Interview: Russel T Davies über »Tip Toe«
Russell T Davies (Mitte) mit Alan Cumming (l.) und David Morrisey. Foto: Channel 4
Als Lehrersohn in Wales geboren, begann Russell T Davies seine Fernsehkarriere in den 1980er Jahren zunächst im Kinderprogramm, bevor er später auch begann, Serien für ein erwachsenes Publikum zu schreiben und zu produzieren. Die wegweisende Produktion »Queer as Folk« über eine Gruppe schwuler Männer machte ihn 1999 bekannt, anschließend feierte er als Showrunner bei der Kultserie »Doctor Who« nicht zuletzt in seiner Heimat riesige Erfolge. In den vergangenen Jahren wurde Davies, dessen langjähriger Lebenspartner 2018 an den Folgen eines Hirntumors starb, für Serien wie »A Very English Scandal«, »Years & Years« oder »It's a Sin« mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Nun ist beim Streamingdienst HBO Max sein neuer Fünfteiler »Tip Toe« gestartet, der nachbarschaftliche Animositäten auf nuancierte Weise mit Themen wie Online-Hass und Homophobie zu einer spannenden und brutalen Geschichte vereint. Im Interview stand der 63-Jährige Rede und Antwort.
Mr. Davies, Sie machen seit den 1990er Jahren Fernsehserien, und seit dem Erfolg von »Queer as Folk« 1999 liegt ein großes Augenmerk dabei immer auf LGBTQ-Geschichten und -Figuren. Das ist vermutlich in den letzten paar Jahren nicht unbedingt einfacher geworden, oder?
Ich befinde mich diesbezüglich vermutlich in einer sehr privilegierten Position. Mir haben zuletzt einige Kolleg*innen – seien es Produzent*innen oder Autor*innen – berichtet, dass sie mehr Schwierigkeiten haben, queere Stoffe umzusetzen. So ist es mir bislang nicht ergangen, zum Glück. Vermutlich, weil man inzwischen seit sehr langer Zeit weiß, was man von mir zu erwarten hat. Mag sein, dass mir genau deswegen manche Tür immer verschlossen bleibt. Aber die meisten gehen auf – und das inzwischen sehr schnell. Abgesehen davon hatte ich zumindest in den zurückliegenden Monaten den Eindruck, dass der Erfolg von »Heated Rivalry« wieder einiges verschoben hat. Was die Macher*innen dieser wundervollen Serie erreicht haben, beeindruckt mich wirklich sehr. Und macht mich auch ein klein wenig neidisch.
Ihre neue Serie »Tip Toe« sorgt allerdings auch für einiges Aufsehen. Stimmt es, dass sie ihren Anfang damit nahm, dass Sie Ihrem Nachbarn einen Zweitschlüssel für Ihr Haus übergaben?
Das kann man so sagen. Das ist schon etliche Jahre her, aber damals war ich wegen der Arbeit an »Doctor Who« sehr häufig nicht zu Hause in Manchester und brauchte jemanden, der mal Pakete annimmt und nach dem Rechten sieht. Mein inzwischen verstorbener Nachbar war ein entzückender Mann, dem ich voll vertraut habe. Aber trotzdem begann ich darüber nachzudenken, wie das wäre, wenn man plötzlich merkt, dass sich jemand Fremdes immer wieder Zugang zum eigenen Zuhause verschafft. Typische »Was wäre, wenn«-Gedanken und Katastrophenszenarien, wie sie mir ständig in den Sinn kommen. Und eine tolle Thriller-Prämisse. Nur bin ich eben anders als die Harlan Cobens dieser Welt niemand, der ein Händchen für dieses Genre hat. Irgendwann kam ich allerdings darauf, dass der Thriller-Plot ein trojanisches Pferd sein könnte für etwas ganz anderes. Nämlich für meine wachsende Wut und ehrliche Sorge mit Blick auf die sich in westlichen Gesellschaften rapide verändernde Lage für queere Menschen und deren Rechte.
Wut und Sorge sind in dieser Hinsicht berechtigte Emotionen. Bei manchen macht sich auch schon Verzweiflung breit …
Ich bin kein Fatalist und halte es vor allem mit der Sorge. Die lässt Handlungsspielraum zu und sich nutzen, um doch noch etwas zu verändern. Aber ich verstehe jeden, der angesichts aktueller Entwicklungen verzweifelt. Was ich nicht verstehe, sind queere Menschen, die sich achselzuckend umgucken und fragen, wo denn das Problem sei. Es sei doch alles besser als früher.
In gewisser Weise ist da ja sogar etwas dran!
Stimmt, das will ich auch nicht bestreiten. Unsere westlichen Gesellschaften haben in den vergangenen 30 Jahren enorme Fortschritte gemacht, was LGBTQ-Rechte angeht. Wir haben die Ehe für alle und können adoptieren, es gibt mehr Schutz am Arbeitsplatz und Ähnliches. Aber Fortschritt ist eben keine kontinuierliche, unaufhaltsame Entwicklung. Und ich sehe gewisse Dinge heute auch anders als früher. Die längste Zeit war ich davon überzeugt, dass Sichtbarkeit für die queere Community das Allheilmittel ist. Je mehr man uns wahrnimmt, desto weniger kann man uns ausgrenzen, dachte ich. Und tatsächlich haben wir früher nur träumen können von der Sichtbarkeit, die wir heute haben. Aber die Welt hat sich verändert, und gerade frage ich mich, ob diese Sichtbarkeit uns heutzutage nicht manchmal zum Nachteil gereicht.
Wie meinen Sie das?
Ich spreche jetzt von Sichtbarkeit in einer virtuellen Welt, die bestimmt wird von sozialen Netzwerken. Das Internet ist ein Marktplatz, auf dem sich Tech-Barone bereichern und jedes Wort, jeder Algorithmus für den Profit ausgeschlachtet und als Waffe gegen uns verwendet werden kann. Es geht ja nicht um freien Meinungsaustausch und öffentliche Debatten. Sondern um einen endlosen, am Geld ausgerichteten Kreislauf, in dem wir dazu ermutigt werden, zu streiten und zu widersprechen, denn das hält die Maschinerie am Laufen. Und so wird man durch Sichtbarkeit immer mehr zur Zielscheibe.
Um online geschürten Hass und wie er in die reale Welt überschwappt, geht es auch in »Tip Toe«. Aber nebenbei thematisieren Sie auch Transphobie, Generationskonflikte, den Brexit, den Covid-Lockdown und vieles mehr. Hatten Sie je Sorge, dass das zu viel wird für gerade einmal fünf Folgen?
In Großbritannien gab es durchaus Kritiken, in denen mir vorgeworfen wurde, bloß Schlagworte abzuhaken. Aber mir ging es ja nicht darum, all diese Themen in all ihrer Komplexität zu verhandeln, sondern zu zeigen, dass all die Ereignisse und Entwicklungen der letzten Jahre natürlich zusammenhängen und sich befeuern. Ich hätte die Geschichte von »Tip Toe« unverändert genau so erzählen können, ohne je den Brexit zu erwähnen. Doch das war nun einmal ein einschneidendes Event, das das Leben meiner Figur nachhaltig verändert hat. Es hat die britische Wirtschaft destabilisiert und die Menschen ärmer gemacht. Und es ist ja inzwischen hinlänglich erforscht, dass gesellschaftliche Phänomene wie Homophobie, Rassismus oder Frauenfeindlichkeit immer dann rapide ansteigen, wenn es wirtschaftlich bergab geht. Wenn die Menschen die Angst umtreibt, dass sie ihre Miete nicht mehr bezahlen können, ziehen sie Mauern hoch. Nicht zuletzt ideologische.
Dazu passt eine Frage, die so ähnlich auch in der Serie gestellt wird: Erzeugen das Internet und womöglich die ökonomischen Umstände den derzeit spürbaren Hass in der Gesellschaft? Oder bringen sie nur etwas zum Vorschein, was eigentlich immer da war?
Sie treffen da genau den Punkt, mit dem ich schon mein Leben lang ringe. Gab es diese Wut immer schon und sie war nur nicht so evident? Oder entsteht sie wirklich erst durch diese fiesen Algorithmen? Ich weiß es tatsächlich nicht. Aber ich weiß, dass es heute mehr denn je Grund für Wut gibt, schlicht weil die Welt zumindest in der Verteilung des Reichtums so ungerecht ist wie nie zuvor. Und ich würde behaupten, dass unsere heutige Art der Kommunikation – nämlich durch Online-Kommentare und Textnachrichten – es uns so leicht wie nie macht, feindselig und ignorant zu sein. Dass wir, die es noch nicht einmal hinbekommen haben, der Verwandtschaft Weihnachtsbriefe zu schreiben, heutzutage überwiegend schriftlich mit Mitmenschen kommunizieren, ist der größte Fehler, den die Menschheit seit sehr langer Zeit gemacht hat.
Bevor wir zum Ende kommen, müssen wir zumindest noch kurz auf die fantastischen Schauspieler*innen in »Tip Toe« zu sprechen kommen, allen voran den großartigen Alan Cumming. Haben Sie dem die Hauptrolle auf den Leib geschrieben?
Das habe ich tatsächlich, auch wenn ich so normalerweise nie vorgehe. In diesem Fall hatten meine Produktionskollegin Nicola Shindler und ich die Sorge, dass es schwierig werden könnte, eine Serie mit diesem Inhalt bei Sendern zu pitchen. In Zeiten von Zombies und Vampiren kommen wir mit homophober Gewalt um die Ecke! Deswegen dachte ich, dass ein prominenter Name helfen könnte. Also holten wir Alan Cumming schon an Bord, bevor die Drehbücher überhaupt fertig waren. Wir wollten schon lange einmal zusammenarbeiten, ein paar Mal hätte es fast geklappt. Entsprechend war das jetzt, zumal mit dieser Geschichte, die perfekte Gelegenheit. Und dass er dann noch David Morrissey für die zweite Hauptrolle mit ins Boot holte, mit dem er seit 40 Jahren eng befreundet ist, war einfach Fügung.




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