HBO Max: »4 Blocks Zero«

»4 Blocks Zero« (Miniserie, 2026). © Warner Bros. Discovery / W+B TV / Julia Terjung

© Warner Bros. Discovery / W+B TV / Julia Terjung

Eine aus dem Libanon geflüchtete Familie versucht, sich in Deutschland ein bürgerliches Leben aufzubauen – und driftet doch unaufhaltsam in die Unterwelt ab

Der Mann, der in einem Berliner Hotel einen Auftragsmord begehen soll, wirkt angespannt. Er ist gerade aus dem Libanon angereist und hat Kampferfahrung aus dem dortigen Bürgerkrieg. Aber jemanden zu töten, einfach so, in einem anderen Land, ist dann doch schwieriger als gedacht. Vor allem wenn plötzlich zwei Personen im Hotelzimmer sind.

Ein Strippenzieher aus Beirut hat den Mann nach Deutschland geschickt. Wer die Gangsterserie »4 Blocks« gesehen hat, die von 2017 bis 2019 in drei Staffeln Furore machte, erinnert sich an den skrupellosen Oberboss Karami, dem wir im Prequel »4 Blocks Zero« – einem Prestigeprojekt des seit Kurzem auch in Deutschland aktiven Warner-Streamingdienstes HBO Max – in seiner deutlich jüngeren Variante wiederbegegnen. Wir haben Mitte der 90er Jahre.

Bei dem Kampf im Hotel, mit dem die Serie schon in der ersten Folge einen überaus harten Ton anschlägt, kommen schließlich zwei Drogendealer zu Tode. Der Mörder heißt Ibrahim und ist mit der Hamady-Familie verbunden, die einige Jahre zuvor aus dem Libanon flüchtete und in Berlin-Neukölln geduldet unterkam. Die Hamadys um Familienoberhaupt Malik (Rami Fadel Khalaf) wollen sich unbedingt in der neuen Heimat integrieren.

Doch plötzlich steht Schwager Ibrahim (Tariq Al-Saies) vor der Tür – und von diesem Moment an ändert sich alles für die Hamadys, die wir in »4 Blocks« als mächtigen Drogenclan unter der Führung von Maliks Sohn Ali (gespielt von Kida Khodr Ramadan) kennengelernt haben. »4 Blocks Zero« erzählt nun, wie diese Familie in die gewalttätige Berliner Unterwelt abdriftete. Auf geradezu klassische Weise tragisch ist insbesondere die Figur des Malik.

Von Beginn an merkt man an der düsteren Bildsprache und am dräuenden Score, dass man sich in der Welt von »4 Blocks« befindet. Das aus acht Folgen bestehende Prequel besticht durch eine effiziente Spannungsdramaturgie, zu der sowohl die detaillierte Charakterarbeit bei den Protagonisten als auch die zahlreichen Wendungen des Plots beitragen. Dem neuen Drehbuchteam um Headautor Bernd Lange gelingt es, die Vergangenheit der bekannten Figuren plausibel auszuleuchten – und gleichzeitig neue einzuführen. Ibrahim taucht in der Mutterserie nur kurz auf. In »4 Blocks Zero« ist er der Dreh- und Angelpunkt der Erzählung, indem er die zunächst getrennten Welten des brutalen Kokainhandels und des anfangs friedvollen Familienlebens sukzessive zusammenführt. Tariq Al-Saies liefert eine meisterliche Darstellung dieser Figur, deren Bedrohlichkeit nicht so sehr durch permanente physische Aggression, sondern durch eine eigenwillige Mischung aus Intelligenz, Charme und Kälte entsteht.

Die Regisseure Özgür Yıldırım – er inszenierte bereits Teile von »4 Blocks« – und Hüseyin Tabak haben den komplexen Erzählkosmos im Griff und meistern Tempo- und Stimmungswechsel souverän. Die zuweilen opernhaft übersteigerten Actionelemente der Mutterserie sind etwas zurückgenommen. Dass »4 Blocks Zero« eine solche Wucht entfaltet, ist auch dem exzellenten Casting von Iris Baumüller zu verdanken. Mühelos glaubt man, die Menschen aus der Mutterserie hier in ihren Jugendjahren zu sehen. »4 Blocks Zero« funktioniert aber nicht nur als Gangster-Genrestück. Die Serie erzählt auch etwas über die jüngere deutsche Vergangenheit der Kohl-Jahre, in der die Bundesregierung dem Mantra folgte, Deutschland sei »kein Einwanderungsland«. Viele Menschen, die damals zu uns flüchteten, wurden zerrieben zwischen politischer Fehleinschätzung, Behördensturheit und latenter bis offener Xenophobie in der Bevölkerung. Diese Gemengelage förderte die Bildung krimineller Parallelgesellschaften – was jedoch nicht die individuelle moralische Verantwortung aushebelt, wie die vielschichtige Serie eindrucksvoll zeigt.

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