Der britische Freund

Eine der treffendsten Beschreibungen dieses Berufes, der zu den rätselhafteren im Filmgeschäft zählt, verdanken wir Michael Caine. Bei jedem Film, meinte der Schauspieler, habe er sich stets auf eines verlassen können: Der Produzent ist immer der Einzige, der zurück ins Hotel fahren kann, wenn es an Drehort regnet.

Wir wissen nicht, ob Caines Weltbild zusammenbrach, als er dem gerade verstorbenen Jeremy Thomas begegnete. Ihre Zusammenarbeit fand bei einem von Thomas' Abstechern nach Hollywood statt, als der Brite „Blood & Wine“ von Bob Rafelson mitproduzierte. Nun gut, in Südkalifornien regnet es selten. Aber Caine wird wohl gemerkt haben, dass es Thomas ungeheuer wichtig war, bei Dreharbeiten immer präsent zu sein: nicht um zu kontrollieren, ob eine Produktion aus dem Ruder lief, sondern als solidarisches Bekenntnis zu ihr. Er war ein unverbrüchlicher Komplize seiner Regisseure, stand ihnen als duldsamer Tyrann, als Hebamme oder Psychiater zur Seite. Filmemachern wie Jerzy Skolimowski, Nicolas Roeg, Bernardo Bertolucci und David Cronenberg blieb er über Jahrzehnte treu; später kamen beispielsweise Terry Gilliam und Matteo Garrone hinzu. Bei Bertolucci war das nicht immer eine gute Idee („Little Buddha“, „Stealing Beauty“), dafür war „The Sheltering Sky“/„Himmel über der Wüste“ wieder sublim und stellte „Die Träumer“ eine schöne Kreuzung der Blicke dar: Ein britischer Produzent und Autor (Gilbert Adair) sowie ein italienischer Regisseur reflektieren die französische Cinéphilie und den Pariser Mai 1968. Gleichviel, er verlor nie die Neugierde, was seine Regisseure wohl aus einer Idee, einem Stoff machen würden.

Er war ein Ermöglicher, der nicht nur die persönliche Handschrift von Regisseuren, sondern auch einen eigenen Begriff von Kino durchsetzen wollte. Im Kern war er Verfechter eines stolz unabhängigen Kinos. Dabei wurde er 1949 mitten in den britischen Mainstream hineingeboren. Sein Vater Ralph und sein Onkel Gerald waren Hausregisseure bei dem größten Konzern, der Rank Organisation, den sie auf je eigene Weise mit prägten: Ralph als Regisseur von Komödien und Melodramen mit deren größtem Star Dirk Bogarde und Gerald als unermüdlicher Spielleiter der klamaukigen „Carry-On“-Serie. Jeremy verließ mit 17 die Schule und stieg, zunächst als Praktikant in einem Kopierwerk, ins Familiengeschäft ein. Er wollte ursprünglich Regisseur werden (eine Ambition, die er sich mit „All the little Animals“ eines Tages erfüllen sollte), wofür Erfahrung im Schneideraum damals als beste Voraussetzung galt. Als Schnittassistent arbeitete er für so unterschiedliche Filmemacher wie Ken Loach und Ray Harryhausen. Beim Schnitt von „Brother, can you spare a dime?“, einer Kompilation von Dokumentaraufnahmen aus der amerikanischen Depressionszeit, freundete er sich mit dem australischen Regisseur Philippe Mora an. Im Alter von 24 Jahren begann Jeremy mit dessen Gangsterballade „Mad Dog Morgan“ seine Produzentenkarriere. Für die Hauptrolle konnte er Dennis Hopper gewinnen (damals allerdings auf dem Tiefpunkt seiner Karriere), das Geld klaubte er sich von zwei Dutzend Investoren in Australien zusammen. Dieses Debüt war in mehrfacher Hinsicht prophetisch. Er operierte an den Rändern. Bald zeigte sich, dass seine vagabundierende Phantasie mit den Konventionen des britischen Kinos brechen sollte. Er knüpfte an die verschüttete exzentrische Tradition an, die früher einmal Powell & Pressburger verkörpert hatten. Gleich mit seinem zweiten Film, „Der Todesschrei“ von Skolimowski, machte er das Visionäre 1978 wieder auf britischen Leinwänden heimisch. Er sorgte dafür, dass in diesem beschaulichen Biotop erneut Wildwuchs möglich war, folgte seiner Affinität zum Metaphysischen, Rätselhaften. Bald produzierte er Filme von Roeg, deren raunende Logik dem Zuschauer existenzielle Rätsel aufgibt. Auch sträflich vernachlässigte Genres belebte er neu: „The Hit – Der Profi-Killer“ und „Sexy Beast“ gehören zu den unordentlichsten, elegantesten Gangsterfilmen, die Großbritannien hervorgebracht hat. Die entstanden gleichsam im Exil, vor dem Hintergrund unverbrauchter Landschaften in Spanien. Damit schrieb er sich in eine weitere unbritische Tradition ein: die der Abenteuer- und Wanderlust. Lange bevor die Globalisierung zum Schlagwort wurde, dachte Thomas in internationalen Dimensionen. Bei „Der Todesschrei“ hatte er sich auf dem Regiestuhl bereits eines fremden Blicks auf England versichert. Cronenbergs Freund-Jung-Drama „Eine dunkle Begierde“ von 2011 war nicht der erste Film, den er in Wien drehte : Schon 1979 diente die Stadt als Schauplatz für einen Thriller, in dessen Zentrum ein Psychoanalytiker steht, „Blackout – Anatomie einer Leidenschaft“ von Nicholas Roeg. Wie sehr ihn die spannungsreiche Begegnung der Kulturen faszinierte, belegt Nagisa Oshimas Kriegsfilm „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ (1982), der mit einer verblüffenden Besetzung prunkte: David Bowie, Ruychi Sakamoto und dem noch unbekannten Takeshi Kitano, dessen „Brother“ er Jahrzehnte später mitproduzierte. Seitdem wurde Thomas gern mit den Worten zitiert, wenn von drei Drehbüchern eines aus Asien stammt, lese er dieses zuerst. Mit Takeshi Miike verband ihn eine lange Partnerschaft.

Seinen Verbindungen nach Asien verdankte er auch seinen größten Kassenerfolg, „Der letzte Kaiser“. Ein Produzent, der sich so lang im Geschäft halten konnte wie er, wird allerdings kein schlechter Kaufmann gewesen sein. In seinem Metier muss man Prophet und Skeptiker in einer Person sein. Bei seinem ersten Film lernte er, das Geld zu suchen, wo auch immer es ist. Als geschicktem Diplomaten und Strategen gelang es ihm sogar, die Rank Organisation zu überzeugen, „Der Todesschrei“ zu finanzieren, obwohl der den Ruch eines Kunstfilms hatte und kein Versprechen auf einen Kassenerfolg barg. Thomas hatte eben auch keine Berührungsängste mit Hollywood, obwohl er dort meist jenseits des Studiosystems agierte, wie bei „Everybody Wins“ (siehe „Wie man ein Land und das Kino verändert“ vom 21.7.). „Eine dunkle Begierde“wiederum finanzierte er hauptsächlich mit europäischem (allerdings nicht britischem) Geld. Überall hatte Jeremy Thomas seine Finger drin, war auch an „Pina“ von Wenders beteiligt. Zuletzt lief in unseren Kinos „Good Boy“ von Jan Komasa, den er zusammen mit Skolimowski auf den Weg brachte. Zu Beginn seiner Karriere füllte er eine Lücke, von der das britischen Kino gar nicht wusste, dass sie existiert. Nach seinem Tod im Alter von nur 77 Jahren klafft eine, deren Ausmaß unermesslich ist.

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