Nachruf: Jeremy Thomas
Ryan Coleman, photography.ryancoleman.ca (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jeremy_Thomas_TIFF09-portrait.jpg), „Jeremy Thomas TIFF09-portrait“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/legalcode
Jeremy Thomas, Filmproduzent, 26.7.1949 – 11.9.2026
Einer der letzten großen Independent-Produzenten ist gestorben, ein Solitär, bei dem nie das Geld im Vordergrund stand, das sich verdienen ließ, sondern immer die Leidenschaft für die Filme. Geboren wird er im Sommer 1949 in der Nähe der Londoner Ealing Studios, in denen sein Vater Ralph Thomas Erfolge als Regisseur der Doctor-Komödien feierte und sein Onkel Gerald Thomas mit den Carry On-Komödien berühmt wurde. Früh wird er da mit dem Filmvirus infiziert, an den Sets seines Vaters und später beim Dreh von »Cleopatra« in den Pinewood Studios, Stars wie Katharine Hepburn und Brigitte Bardot gehören zum Freundeskreis der Eltern, Dirk Bogarde war sein Patenonkel. Schon mit zwölf Jahren weiß Jeremy Thomas, der die Schule ohne Abschluss verlässt, dass seine Zukunft im Filmgeschäft liegt. Erste Credits sammelt er als Editor, unter anderem bei Roddy McDowalls »The Ballad of Tam Lin« – Ava Gardner nimmt ihn damals als »süßen Jungen« wahr –, als Assistent im Schneideraum von »The Harder They Come«, er arbeitet mit Ray Harryhausen an »Sindbads gefährliche Abenteuer« und landet im Schneideraum von Ken Loach (»Familienleben«). Eigentlich will Jeremy Thomas Regisseur werden wie sein Vater (1998 inszeniert er dann mit John Hurt und Christian Bale doch noch ein spätes Regiedebüt), doch 1976 etabliert er sich mit Mitte zwanzig als Produzent des rauen Westerns »Mad Dog Morgan«. Der französisch-australische Regisseur Philippe Mora erzählt darin die Geschichte des gleichnamigen gesetzlosen Bushrangers. Diese erste Berührung mit dem Kontinent begründet den Anfang seiner lebenslangen Liebe zu Australien. Gespielt wird der Titelheld von einem volatilen Dennis Hopper, eine Erfahrung, die Thomas später als Feuertaufe beschreibt.
Schwierige Produktionsbedingungen werden danach zu seiner Spezialität, Dreharbeiten an fernen, exotischen Schauplätzen wie den polynesischen Cook-Inseln, dem marokkanischen Tanger oder der Wüste Sahara, und für den Dreh von Bertoluccis »Der letzte Kaiser« erwirkt er den ersten Dreh einer westlichen Filmproduktion in der Verbotenen Stadt in Peking. »Es war, als würde man mit einem großen General in den Krieg ziehen«, sagt er später über die Dreharbeiten mit Bertolucci und 10.000 Chinesen in Kostümen. Zugleich wird er Spezialist für Verfilmungen von Romanen, die als unverfilmbar oder zumindest provokant galten, unter anderem »Naked Lunch« von William S. Burroughs, »Crash« von J. G. Ballard und »The Sheltering Sky« von Paul Bowles. »Ich bin meinem Geschmack gefolgt und nicht dem Markt«, sagte Jeremy Thomas auf die Frage nach dem Geheimnis seines fünf Jahrzehnte anhaltenden Erfolgs, der mit »Merry Christmas, Mr. Lawrence« begann und seinen triumphalen Höhepunkt mit neun Oscars für »Der letzte Kaiser« feierte. Ob es darum ging, mit David Cronenberg »Naked Lunch« zu verfilmen oder mit Wim Wenders das Werk der kurz zuvor verstorbenen Choreographin Pina Bausch zu bewahren, immer folgte Jeremy Thomas seinem eigenen Instinkt. Wenn er einen Film sehen wollte, setzte er alles daran, ihn zu ermöglichen, das gilt auch für die hunderttägige Pazifiküberquerung auf dem Holzfloß »Kon-Tiki« im gleichnamigen norwegischen Abenteuerfilm.
Immer wieder suchte Jeremy Thomas die Zusammenarbeit mit europäischen, amerikanischen und asiatischen Autoren-Regisseuren, deren Arbeit er verehrte, unter anderem ermöglichte er Filme von Nicholas Roeg, Jerzy Skolimowski, Krzysztof Kieślowski, Bernardo Bertolucci, Terry Gilliam, Matteo Garrone, Edgar Reitz, Wim Wenders, David Cronenberg, Jim Jarmusch, Richard Linklater, Nagisa Ōshima, Takashi Miike, Takeshi Kitano, entdeckte aber auch neue Talente wie Jonathan Glazer mit seinem explosiven Debütfilm »Sexy Beast«. Mit vielen dieser Regisseure baute er Arbeitsbeziehungen und Freundschaften auf, die sich über Jahre und Jahrzehnte weiterentwickelten. Ganz bewusst arbeitete er von Europa aus, gründete schon 1974 in London seine eigene Produktionsfirma Recorded Picture Company und passte sich an die veränderten Verhältnisse des Marktes an, indem er 1998 die internationale Vertriebsgesellschaft HanWay Films aufstellte. »Mutate or die«, das war sein Lebensmotto. Am 11. September ist Jeremy Thomas Bernardo Bertolucci, Nagisa Ōshima und Nicholas Roeg in den Himmel des Kinos gefolgt, kurz vor den Premieren seiner letzten beiden Filme auf den Festivals von Venedig und Toronto.











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