz und gar zeitgenössischen Blick auf das Vergangene. Ihre Figuren mögen im 18. oder 19. Jahrhundert leben, aber sie sind dennoch unverkennbar unsere Zeitgenossinnen. Diese Herangehensweise ist Felicity Jones gänzlich fremd. In Interviews hat sie schon mehrmals betont, dass eine Schauspielerin die Figuren, die sie verkörpert, niemals bewerten oder gar verurteilen sollte. Für sie ist Empathie die entscheidende Eigenschaft und zugleich das wichtigste Handwerkszeug aller Schauspielerinnen und Schauspieler.

»Star Wars: Rogue One« (2016). © Walt Disney

Eben diese Empathie, diesen Willen, das einem eigentlich Fremde zu verstehen und ihm dadurch gerecht zu werden, prägt Felicity Jones' Film- und Fernsehauftritte. Sie taucht nicht nur in Rollen, sondern auch in vergangene Zeiten ein. Die junge und ziemlich unerfahren wirkende Edmée, die in ­­Stephen Frears' Adaption zweier Romane der französischen Schriftstellerin Colette mit Chéri verheiratet wird, hat nichts Modernes an sich. Sie ist wirklich nur ein Spielball der Interessen ihrer Mutter und ein Anhängsel ihres neuen Ehemanns. Die Passivität in Felicity Jones' Spiel hat etwas Irritierendes. Man muss sich erst einmal darauf einlassen, dass ihre Edmée tatsächlich ein Mädchen der Belle Époche ist. Dann geht von Jones' Darstellung etwas Magisches aus. Man kommt dem Leben ihrer Figuren ex­trem nah und bekommt so einen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse vergangener Epochen. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob sie nun die Tochter einer Pariser Kurtisane oder wie in Ralph Fiennes' »The Invisible Woman« (2013) die Geliebte des legendären englischen Schriftstellers Charles Dickens verkörpert. Ihre Bereitschaft, diese Frauen so zu akzeptieren, wie sie sind, hat etwas Befreiendes. Sie sind einem fremd und nah zugleich. Diese ganz besondere Fähigkeit, Figuren aus den unterschiedlichsten Zeiten und Milieus auf Augenhöhe zu begegnen, macht Felicity Jones zu einem idealen Star für Kostümfilme und Filmbiografien. Ihre Porträts von Stephen Hawkings Ehefrau Jane in James Marshs überaus konventionellem Biopic »Die Ent­deckung der Unendlichkeit« (2014) und nun von Ruth Bader Ginsburg in Mimi ­Leders »Die Berufung« (2018) verweigern sich den üblichen Klischees dieses Genres. Sie sind zwar psychologisch genau, behaupten aber nie, einem alles über Jane Hawking und Ruth Bader Ginsburg zu verraten.

Felicity Jones bewahrt das Geheimnis ihrer Figuren. Und das macht ihr Spiel so aufregend. Selbst eine Figur wie Jyn Erso, die Heldin aus Gareth Edwards' »Rogue One: A Star Wars Story«, bleibt einem wie Sophie in Breathe in oder wie die impulsive Anna in »Like Crazy« (2011), ihrer ersten Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Independent-Regisseur Drake Doremus, ein Rätsel. So sehr man sich auch bemüht, zum Grund des Wesens dieser jungen Frauen vorzustoßen, sie entziehen sich einem immer wieder. Wie im wirklichen Leben gibt es in Felicity Jones' Spiel keine absoluten Gewissheiten, sondern fein abgestufte Grautöne und – was noch faszinierender ist – eine ganze Reihe von schwarzen und weißen Flecken.

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