Kritik zu Teenage Sex and Death at Camp Miasma

© MUBI

2026
Original-Titel: 
Teenage Sex And Death At Camp Miasma
Filmstart in Deutschland: 
20.08.2026
V: 
L: 
112 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Das Finale von Jane Schoenbruns »Screen-Trilogie« ist in seiner wilden Mischung aus Arthouse, Slasher-Anleihen und popkulturellen Referenzen ein sinnliches Schlachtfest, bei dem zwischen Gillian Anderson und Hannah Einbinder die Funken sprühen, Erotik prickelt und Blut spritzt

Bewertung: 4
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Das Finale von Jane Schoenbruns »Screen-Trilogie« dreht die Zeit ordentlich zurück. Die Haupthandlung spielt in der Gegenwart, aber (film)historischer Bezugspunkt sind nun die 1980er Jahre und die Blütezeit der Slasher-Filme. Schon der Vorspann stimmt exzellent darauf ein: Da gleitet die Kamera über eigens für den Film im Film kreiertes Merchandise, mit einer irren Liebe zum Detail. Kris (»Hacks«-Star Hannah Einbinder) ist eine junge Filmemacherin, die ein Sequel des (fiktiven) Horrorfilms »Camp Miasma« drehen will, der sie als Jugendliche stark geprägt hat. Während sich um diesen ersten Teil einer Horrorserie um das Camp und dessen Final Girl ein Fankult entwickelt hat, gelten die Sequels eher – wie so oft – als Ramsch. Kris will es besser machen. Ihre Idee ist, Billy Presley (Gillian Anderson), die Filmheldin von damals, das Final Girl, für ihr Projekt zu gewinnen. Also verabredet sie sich mit Billy, die am Drehort des ersten Teils in einer mondänen Waldhütte lebt. Was dann in Camp Miasma passiert, lässt sich auf verschiedene Arten beschreiben und interpretieren.

Auf den ersten Blick wirkt Billy Presley wie eine neuzeitliche Version der Norma Desmond aus »Sunset Boulevard«, nur um dieses Image im nächsten Moment zu konterkarieren. Anderson verleiht Billy eine verführerisch-elegante Flamboyanz, mit fließenden Roben, perfekt sitzendem Make-up und einer in sich ruhenden Aura. Mit Kris verbinden sie spontan die Liebe zum Film, zu Fast Food – und eine starke erotische Anziehungskraft.

Auf einer zweiten Ebene geht es um den Mythos des Killers, der im Film im Film auftritt: Little Death, eine fast zierlich wirkende Gestalt (erneut von Jack Haven gespielt) mit Speer und einem Helm mit Lüftungsschlitzen, der Assoziationen an eine alte Filmkamera weckt. Als Teenager mit Transidentität von Mitschüler*innen gemobbt, hat sich Little Death vor langer Zeit in ein Versteck auf dem Grund eines Sees zurückgezogen, wo er seitdem lauert. Ein trans Serienkiller ist in der Filmgeschichte nicht neu, aber waren Norman Bates und Buffalo Bill eher schrille Klischees von trans Personen, wirkt Little Death erbarmungslos, düster und übermächtig. Schoenbrun verbindet diese beiden Ebenen der Handlung – ihres Films und des Films im Film – immer dichter miteinander. Gibt es Little Death wirklich? Ist Billy dessen Antagonistin – oder Beschützerin?

Der unklare Status der Realität in Schoenbruns vorherigen Filmen wird in »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« noch gesteigert. Das deutet sich auch visuell an: Mal dient ein echt wirkender Wald als Kulisse, mal entfalten sich die Einstellungen vor Panoramen, die in ihrem pittoresken Kitsch gar nicht erst versuchen zu verbergen, dass sie Matte Paintings sind. Irgendwann vermischen sich auch auf der Erzählebene filmische Realität und Film im Film: Charaktere aus dem Horrororiginal tauchen auf, Szenen wiederholen sich, und Kris ist mittendrin. Das schafft eine schwer greifbare Atmosphäre, zwischen lyncheskem Surrealismus und filmgewordener Fanfiction, die sich gleichzeitig zuckersüß und ziemlich verstörend anfühlt. Schoenbrun entwickelt hier eine eigene Bildsprache weiter, die viel mit verschiedenen Aggregatzuständen spielt – wie buntem Nebel, Wassertropfen oder Schnee. Auch das große Massaker lässt nicht lange auf sich warten.

Im Wesentlichen aber – und das ist die dritte Ebene – geht es in »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« um den weiblichen Orgasmus. Die lesbische und bisher sexuell frustrierte Kris kann erst mit Billy ihre Wünsche und Sehnsüchte ausloten. Zwischen frittiertem Hähnchen und Tonnen von Süßigkeiten, vor dem flackernden Kamin, arbeiten beide auf Kris' Höhepunkt hin. Der Name des Killers, Little Death, rekurriert auf la petite mort, wie der Orgasmus im Französischen auch genannt wird. Little Death muss sich dafür aus den Untiefen des magischen Sees erheben, um alle Ablenkungen in Kris' Kopf zu eliminieren: Damit sie endlich kommen kann. Im Vorbeigehen zitiert »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« unzählige Slasher-Film-Klischees und spitzt und spritzt sich im Finale zu einem Schlachtfest im Schlaraffenland zu, bei dem Schoenbrun so genüsslich wie die Protagonistinnen in Splattermanier die Bildfläche »besudelt«.

Es ist ein fulminanter Abschluss der Trilogie. Die Grenze, die in »We're All Going to the World's Fair« und »I Saw the TV Glow« noch von den Bildschirmen markiert wurde – welche Welt echt und welche fiktiv ist, bleibt den Zuschauenden überlassen –, löst sich hier auf und auch die Figuren finden zu einer Vereinigung. Überwunden ist die soziale Isolation, die die ersten beiden Filme durchzog. Was dort als Gefahr gedeutet wird – Casey berichtet JLB, sie sei eines Nachts wirklich auf der World's Fair gelandet, konnte aber fliehen; Owen versucht, in einen funkensprühenden Röhrenfernseher zu krabbeln, und durchbricht wiederholt die vierte Wand –, ermöglicht hier erst den körperlichen Kontakt und vollendet die Transgression, um los- und sich selbst völlig fallen zu lassen.

Ein Befreiungsschlag mit den Mitteln und durch die Magie des Films. Für Schoenbrun selbst, für dey »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« »a movie about learning to enjoy sex after transition« ist, aber auch für alle anderen, die Spaß an Splatter im Arthouse-Modus haben. Schoenbrun gelingt es wie wenigen Filmschaffenden, einen eigenen ästhetischen Stil, Narration und eine irritierende Atmosphäre zu kreieren. Man muss nicht jede der zahllosen popkulturellen Referenzen sofort erkennen oder diesen Stil mögen, aber was Schoenbrun gelingt, ist ziemlich einzigartig, faszinierend, unangestrengt – und kompromisslos queer.

Hinweis: Der Text ist ein Auszug aus dem umfassenderen Werkporträt »Jane Schoenbrun: Lust & Schrecken«. 

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