DVD-Tipp: »Wo ist Coletti?« (1913)

»Wo ist Coletti?« (1913). © Ostalgica

© Ostalgica

Kino aus dem Kaiserreich: Die Detektivfilmkomödie ist eine bemerkenswerte filmische Ausgrabung.

Kann ein Mensch in der Großstadt Berlin für 48 Stunden unerkannt bleiben, wenn sein Konterfei an zahlreichen Plakatsäulen klebt? Das ist der reizvolle Ausgangspunkt des Films Wo ist Coletti?, der am 4. April 1913 Premiere hatte. Dass ein Film aus dem deutschen Kaiserreich hundert Jahre später wiederentdeckt, restauriert und dann sogar als Blu-ray veröffentlicht wird, kann man schon als kleine Sensation bezeichnen. Zu seiner Überraschung darf der heutige Zuschauer dann auch noch feststellen, dass er im Film einiges zu sehen bekommt, das er als Innovation eher der Kinematografie der Weimarer Republik zugeschrieben hätte.

Privatdetektiv Jean Coletti nimmt den Fehdehandschuh auf, den ihm die »B. Z. am Mittag« hinwirft: Hätte er das Foto eines Millionenräubers mit der Öffentlichkeit geteilt, hätte sich dieser vor seiner Verhaftung nicht 48 Stunden lang in der Stadt verstecken können. Um zu beweisen, dass die Großstadt stärker ist, bietet Coletti demjenigen, der ihn selbst innerhalb dieser Frist in Berlin aufspüren würde, die Summe von 100 000 Mark. Dass sein Gesicht überall an Plakatsäulen prangt, wiegt die Öffentlichkeit in falscher Sicherheit – Coletti hat durchaus einige Tricks auf Lager, um die Suche nach ihm zu erschweren. Zwar dauert es bis zur 29. Filmminute, bis der Film das Atelier verlässt und (einen verkleideten) Coletti vor dem (flaggengeschmückten) Brandenburger Tor zeigt, aber die nachfolgende Sequenz markiert gleich den ersten Höhepunkt des Films, wenn die Kamera Coletti (genauer: seinen Doppelgänger) auf dem Verdeck eines Busses zeigt, hinter dem eine Gruppe von Menschen herläuft. Noch besser, wenn diese den Bus erklimmen und sich Coletti mitsamt einiger Verfolger an dessen Seite herunterlassen.

Diese Szene, so erfahren wir in dem informativen Booklettext von Lars Johansen, war real: Regisseur Max Mack hatte für den Dreh die Stadt mit »Wo ist Coletti?«- Steckbriefen plakatiert und erwies sich damit als früher Vertreter aufsehenerregender PR-Maßnahmen. Eine späte Szene, in der Coletti und seine Komplizin Lolotte die vorangegangenen Ereignisse im Kino als Wochenschau sehen, unterstreicht das Selbstreflexive des Films. Der hatte übrigens ein Jahr vor dem Chaplin-Film Tillie’s Punctured Romance Premiere, der in der Filmgeschichtsschreibung bisher als erste abendfüllende Komödie galt. Somit ist Wo ist Coletti? durchaus als Pionierarbeit einzustufen, auch weil er die Kamera aus dem Atelier hinausbewegt und am Ende, wenn sich Coletti als Frau verkleidet, das Travestiemotiv einbringt, selbst wenn dessen potenziell erotische Aspekte herabgespielt werden.

2023 im Auftrag der Murnau-Stiftung digital restauriert und viragiert, liegt der Film jetzt als Veröffentlichung auf Blu-ray vor. Auch die Ausstattung kann sich sehen lassen. Das 16-seitige Booklet liefert Kontext und würdigt den Regisseur Max Mack, die von Richard Siedhoff neu komponierte Musik für ein Salonorchester ist als CD beigegeben, im 45-minütigen Bonusmaterial wird in mehreren Interviews über den Film und die Musik informiert, und eine 16-minütige Schmalfilmfassung aus der DDR bietet – bis auf zwei zentrale Sequenzen – eine gute Kurzversion .

 

 

VÖ: 19. Juni 2026

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