Verschworene Gemeinschaft
Der 29. Mai ist ein Termin, an dem wir prinzipiell enger zusammenrücken könnten. An diesem Datum wird der Tag der Nachbarschaft begangen, weltweit bereits seit 1999, in Deutschland seit 2018. Grämen Sie sich nicht, wenn sie ihn in diesem Jahr verpasst haben. Ich erfuhr auch erst zu spät davon.
Ich einer alten Zeitung darauf, die eine freundliche Nachbarin in Herford für mich aufbewahrt, fand ich eine Rubrik, die „Grafik der Woche“ heißt und oft bemerkenswerte Erkenntnisse bereithält. In diesem Fall waren es statistische Aufschlüsse. Dass zu den häufigsten Gründen für Nachbarschaftsstreit in Deutschland zuvorderst Lärmbelästigung, falsch geparkte Autos und störende Haustiere zählen, muss nicht überraschen. Dass sich fast ein Drittel der Deutschen von ihren Nachbarn gelegentlich etwas ausleihen, ebenfalls nicht. Aber die Reihenfolge dieser Wohltaten ist interessant: an erster Stelle stehen Leitern, gefolgt von Milch und Zucker (zugegeben, zwei Klassiker) sowie der Parkplatz. 57 Prozent aller Deutschen finden, dass eine gute Nachbarschaft maßgeblich zu ihrer Lebenszufriedenheit beiträgt.
Nachbarschaft ist eines meiner Lieblingsthemen im Kino. Im Frühjahr 2004 widmete ihm das „Forum des images“ eine Retrospektive mit dem Titel „Voisins, voisines“. Sie umfasste rund 120 Beispiele gewährte den Zuschauern damit einen keineswegs vollständigen, aber doch umfassenden Blick auf das Sujet. Das Spektrum reichte vom Verliebtsein in die schöne Nachbarin (man denke nur an Billy Wilders „Das verflixte siebte Jahr“) über den Voyeurismus (der in Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ noch die moralische Komplikation nach sich zieht, dass der Blick auf dem Voyeur zurückgeworfen wird) bis hin zur Vorstellung des Mietshauses als feindseligem Universum (beispielsweise Polanskis „Der Mieter“, gewissermaßen eine Tragikomödie verfehlter Nachbarschaft). Die Filmschau tarierte präzis die Ambivalenz von Überwachung und Anonymität, von Apathie und Geborgenheit, von Eigenbrötlertum und Gemeinschaftssinn aus.Sie belegte vor allem, wie akribisch das Kino diese Topographie erkundet hat, die transitorischen Orte der Begegnung, den Innenhof als kleines Welttheater, als Labyrinth der Blicke und Projektionen. Zwei Lager stehen sich hier gegenüber. Die optimistische, großzügige Weltsicht eines Jean Renoir, der in „Das Verbrechen des Monsieur Lange“ den Innenhof als Ort der Gemeinschaft feiert, macht ihm zum Antipoden eines Hitchcock, der den Hof argwöhnisch als Hort der Einsamkeit, der Verzweiflung und des Verbrechens erforscht.
Seitdem sind beachtliche Titel hinzu gekommen, beispielsweise die ersten zwei Regiearbeiten von Ben Affleck („Gone Baby Gone“ und „The Town“), die den Fokus auf den Zusammenhalt eines ganzen Viertels erweitern, oder „Don't worry, Darling“ von Olivia Wilde, wo sich zeigt, dass der Argwohn zurecht auch in der Suburbia nisten kann. Vor ein paar Tagen entdeckte ich ein Beispiel des Nachbarschaftsfilms, wo ich es partout nicht erwartet hatte. „The Furious“ (siehe „Wahl der Waffen“ vom 19.6.) ließ mir keine Ruhe, In einem Artikel war ich die unmittelbar vorangegangene Arbeit des Regisseurs Kenji Tanigaki als Stunt-Choreograph gestoßen, die hoch gelobt wurde: „Twilight of the Warriors: Walled In“ (Regie Soi Cheang, 2024). Ursprünglich interessierte mich also der Action-Aspekt. Die einschlägigen Szenen haben.eine ganz andere Wucht. Eingangs sind sie fast ausschließlich als Rückblenden eingefügt, die eine Vorgeschichte des Schauplatzes erzählen. So wirken sie beinahe entrückt. Danach geht es aber unmittelbar gegenwärtig weiter, mit großem Einfallsreichtum (ein Handgemenge in einem Doppeldecker-Bus; ein Kampf, der so blitzschnell vorüber ist, dass ein Kombattanten seine Zigarette noch vor dem Fall wieder aufschnappen kann) und einer demographischen Gerechtigkeit, bei der Alter und Geschlecht keine Ausschlusskriterien sind. Der schwergewichtige Sammo Hung legt einige Bravourstücke hin; auch andere Namen aus der All-Star-Besetzung (Louis Koo, Philip Ng) sind selbst mir vertraut.
Die Handlung ist im Hongkong des Jahres 1980 angesiedelt. Die Stadt ist gerade zu einem „first port of Asylum“ erklärt worden; es ist noch die Zeit der Boat People. Im Zentrum steht der junge Flüchtling Lok, der seine eigene Herkunft nicht kennt und zwischen verfeindete Clans gerät. Auf der Flucht vor einer Triade gerät er in die Kowloon Walled City. (Laut der englischsprachigen Wikipedia gab es sie wirklich, sie war zunächst ein Fort und diente dann als ziviles Refugium für allerlei Ausgestoßene. Sie wurde 1993 abgerissen, ist im Film aber als großartiger Spezialeffekt rekonstruiert.) Nach anfänglichen, rabiaten Missverständnissen stößt er dort auf eine patente Willkommensgesellschaft. die von dem Barbier Cyclone (Koo) angeführt wird. Jeder, der in die Walled City kommt, empfängt er Lok, hat Probleme. Der Wohnblock ist eine funktionierende Ruine, in der kleine Geschäfte und das Handwerk florieren. Er erinnerte mich an die Kasbah in „Pépé le Moko – Im Dunkel von Algiers“: eine undurchdringliche Freistatt, in die sich die Polizei kaum hinein traut. Tanigakis Choreographien nutzen die brüchigen Dekors kongenial.
Lok fügt sich ins Alltagsleben, schließt Freundschaften und findet zum ersten Mal so etwas wie Frieden. „The reason you can sleep isn't the Walled City“, klärt ihn Cyclone auf, „it's the people that live in it.“ Dieser Geist des Zusammenhalts wird auf harte Proben gestellt, als ein alter Racheschwur und der dreiste Besitzanspruch von Sammo Hungs Triade die friedliche Ordnung bedrohen. Alte und neue Loyalitäten müssen sich erweisen. Was mich begeisterte war, wie hier ein Netz aus Sympathie und Hilfsbereitschaft um den geflüchteten Lok gewoben wird. Es ist so dicht wie das, welches den heimatlosen Robert Mitchum im mexikanischen Dorf in „The Wonderful Country“ (Heiße Grenze, 1959) von Robert Parrish umfängt. In der Walled City nistet eine ebensolche Heiterkeit wie in diesem Grenzwestern. Sie wird getragen von jener Offenheit, ohne die keine gute Nachbarschaft entsteht.




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