»Game of Thrones: A Knight of the Seven Kingdoms« (S08E02)

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Endzeitstimmung in Winterfell. Die verbliebenen Protagonisten bereiten sich auf die wahrscheinlich größte Schlacht vor, die die Serie je gesehen hat. Auf der Kippe zum sicheren Tod teilen sich die Mitglieder dieser ungewöhnlichen Allianz der Lebenden ihre letzten Geheimnisse, Ängste und Träume. Es ist eine Nacht der Versöhnung, der Aufrichtigkeit und Solidarität

Wie schon »Winterfell« beruft sich »A Knight of the Seven Kingdoms« auf die Stärken der Serie. Die Episode orientiert sich deutlich an den legendären Folgen »Blackwater« (S02E09) und »Watchers on the Wall« (S04E09), die ebenfalls jeweils eine große Schlacht zeigen, die sich in einer Nacht an einem bestimmt Ort (King's Landing, Castle Black) ereignet. Beide Folgen nehmen sich Zeit, den Zuschauer in der ersten Hälfte auf die emotionale Wucht der kommenden Kampfaction vorzubereiten. Im langen Warten auf die Schlacht zeigen sich die beteiligten Charaktere von ihrer menschlichen, das heißt verletzlichen Seite, teilen in ehrlichen Momenten ihre Ängste und Hoffnungen und führen dem Zuschauer eindringlich vor Augen, was für sie auf dem Spiel steht. Die zweite Hälfte steht ganz im Zeichen des atemberaubenden Schlachtspektakels, das sich in seiner visuellen und inszenatorischen Brillanz entfaltet. »A Knight of the Seven Kingdoms« übernimmt die bewährte Erzählweise – mit dem großen Unterschied, dass sich die Folge komplett der gespannten Ruhe vor dem Sturm verschreibt und das Kampfgetümmel auf die nächste Folge verschiebt.

Der ewig währende Einfluss des Vergangenen auf das Gegenwärtige ist ein durchgehendes Motiv in »Game of Thrones«. »A Knight of the Seven Kingdoms« greift die aktiv gelebte Erinnerungskultur der Serie auf und setzt dem Festhalten an der Vergangenheit ihr Loslassen in Form von Vergebung entgegen. Im Kampf gegen den absoluten Tod, der nach Sam das Vergessen bedeutet, bleibt die Vergangenheit ein Thema für Morgen. Jetzt gilt es zunächst, die Nacht zu überleben. So beginnt die Folge mit dem Prozess von Jaime Lannister. Daenerys rekapituliert den Königsmord an ihrem Vater Aerys II Targaryen. Auch Sansa Stark hält dem Kingslayer die Verbrechen vor, die er ihrer Familie in der ersten Staffel angetan hat. Bei so viel Schuld kann selbst Tyrion nicht einlenken. Auftritt Brienne of Tarth. Sie springt für ihren ehemaligen Weggefährten in die Presche, schreibt dem Unhold sogar Ehre zu. Sie berichtet von einem anderem Jaime, den sie während ihrer gemeinsamen Zeit kennengelernt hat. Sansa vertraut Briennes Urteil und Jon kann sowieso jeden Mann im Krieg gegen den Night King gebrauchen. Also darf Jaime leben und sich der großen Koalition anschließen. Seine Verbrechen sind nicht vergessen, aber vergeben – vorerst. 

Eine eindrückliche Szene, die auch zeigt, dass sämtliche Taten der Figuren auf diesen Moment hingearbeitet haben. Selbst die schlechten. Jaimes skrupelloser Stoß von Bran aus dem Turmfenster in »Winter is Coming« hat den jungen Stark auf seinen vorbestimmten Weg zur Three-Eyed Raven gebracht, wie Bran seinem ehemaligen Peiniger erklärt. Das Thema der Vergebung setzt sich auch in weiteren, kleinen Szenen fort. Ser Jorah Mormont, selbst ein Paradebeispiel der zweiten Chance, bittet bei seiner khaleesi um Nachsicht für Tyrion, der durch seine vergangenen Misserfolge bei der Drachenkönigin in Ungnade gefallen ist. Später wird Jorah selbst noch einmal die Absolution von Sam erhalten, der dem entehrten Ritter das Familienschwert der Tarlys, die valyrische Klinge Heartsbane, in Gedenken an Lord Commander Jeor Mormont überreicht. Auch Theon ist in der Serie zum Musterexemplar von Vergebung geworden. Nach seinem schändlichen Verrat in der zweiten Staffel hat er einen langen Weg der qualvollen Sühne hinter sich. Bei seiner Rückkehr in Winterfell wird er von Sansa mit einer herzlichen Umarmung empfangen. Beide haben genug durchgemacht, um den Wert des Überlebens zu kennen. Bei der Beratung des Schlachtplans erklärt Theon sich bereit, Bran mit seinem Leben zu beschützen. Die Three-Eyed Raven wird als Köder den Night King in die Goodswood locken, damit der Anführer der White Walker dort zur Strecke gebracht wird.  

Vergebung bedeutet einen Neuanfang. Die Bedrohung der White Walker hat in dieser Nacht Winterfell zum wahrscheinlich utopischsten Ort der Sieben Königreiche gemacht. Westeros zur Stunde Null. Als letzter, gemeinsamer Feind zwingt der Night King die zerstrittenen Völker und Familien zum gemeinsamen Frieden. Die nahende Kälte treibt alle zum Feuer. So spielt ein Schlüsselmoment an dem lodernden Kamin der großen Halle von Winterfell. Zunächst finden Jaime und Tyrion am Feuer zusammen. Sie bestaunen die immense Entwicklung, die sie seit ihrem letzten Aufenthalt im Sitz der Starks durchgemacht haben. Mehr und mehr füllt sich der Saal. Es kommen Brienne und Podrick, dann Tormund und Ser Davos Seaworth. Sie alle finden keinen Schlaf, also nehmen sie sich einen Stuhl und setzen sich zum Feuer. Mit Wein und Gesang schenken sie sich gegenseitig Gesellschaft und Mut. Tyrion ist die Ironie des Moments nicht entgangen: Sie alle haben an einem gewissen Punkt gegen die Starks gekämpft. Jetzt beschützen sie ihr Heim vor Übel. All die verbitterten Kämpfe, die sie geführt haben, gegen die Starks, untereinander, machen diesen Moment zu einem Wunder. 

Es ist ein ultimatives Gefühl von Gegenwart – Alles ist möglich, alles kann passieren. So machen sich die Figuren in diesem Moment des Übergangs ihre eigenen Gesetze: Fuck the tradition. Und dann passiert es, der bewegendste Moment der Folge, dem sie zugleich ihren Titel zu verdanken hat: Jaime ernennt Brienne zum Ritter. Losgetreten wird es von Tormund. Er wundert sich, warum Brienne kein Ser, sondern eine Lady ist. Jaime übernimmt und bittet Brienne zu sich, zieht sein Schwert sagt die Worte – langsam, würdevoll. Arise, Ser Brienne, a knight of the Seven Kingdoms. Brienne lächelt, vielleicht zum ersten Mal ist sie glücklich, endlich hat sie ihren Platz gefunden. Es ist das liebevollste, was Jaime seiner Freundin je hätte schenken können. Ein vollendeter Moment, so wunderbar transportiert von Nikolaj Coster-Waldau und allen voran Gwendoline Christie, dass er sich schon jetzt im Serienuniversum verewigt hat.

Szenen wie diese geben »A Knight of the Seven Kingdoms« ein Gefühl von Abschluss. Für viele Figuren bedeutet die Wiederkehr nach Winterfell das Ende ihrer Heldenreise. Brienne und Jaime, Ser Jorah und Theon, Podrick und Davos, Tormund und Edd, Bran und Sam. Ihre Funktion innerhalb der Erzählung ist erfüllt, ihre Geschichte ist erzählt. Missandei und Grey Worm schmieden Pläne über den gemeinsamen Ruhestand am Strand. Ungewiss, ob sie die Nacht überleben wird, hat Arya eine leidenschaftliche Liebesnacht mit Gendry. Den Regeln der Genre-Erzählung folgend sind sie sind zum Abschuss freigegeben. »A Knight of the Seven Kingdoms« lässt viele Fragen offen: Wer wird die Nacht überstehen? Was wird Dany mit dem Wissen um Jons wahre Identität nun machen? Ist das wirklich das Ende? Was kommt danach, wie Sansa in einer prägnanten Konfrontation mit Dany fragt. Welchen Ausgang die Schlacht auch nehmen mag, der Frieden, der sich in dieser besonderen Nacht andeutet, wird nicht überleben. Schließlich beharrt der Norden auf seiner Unabhängigkeit, sehr zum Missfallen der Drachenkönigin. Die zwei mächtigen Frauen, die sich eben noch die Hand reichten, starren sich nun verbissen an. Der Frieden währt nur solange, wie auch die Bedrohung durch den gemeinsamen Feind besteht. Was kommt danach? Dann fängt das Finale erst richtig an.

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Die Folgen der aktuellen achten Staffel »Game of Thrones« sind in Deutschland jeden Montag exklusiv auf Sky zu sehen. Im Einzelabruf als VoD sind sie ab Dienstag bei Amazon, iTunes und im Microsoft Store verfügbar.

Meinung zum Thema

Kommentare

Tolle Folge, wie ich finde. Für viele Serienfiguren wohl die letzte, die sie überlegen werden. Ich fürchte vor allem um Arya, die - so meine Theorie - den Night King töten und dabei selbst sterben wird ... Auch Jaimie hat doch eigentlich nie gelernt, wirklich gut mit links zu kämpfen ...

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