Kritik zu Bad Apples
Eine hilflose Lehrerin (Saoirse Ronan) greift zu drastischen Erziehungsmethoden, die möglicherweise Wunscherfüllung so manchen gestressten Lehrers sein könnten
Am Anfang ist nur dieses seltsame Geräusch zu hören, ein dumpfes Plopp, Plopp, Plopp: Es ist der dumpfe Aufprall von Fallobst auf einer Wiese. Dann geht es direkt zur Apfelverarbeitung in die Fabrik, in der pralle Äpfel ratternd durch die Metallwannen einer Entsaftungsmaschine geleitet werden. Mittendrin ein Fremdkörper, ein Turnschuh, der auf der Welle der Äpfel getragen wird, bis er an einen Punkt kommt, an dem er den reibungslosen Ablauf blockiert und die Maschine tutend und flackernd zum Stillstand bringt. Von oben schaut ein etwa zehnjähriger Junge mit vorwitzig frechem Blick in die Sortiermaschine, eine Kamerabewegung auf seine Füße – ein Fuß mit, einer ohne Schuh – offenbart, dass er hier mit Genugtuung, wenn nicht gar Stolz sein eigenes Werk betrachtet.
Was hier noch nach einem Jungenstreich mit unerwartet schwerwiegenden Folgen aussieht, entpuppt sich bald als ernstzunehmendes Problem im Schulalltag. Graham ist das, was man einen Systemsprenger nennt, volatil, gewalttätig, aggressiv, nicht zu bändigen. Das bekommt vor allem seine Lehrerin Maria zu spüren, die ohnehin nicht die beste Zeit ihres Lebens hat, nachdem sie wegen ihres Freundes ins britische Cidre-Städtchen Somerset gezogen ist, nur um dann von ihm verlassen zu werden. Nach all den schwierigen und tragischen Kindern, Teenagern und Jugendlichen, die Saoirse Ronan in Filmen wie »Abbitte«, »In meinem Himmel«, »Wer ist Hanna?« und zuletzt »The Outrun« gespielt hat, wechselt sie nun die Seiten und verkörpert die engagierte und inspirierte Lehrerin einer Klasse, die von Grahams Verhaltensauffälligkeit dominiert wird.
Immer häufiger klagen Lehrer über unzumutbare Belastungen durch fehlende Disziplin, mangelnden Respekt, geringe Aufmerksamkeitsspannen und zunehmende Gewaltbereitschaft der SchülerInnen, bei zugleich höherem Druck durch psychische Deformationen und Lehrermangel. Und immer öfter erzählen auch Filme und Serien wie »Adolescence«, »Fack ju Göhte« oder »Das Lehrerzimmer« im Spektrum zwischen Sozialdrama und Komödie von diesen Auswüchsen. Der Schwede Jonathan Etzler verbindet in seiner Verfilmung von Rasmus Lindgrens Roman »De Oönskade« (Die Unerwünschten), seinem ersten Film in englischer Sprache, Elemente einer schwarzen Komödie mit Teilen eines politisch unkorrekten Thrillers. Weil die junge Lehrerin keine Chance hat, den unvereinbaren Erwartungen von Arbeitgeber, Eltern und Kindern mit legalen Mitteln gerecht zu werden, greift sie in ihrer Not zu unorthodoxen Maßnahmen. Sie überwältigt Graham, kettet ihn in ihrem Keller an (hier erinnert das Szenario an die ähnlich drastischen Erziehungsmaßnahmen in »Good Boy« von Jan Komasa) und kann sich fortan besser um ihre Schützlinge kümmern – in der befriedeten Schulklasse ebenso wie im Kellerklassenraum.
In gewisser Weise mutet dieser Film an wie der böse Traum eines geplagten Lehrers. Politisch unkorrekt sind dabei nicht nur Marias Handlungen, sondern auch die durchaus opportunistischen Reaktionen von Eltern und Kollegen, die ungeachtet aller moralischen Fragen vor allem froh sind, dass das schwierige Kind nicht mehr da ist. Offen bleibt die Frage, wer hier wirklich der schlechte Apfel des Titels ist: Die kriminell werdende Lehrerin? Der aufmüpfige Junge? Oder vielleicht auch das Mädchen, das sich mit aufdringlichen Schmeicheleien an die Lehrerin ranschmeißt, nur um bei erster Gelegenheit zu offener Erpressung überzugehen? Minderjährige Kinder aber sind nie nur Täter, sondern immer auch Opfer.






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