Kritik zu Die Blutgräfin

© Neue Visionen Filmverleih

Isabelle Huppert perfekt gestylt in Wien auf Beutezug: Ulrike Ottinger lädt in dieser Horrorkomödie zum morbiden Vampirvergnügen

Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

»Völlig entleerte Opfer!« Die Aufregung ist groß in Wien. Baron Rudi Bubi von Strudl zur Buchtelau (Thomas Schubert) interessiert sich eigentlich nur dafür, jeden Tag im Kaffeehaus frisch gebackene Buchteln zu verspeisen. Doch nun ist seine Tante zurück: die Blutgräfin Erzsébet Báthory (Isabelle Huppert). Bubi ist selbst Vampir, allerdings Vegetarier und somit kein Unterstützer des eigennützigen Blutsaugens um des Genusses willen (die hiesigen Vampire überleben nämlich auch allein durch Blutwurst). Seine zahlreichen Probleme mit dem vampirischen Dasein bespricht er mit dem Psychoanalytiker Theobald Tandem (Lars Eidinger). Die frisch auferstandene Tante jedoch hat Hunger!

Minutenlang gleitet sie auf einem von rotem Tüll umschleierten Boot durch eine Grotte. Über ihren aparten Handschuhen trägt sie aufgesteckte Fingernägel aus Metall, Nosferatu-Krallen, nur weitaus eleganter als die von Kinski, schöner als die von Max Schreck. Gemeinsam mit ihrer Zofe Hermine (Birgit Minichmayr) taucht sie nach Jahrhunderten wieder in Wien auf und schreitet so elegant durch die Zeiten, als wäre sie nie weggewesen. Geweckt wurde sie durch das Wissen um ein mysteriöses Buch, das Vampire wieder in gewöhnliche Sterbliche verwandeln kann. Dieses Buch will sie vernichten, und Ermittlungen dazu laufen bereits: Oberinspektor Unglaube und sein Assistent Doppler sind ihr auf den Fersen, ebenso die Vampirologen Nepomuk Nachbiss und Theobastus Bombastus (Netti und Basti). Die Namen verraten schon, welch Ernsthaftigkeit hinter der ganzen Angelegenheit steckt.

Die historische Báthory war eine ungarische Adelige, die um 1600 zahlreiche junge Frauen gefoltert und ermordet haben soll. Später wurde ihr nachgesagt, in »Jungfrauenblut« gebadet zu haben, um ihre Jugend und Schönheit zu bewahren – ein gefundenes Fressen fürs Kino. In Peter Sasdys Hammer-Horrorfilm »Comtesse des Grauens« (1971) dient das Blut neben aller Groteske dem schlichten Vorhaben der Verjüngung, in Walerian Borowczyks »Unmoralische Geschichten« (1974) wird der Fall zum morbid-erotisch-ästhetischen Blutbad, an dem sich voyeuristische Schaulust genüsslich labt. Kein Vergleich mit Ottingers distinguiertem Vampirismus.

Ihre Gräfin ist jedoch nicht weniger verrückt nach hübschen jungen Frauen. Beim Anblick eines schönen Halses werden die Fangzähne ausgefahren, der darauffolgende anmutige Biss hinterlässt nur einen kleinen Blutstropfen an den Lippen. Contenance muss sein, selbst beim Aussaugen. Überhaupt geht es in »Die Blutgräfin« meist äußerst gesittet zu. Selbst die Opferungszeremonien folgen strikten Regeln, angeleitet durch Zeremonienmeisterin Conchita Wurst – großartig!

An den Dialogen wirkte Elfriede Jelinek mit, entsprechend entstand eine Mischung aus Kalauer, Schmäh und blasiertem Tiefsinn, der herrlich gut in dieses von Untoten nur so wimmelnde Wien passt. Ottingers Faszination für künstliche Welten und bizarre Personenkonstellationen spitzt sich in einer regelrechten Ausstattungsorgie zu. Da wird durch Gruften, Beinhäuser und über den erleuchteten Prater geschwebt. Überall Samt, Brokat, Tüll, Seide, vorzugsweise in Blutrot, Granatapfelrot, Weinrot. Wien als begehbares Kuriositätenkabinett, in dem selbst die Vergänglichkeit nur mit einem kleinen amüsierten Lachen abgetan wird.

Bei aller Absurdität erwartet man jeden Moment den Gipfel der Groteske. Der Boden mit den merkwürdigen Figuren, prächtigen Kostümen und haarsträubenden Dialogen ist doch schon so vielversprechend bereitet. Aus unerfindlichen Gründen explodiert die Rakete jedoch nicht, und das Feuerwerk bleibt aus. Liegt es daran, dass das Überbordende nie ganz frei wüten darf? Dass selbst die Geschmacklosigkeit hier noch geschmackvoll arrangiert ist? Schade eigentlich, denn ständig lässt sich erahnen, welche Ungeheuerlichkeiten noch möglich gewesen wären. Aber zu gern legt man sich hinein in die wohltemperierte Wanne voll Blut und lässt sich treiben. Es riecht dort ganz wunderbar, nach Buchteln, altem Samt und ein bisschen nach der Maria Theresia im Café Prückel.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt