Türöffner oder Scheitelpunkt?
Wenn man dem Marketing dieser Wiederaufführung traut und die eigene Erinnerung nicht trügt, geschah vor einem Vierteljahrhundert etwas ganz Außerordentliches. Mit »Chihiros Reise ins Zauberland« von Hayao Miyazaki kam ein Spielveränderer in die deutschen Kinos.
Man darf Alexander Kloß getrost zustimmen, der hierzu in der "taz" schreibt: "Er eröffnete einer ganzen Generation eine völlig neue Filmerfahrung, von der sie auch 25 Jahre später noch zehrt." Der Meister des japanischen Animationskinos führte zumal seine westlichen Zuschauer auf ganz unwägbares Terrain. Fremdartig und unvorhersehbar erschien, was seiner zehnjährigen Heldin und uns in diesem magischen Land passieren konnte. Selbst die Verwandtschaft mit vertrauten Feerien wie „Alice im Wunderland“ und »Der Zauberer von Oz« lieferte noch kein Rüstzeug, sie zu ergründen. Diese Welt wird bevölkert von Geistern, die die Physiognomie von Tieren und Gemüsen annehmen. Bei aller Putzigkeit haben diese Gestalten wenig gemein mit der zwanghaft ins Ironische gewendeten Niedlichkeit der Disney-Geschöpfe, die vornehmlich als Gagmaschinen fungieren müssen. Ihre Leinwandaura steht im Zeichen einer drolligen Vieldeutigkeit.
Fast noch liebevoller und sorgfältiger war der Entwurf der Szenerien. Miyazakis Zauberwelt ist luftig, aber voller Fallhöhen, Zeit und Raum sind hier fragile Kategorien. Sie gehorcht ihren eigenen Regeln, die erst einmal begriffen werden wollen – und sich dann auch noch unentwegt ändern. In einem langsamen Rhythmus ist der Film erzählt, bei dem sich Staunen und Erschrecken die Waage halten dürfen. Denn die Gegenwelt wirkt gleichermaßen kurios wie feindselig. Alsbald lernt das ängstliche Mädchen eine unverhoffte Tugend an sich kennen: Hartnäckigkeit. Chihiros größte Prüfung liegt jedoch im Rätsel der Identität. Die kuriose Menagerie des Films ist ein Spielfeld der Duplizität und fortwährenden Metamorphosen. Im gleichen Maße, in dem die Figuren eine andere Gestalt annehmen, erscheint auch ihr Charakter in einem veränderten Licht. Chihiro indes kann sich in der schwankenden Realität dieser Zauberwelt behaupten, weil sie die Gabe besitzt, sich nicht täuschen zu lassen über das wahre Erscheinungsbild ihres jeweiligen Gegenüber. Immerzu wird sie an einen neuen Ort, in eine neue Situation gestellt, auf die sie der Weg dorthin nicht vorbereitet hat. Die von Miyazaki animierte Welt besitzt ein berückendes Eigenleben. Ihre Ikonografie darf erst einmal Selbstzweck sein, bevor sie einer Moral dient. Dennoch lässt sich die Reise mühelos und triftig deuten als Gleichnis für den Umzug der Familie, mit dem sie arg hadert. Die Erlebnisse in der Geisterwelt bereiten sie vor auf ihr neues Leben. Sie lernt, dass Wandel und Instabilität auch ein Segen sein können. Vielleicht war die Eigentümlichkeit ja die eigentliche Lehre des Films: das Fremde anzunehmen.
2001 war Miyazaki natürlich längst kein Fall mehr für Eingeweihte. »Prinzessin Mononoke« hatte vier Jahre zuvor auf der Berlinale einen präzedenzlosen Triumph gefeiert. Kenner waren schon lange überzeugt, dass „Mein Nachbar Totoro“ sein bester Film sei. Ich hatte wiederum besonderes Vergnügen an »Porco Rosso« gehabt, den ich dank meines Freundes Lars Penning entdeckte. Welcher andere Regisseur wäre schon auf die Idee gekommen, dem romantischen Fliegerhelden das Antlitz eines Schweines zu verpassen?
Auf jeden Fall war Miyazaki das beste Gegenargument zu Disney. Den Konzern, der im Gegensatz zu seinem Studio Ghibli schon auf Computeranimation setzte, lehrte er mit »Chihiros Reise« das Fürchten, denn er spielte weltweit über 200 Millionen Dollar ein, damals unfassbar bei einem Animationsfilm, der nicht aus Hollywood stammte, und gewann in dieser Kategorie überdies den Oscar. Mit diesem Gamechanger wurde Ghibli endgültig zu seiner eigenen Industrie. Auch Miyazakis nachfolgenden Filme stellten noch reichlich Rekorde auf und wurden mit Auszeichnungen überhäuft. In ihnen knüpfte er an frühere Bilderwelten an (Das wandelnde Schloss), spielte das Motiv der Verwandlung in neuen Varianten durch (Ponyo) und ließ der Spross einer Familie von Waffen- und Flugzeugfabrikanten eigene Kindheitserinnerungen nun deutlicher in die Filme einfließen (Wie der Wind sich hebt). Mehrmals kündigte er an, in den Ruhestand zu gehen. Hatte er das Gefühl, mit »Chihiro« den Gipfel seiner Kunst erreicht zu haben? Immerhin stellte er mit »Der Junge und der Reiher« vor drei Jahren das Publikum und die Anziehungskraft seines Werkes auf die Probe, als dieser ohne Werbung in die Kinos kam und einen unvergleichlichen Kassenerfolg verbuchte.
Ich denke, es macht die Größe seiner Filme aus, dass man die Frage, ob nun Kinder oder Erwachsene mit einem reicheren Erfahrungsschatz aus dem Kino heimkehren, nicht eindeutig beantworten kann. Zugleich scheint er die Furcht, die aufgeklärte Perspektive des Erwachsenen könne den verzauberten Blick der Kindheit revidieren, nicht zu kennen. Wenn er darin einen Widerspruch sehen sollte, löst er ihn souverän auf. Der Zauber seiner Filme verdankt sich einem Drang nach neugieriger Weltteilhabe, der Regisseur und Figuren gemeinsam ist. Es sind keine behaglichen Passagen, auf die er sein Publikum mitnimmt. Ihr Entwurf entspringt einer tiefen Sorge um die ökologische und zivilisatorische Zukunft des Planeten. Die Szenerie evoziert oft die Anfänge des Industriezeitalters, wo die Zerstörung der Umwelt bereits besiegelt scheint; die Verheerungen der Weltkriege färben die Filme wie eine Grundierung ein. Wer weiß, ob vor 25 Jahren nicht beide Zuschauersegmente spürten, dass „Chihiros Reise ins Zauberland“ insgeheim von der andauernden, spirituellen wie ökonomischen Krise der japanischen Gegenwartsgesellschaft handelte?




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