Filmgeschichte: Dino Risi
»Una vita difficile« (1961). © Rialto Pictures, Les Acacias, Studiocanal
Die hiesige Kritik geißelte die Commedia all'italiana sauertöpfisch als Verrat am Neorealismus. Regisseure wie Dino Risi bewiesen hingegen, dass sie tatsächlich dessen bissige, lebenszugewandte Fortsetzung war. Gerhard Midding empfiehlt eine Hommage an den Meister im Filmhaus Nürnberg
Was machte er anders als die anderen?
Im großen Dreigestirn der italienischen Komödie ist er der robuste Zyniker, während bei Luigi Comencini die Situationskomik eine humanistische Färbung besitzt und Mario Monicelli munter die nationalen Mythen zertrümmert. Ein Beispiel aus dem Episodenfilm »I mostri« (1963), der nicht von ungefähr nie in der BRD herauskam: Ugo Tognazzi schaut sich gelangweilt einen Kriegsfilm an, in dem die Wehrmacht eine Gruppe Partisanen standrechtlich erschießt – und sagt dann zu seiner Frau: »So eine Wand hätte ich gern für unser Haus auf dem Land.« Der gelernte Psychiater stellte italienische Männerbilder auf den Prüfstand; er hatte ein präzises Gespür für Selbsttäuschung und -überschätzung, wofür er in Vittorio Gassman und Alberto Sordi ideale Darsteller fand.
Was war sein großes Thema?
Er rechnete gnadenlos mit den Werten einer Gesellschaft ab, die zusehends materialistischer und eigennütziger wird. Dabei wechselt er behände Register und Tonfall. Seine Kritik an der Konsumgesellschaft artikuliert er in »Il giovedì« (»Der Donnerstag«, 1964) mit bewegender Einfühlsamkeit, als ein Vater hochstapelt, um seinen entfremdeten Sohn zu beeindrucken.
Welcher Film ist der beste Einstieg ins Werk?
»Der Duft der Frauen« beschert 1974 Gassman eine Glanzrolle als blinder Offizier, der jede Situation geistesgegenwärtig durchschaut und nur in Hotels absteigt, von denen man die schönste Aussicht hat. Er verleiht dem fröhlichen Hedonisten einen Bodensatz an Verzweiflung, den Al Pacino im US-Remake allenfalls erahnt.
Welcher Film ist sein Meisterwerk?
Risi meinte, mit Gassman habe er in 15 gemeinsamen Filmen sämtliche Umbrüche der Nachkriegszeit durchlebt. In »Verliebt in scharfe Kurven« erreicht die Zusammenarbeit 1962 ihren Höhepunkt. Mit dem schüchternen Jean-Louis Trintignant bildet der unerbittlich extrovertierte Macho eines der großen maskulinen Gespanne schlechthin. Der Einfluss des tragikomischen Roadmovies war enorm: Es inspirierte Dennis Hopper zu »Easy Rider«, und der Originaltitel »Il sorpasso« (Das Überholmanöver) wurde u. a. in Lateinamerika zum geflügelten Wort.
An welche Szene muss ich immer wieder denken?
In »Una vita difficile« (»Das Leben ist schwer«, 1961) spielt Sordi einen anfangs idealistischen Journalisten, der sich von den Zeitläuften korrumpieren lässt. Seine enttäuschte Ehefrau Léa Massari kanzelt ihn ab mit dem unbezahlbaren Satz: »Das Beste an dir war noch dein Bart.« Am Ende gewinnt er ihren Respekt zurück, als er seinen Boss ohrfeigt. Einer der großen Befreiungsschläge der Filmgeschichte.
Welcher Film traf den Zeitgeist besonders?
Alle oben genannten Titel.
Wann griff er daneben?
Ab Ende der 1970er Jahre versuchte er sich in lauter Genres, die nicht zu ihm passten. Sein Niedergang ging leider unausweichlich mit dem der Commedia all'italiana einher.
Das Filmhaus Nürnberg zeigt bis 2.12. neun Filme von Dino Risi, darunter »Il sorpasso« und »Una vita difficile«.











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