Kritik zu Bitteres Fest
Mit seinem neuen Film schafft Pedro Almodóvar das Kunststück, eine Kopie von sich selbst so zu inszenieren, dass sie zum Original wird.
Die »Kultregisseurin« Elsa befindet sich auf dem absteigenden Ast. In letzter Zeit dreht sie nur noch Spots für Herrenunterwäsche. Außerdem setzen ihr Migräneanfälle und Panikattacken zu. Ihr neues Drehbuch über den Schicksalsschlag einer nahen Freundin soll die Wende herbeiführen. Dummerweise hat die Freundin etwas dagegen, dass ihr Schicksal Stoff für einen Film wird.
Mit »Bitteres Fest« kehrt Pedro Almodóvar nach seiner ersten englischsprachigen Produktion »The Room Next Door« in seine Heimat und zu seinen Wurzeln zurück. Dazu zählt das unwiderstehliche Spiel mit der Autofiktion, die der Spanier zu einem Markenzeichen generierte. Elsa agiert als prototypische »Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs« vor allem deswegen glaubhaft und authentisch, weil sie eine fiktive Figur aus der Feder des gefeierten Autorenfilmers Raúl (Leonardo Sbaraglia) ist. Dieser schreibt an seinem neuen Drehbuch, welches – genau wie das seines erdachten Charakters – beeinflusst ist von seinem eigenen Leben und Menschen aus seinem nahen Umfeld.
Nun ja, das erinnert schon deutlich an das Alterswerk »Leid und Herrlichkeit«, in dem Antonio Banderas Almodóvars Alter Ego verkörperte. Ist dem Regisseur in seinem 24. Langfilm kreativ die Puste ausgegangen? »Bitteres Fest« zeugt vom Gegenteil. Seit den wilden 1980ern und den beiden oscarprämierten Höhepunkten um die Jahrtausendwende (»Alles über meine Mutter«, »Sprich mit ihr«) hat Almodóvar sein Handwerk kontinuierlich verfeinert. Jede Einstellung in seinem neuen Film überrascht mit einer überbordenden Detailfülle, einer visuellen Explosion im Mikrobereich. Almodóvar-Farben – jeweils kurz davor, im Auge zu schmerzen – sind ein Fest der Sinne. Werden in Spanien Krankenhäuser etwa so designt, dass sie in einem Almodóvar-Film gut aussehen?
Auch mit jener verdrehten Geschichte, die sich in »Bitteres Fest« reflektierend über sich selbst beugt, variiert Almodóvar ein Kernmotiv, das er in »Mein blühendes Geheimnis«, »La mala educación« und anderen Dramen durchspielte. In »Das Gesetz der Begierde« von 1987 etwa wehrt sich die von Carmen Maura gespielte (Trans-)Frau dagegen, dass ihre Pleiten mit Männern Stoff für das Drehbuch des homosexuellen Regisseurs Pablo werden. Der schwule Filmemacher adressiert unterdessen flammende Liebesbriefe an sich selbst – die sein Liebhaber, an den er sie schickt, unterschrieben zurücksenden soll. Dieses zweifache Scheitern – die verfehlten Begegnungen zwischen Mann und Frau und zwischen Mann und Mann – entspricht jener Almodóvar-Matrix, die in »Bitteres Fest« virtuos variiert wird. So blickt der gealterte Autorenfilmer Raúl mit seinem Drehbuch der schmerzlichen Erkenntnis ins Gesicht, dass sein deutlich jüngerer Liebhaber Santi (Quim Gutiérrez) ihn wohl mit jungen Männern betrügt. Auf der Film-im-Film-Ebene legt Elsas deutlich jüngerer Freund Bonifacio (Patrick Criado) einen Strip hin, der den grölenden Zuschauerinnen verdeutlichen soll: Dieser schwul anmutende junge Mann ist für Frauen unerreichbar.
Wie in jedem Almodóvar-Film erscheint das, was in der Wiedergabe verkopft und konstruiert klingt, während des Zusehens elegant und auf faszinierende Weise schwerelos. Eine Überraschung ist der Cast. Mit Ausnahme eines Cameos von Rossy de Palma, die buchstäblich das Gesicht des Almodóvar-Films schlechthin verkörpert, hat der Spanier seine Darstellerriege komplett ausgetauscht. Wohl nicht zufällig erinnert Leonardo Sbaraglia als Raúl an Antonio Banderas in »Leid und Herrlichkeit« und erscheint Vicky Luengo (die Elsas Freundin Patricia spielt) wie eine Kopie der jungen Penélope Cruz in »Alles über meine Mutter«. Diese Ähnlichkeiten nutzt Almodóvar, um die Grenzen zwischen Realität, Fiktion und Autofiktion zu verwischen und gleichzeitig zu thematisieren. Er evoziert so den irritierenden Eindruck, als versuche ein anderer Regisseur, einen »typischen Almodóvar« zu drehen – mit all jenen zwischenmenschlichen Verwicklungen, die man von ihm erwartet. Und die der Regisseur mit schelmischem Grinsen doch wieder unterläuft.




Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns