Schwules Museum: Susan Sontag – Sehen und gesehen werden

Fotografie: Renate von Mangoldt (Susan Sontag während der Veranstaltung »Drei Amerikaner in Berlin«, Akademie der Künste, Berlin, September 1976), (c) von Mangoldt

Fotografie: Renate von Mangoldt (Susan Sontag während der Veranstaltung »Drei Amerikaner in Berlin«, Akademie der Künste, Berlin, September 1976), (c) von Mangoldt

12. Juni 2026 – 2. November 2026, Schwules Museum, Berlin

»Sehen & gesehen werden« heißt die Ausstellung: Der in dieser Dopplung oder Spiegelung enthaltene Gegensatz ist ein so passender wie schöner Titel, benennt er doch einerseits Susan Sontags lebenslanges Interesse an bildlichen Vergegenwärtigungen – mit denen sie sich nicht nur in ihrem Buch »Über Fotografie« auseinandergesetzt hat – und deren Inszenierungscharakter, etwa jene beiden berühmt-berüchtigten Fotos, die seinerzeit weltweit den Vietnamkrieg auf den Punkt brachten. Film war für Sontag (1933–2004) die wichtigste Kunstform; mit ihren eigenen Spiel- und Dokumentarfilmen würdigte sie einerseits die von ihr verehrten Meister wie Ingmar Bergman, ging andererseits aber auch eigene Wege.

Ihre fortwährende Auseinandersetzung mit den Medien führte dabei auch zu Neubewertungen. So revidiert sie 1975 in ihren Tagebuchnotizen ihre Wertschätzung der ästhetischen Qualitäten der Filme Leni Riefenstahls zugunsten einer konsequenten Analyse von deren faschistischen Wurzeln.

Dass das Schwule Museum die Ausstellung um ein Kapitel zu Susan Sontag in Berlin ergänzt hat, ist so naheliegend wie sinnvoll. Zum einen war sie bei zwei zentralen Ereignissen der Weltgeschichte gerade in der Stadt, 1989 beim Mauerfall und 2001 am 11. September – über beide hat sie anschließend publiziert. Zum anderen entwickelte sie eine lang anhaltende Beziehung zu Berlin, beginnend mit ihrem ersten Besuch 1958 gemeinsam mit ihrer damaligen Lebensgefährtin Harriet Sohmers, über ihr DAAD-Stipendium bis zu persönlichen Freundschaften wie der zu Alf Bold, dem Programmgestalter des Kinos »Arsenal«, das ihr 1990 eine Carte Blanche gab.

In Videogesprächen kommen dabei unter anderen Erika und Ulrich Gregor, Ulrike Ottinger, Gesine Strempel (die als Mitherausgeberin von »Frauen & Film« ein Gespräch mit Sontag führte) und Joachim Sartorius (DAAD) zu Wort; ergänzt wurde die Ausstellung auch um Ausschnitte aus Interviews, die sie deutschen Fernsehanstalten gab.

Sontags Manie, für alle möglichen Dinge und Tätigkeiten Listen zu schreiben, ist mit mehreren Beispielen präsent, von handschriftlichen Notizen zu den Filmen, die sie in einer Woche in New York gesehen hat, bis zur Liste guter Vorsätze oder eines »typischen« Sontag-Tagesablaufs, schwankend zwischen Ironie und Selbstinszenierung. Denn darauf verstand sie sich blendend, nicht nur in den Fotos, die ihre letzte Lebensgefährtin, die Fotografin Annie Leibovitz, von ihr gemacht hat; schon zu Beginn ihrer Karriere war das ein Mittel des Self-Empowerments. Andy Warhol mag in ihr eine Seelenverwandte entdeckt haben, wie die gleich sieben »Screen Tests« andeuten. Ihrer Offenheit hinsichtlich ihrer eigenen Krebserkrankung steht dabei die Tatsache gegenüber, dass sie sich nie geoutet hat – möglicherweise beeinflusst durch den Sorgerechtsstreit um ihren Sohn Ende der 1950er Jahre, über den die »Daily News« titelte: »Lesbische Religionsprofessorin erhält Sorgerecht«.

Eine so konzentrierte wie anregende Ausstellung, die Lust macht, Sontags Texte (wieder-) zu lesen.

Susan Sontag: »Sehen & gesehen werden / Seeing & Being Seen«. Kuratiert von Kristina Jaspers und Birgit Bosold. Schwules Museum, Lützowstr. 73, 10785 Berlin; bis 2.11.2026, schwulesmuseum.de.

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