Nahaufnahme von Bárbara Lennie
Bárbara Lennie in »Bitteres Fest« (2026). © El Deseo. Foto: Iglesias Más
Pedro Almodóvar macht Bárbara Lennie in »Bitteres Fest« zu seinem weiblichen Alter Ego. Dabei verkörpert kaum eine Schauspielerin des spanischen Gegenwartskinos so präzise Frauen, deren eigentliche Dramen unter der Oberfläche stattfinden
Es beginnt mit einer Frau, die nicht mehr weiterweiß – obwohl sie gewohnt ist, Geschichten zu erfinden. Elsa, die Regisseurin in Pedro Almodóvars »Bitteres Fest«, hat zwei Filme gedreht, die längst Kultstatus genießen; inzwischen aber produziert sie Werbespots. Sie leidet unter Migräne, Panikattacken und einer Trauer, für die sie keine Worte findet. Ihr Körper zieht die Notbremse, lange bevor sie selbst begreift, dass ihr Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist. Eine Rolle wie geschaffen für Bárbara Lennie.
Denn kaum jemand verkörpert im spanischen Gegenwartskino so präzise Frauen, deren eigentliche Dramen unter der Oberfläche stattfinden. Lennies Figuren sind selten laut, liefern keine spektakulären Gefühlsausbrüche. Das Entscheidende liegt in der Anstrengung, Haltung zu bewahren. Ihr Spiel lebt von minimalen Verschiebungen: einem Blick, der einen Moment zu lange verharrt, einer Stimme, die plötzlich jede Wärme verliert, einer kaum wahrnehmbaren Verhärtung des Körpers. Sie spielt nicht in erster Linie Angst, Schuld oder Begehren. Sie spielt den Versuch, all das zu kontrollieren.
Pedro Almodóvar sagt, ihn beeindrucke an Lennie ihre »Einfachheit« vor der Kamera. Man sehe »keine Nähte«, obwohl ihre Arbeit hochgradig technisch sei. Tatsächlich wirkt ihr Spiel beinahe schwerelos, scheint nie etwas beweisen zu wollen. Vielleicht brauchte Almodóvar genau deshalb fünfzehn Jahre, bis er sie nach ihrem kleinen Auftritt in »Die Haut, in der ich wohne« ins Zentrum eines eigenen Films stellte.
Schon in ihrer ersten großen Kinorolle in Montxo Armendáriz' »Obaba – Das Dorf der grünen Eidechse« ist Lennie keine klassische Heldin. Als Filmstudentin Lourdes reist sie in ein abgelegenes baskisches Dorf, um die Bewohner zu porträtieren. Sie kommt als Beobachterin – und wird nach und nach selbst Teil der Geschichten, die sie dokumentieren wollte. Das Motiv wirkt im Rückblick fast programmatisch. Lennie spielt seitdem immer wieder Frauen, die glauben, Distanz zu besitzen, bis sie feststellen müssen, dass sie selbst längst in den Strudel geraten sind. Nicht zufällig sind viele ihrer Figuren Suchende: nach Wahrheit, Herkunft, nach einer Sprache für das, was ihnen widerfährt.
Geboren 1984 in Madrid, verbringt Lennie einen Teil ihrer Kindheit in Buenos Aires, ehe die Familie nach Spanien zurückkehrt. Nach der Schauspielausbildung an der Real Escuela Superior de Arte Dramático arbeitet sie zunächst vor allem am Theater. Später wird sie sagen, sie habe nach der Schule geglaubt, nun werde »alles passieren« – stattdessen sei erst einmal nichts geschehen. Also entwickelte sie mit anderen eigene Projekte. »Ich kann sehr schlecht warten«, sagte sie auch.
Diese Ungeduld erklärt vielleicht, weshalb Lennie nie den klassischen Weg zum Star genommen hat. Während viele Schauspielerinnen früh auf einen bestimmten Typ festgelegt werden, entzog sie sich jeder eindeutigen Zuschreibung. Dass viele Zuschauer sie nicht sofort von einem Film zum nächsten wiedererkannten, empfand sie eher als Vorteil denn als Nachteil. Es ging ihr nie darum, eine Persona zu etablieren. Sondern darum, immer wieder neu zu verschwinden.
Der Film, der diese Haltung sichtbar machte, war Carlos Vermuts »Magical Girl«. Er brachte Lennie 2015 den Goya als beste Hauptdarstellerin ein und wurde zum Wendepunkt ihrer Karriere. Sie spielt darin eine Frau, die ebenfalls Bárbara heißt – elegant, kontrolliert, wohlhabend verheiratet und doch von Anfang an von etwas Unsichtbarem umgeben. Als ein arbeitsloser Vater sie mit kompromittierenden Aufnahmen erpresst, entsteht ein Geflecht aus Demütigung, Schuld und Gewalt, dessen Regeln sich nie vollständig entschlüsseln lassen.
Gerade darin liegt die Größe ihrer Darstellung. Lennie verweigert jede psychologische Eindeutigkeit. Ist Bárbara Opfer? Täterin? Süchtig nach Selbstzerstörung? Gefangen in einer alten Abhängigkeit? Der Film beantwortet diese Fragen nicht – und Lennie versucht gar nicht erst, sie aufzulösen. Stattdessen lässt sie alle Möglichkeiten gleichzeitig bestehen. Ihr Gesicht wirkt oft nahezu reglos, und doch scheint sich dahinter fortwährend etwas zu verschieben.
»Magical Girl« wurde deshalb nicht nur zum Durchbruch einer Schauspielerin. Der Film machte sichtbar, welche Rolle Bárbara Lennie im spanischen Kino künftig einnehmen würde. Regisseure wie Jaime Rosales, Ramón Salazar, Rodrigo Sorogoyen oder Asghar Farhadi besetzten sie später nicht, weil sie eine bestimmte Figur verkörperte. Sondern weil sie Widersprüche aushalten konnte. Sie spielt Frauen, die gleichzeitig stark und verletzlich, klar und orientierungslos, souverän und zutiefst verunsichert sind.
Diese Ambivalenz bestimmt auch Ramón Salazars »Sunday's Illness«, vielleicht ihre konzentrierteste Leistung. Chiara taucht nach Jahrzehnten bei der Mutter auf, von der sie als Kind verlassen worden war, und bittet um zehn gemeinsame Tage. Mehr erklärt sie nicht. Keine Vorwürfe, keine Forderungen. Lennie spielt diese Frau mit einer Ruhe, die zunächst fast unnahbar wirkt. Doch je länger der Film dauert, desto deutlicher wird, dass hinter jedem Satz, jeder kleinen Geste ein sorgfältig gefasster Entschluss steht. Eine Frau, die gelernt hat, ihre Traumata nicht vor sich herzutragen. Weil Lennies Gesicht weniger verrät, als man gern wüsste, beginnt man, genauer hinzusehen. Ihre Figuren verlangen Aufmerksamkeit.
Ein ähnliches Prinzip bestimmt »Petra« von Jaime Rosales. Wieder sucht Lennies Figur nach ihrer Herkunft, wieder gerät sie in eine Familie, deren Ordnung auf Lügen und Macht beruht. Rosales erzählt die Geschichte in Brüchen, nimmt Ereignisse vorweg und verweigert die lineare Auflösung. Petras Schweigen verändert ständig seine Bedeutung: Unsicherheit, Erkenntnis, schließlich Widerstand. Lennie wurde dafür beim Europäischen Filmpreis als beste Schauspielerin nominiert.
Dass Rosales sie besetzte, überrascht ebenso wenig wie später Asghar Farhadi für »Offenes Geheimnis«. Beide interessieren sich für moralische Grauzonen. Farhadi gibt Lennie zwar nur eine Nebenrolle, doch selbst hier verändert sie das Kräfteverhältnis des Films. Als Bea beobachtet sie, wie die Vergangenheit ihres Partners in die Gegenwart einbricht. Sie muss das Drama nicht an sich ziehen. Es genügt ihre stille Präsenz, um spürbar zu machen, dass jede Entscheidung neue Verletzungen erzeugt.
Diese Fähigkeit, in kleinen Rollen Gewicht zu entwickeln, zeigt sich auch in der Netflix-Serie »Deine letzte Stunde«. Lennie spielt Viruca, eine Lehrerin, die bereits tot ist, als die Handlung beginnt. Dennoch bleibt sie in den acht Folgen das eigentliche Zentrum. Sie existiert nur in Erinnerungen, Gerüchten und Rückblenden, und jede Figur erzählt eine andere Version von ihr. Selbst ihre Abwesenheit besitzt eine eigentümliche körperliche Präsenz.
Unmittelbar vor »Bitteres Fest« folgt mit Alberto Rodríguez' »Into the Deep – Tödlicher Tauchgang« eine Rolle, die Lennies Entwicklung fast bündelt. Als Industrietaucherin Estrella arbeitet sie in einer rauen Männerwelt, kümmert sich um ihren spielsüchtigen Bruder und trägt eine Verantwortung, die niemand mit ihr teilt. Sie wirkt hart, fast unnahbar. Doch Lennies Estrella organisiert ihr Leben aus der puren Notwendigkeit heraus, weiterzumachen. Hinter der spröden Oberfläche bleibt eine Verletzlichkeit spürbar, die nie ausgespielt wird.
So erscheint »Bitteres Fest« beinahe als logische Konsequenz dieser Laufbahn. Almodóvar macht Lennie nicht zur Muse, sondern zu seinem weiblichen Alter Ego. Elsa ist Regisseurin, Autorin und zugleich Projektionsfläche eines anderen Regisseurs. Sie verarbeitet das Leid ihrer Freundinnen zu einem Drehbuch und gerät damit in denselben ethischen Konflikt wie der Filmemacher, der sie erfindet: Darf Kunst sich am Leben anderer bedienen?
Es ist bezeichnend, dass Almodóvar diese Frage nicht einer Schauspielerin der großen melodramatischen Gesten überlässt, sondern einer, die seit zwei Jahrzehnten das Gegenteil perfektioniert. Bárbara Lennie spielt Menschen, die nie vollständig durchschaubar werden – weil sie, wie die meisten von uns, mehr als eine Wahrheit zugleich in sich tragen.




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