»Traumata muss man bewusstmachen«
Jutta Brückner plädiert für einen historisch reflektierten Umgang mit dem Film von Wim Wenders
Was bisher geschah
Seit Wochen wird in der deutschen Filmbranche über eine Szene aus einem mehr als fünfzig Jahre alten Film gestritten. Im Zentrum steht Wim Wenders’ Roadmovie »Falsche Bewegung« (1975) und die Frage, wie mit Aufnahmen der damals 13-jährigen Nastassja Kinski umzugehen ist. Die Schauspielerin wirft Wenders vor, eine Nackt- und Gewaltszene ohne ihr Einverständnis gedreht zu haben, und fordert, die betreffende Passage aus dem Film zu entfernen. Wenders entschuldigte sich schließlich öffentlich und zog den Film vorerst aus dem Verkehr. Für Kinski reicht das nicht. Sie verlangt, dass die Szene dauerhaft herausgeschnitten wird. Der Konflikt hat sich längst zu einer Grundsatzdebatte ausgeweitet. Es geht um die Arbeitsbedingungen von Kindern im Filmgeschäft der 1970er Jahre, um die Sexualisierung Minderjähriger, um Persönlichkeitsrechte und das Recht am eigenen Bild. Zugleich berührt der Fall Fragen, die seit der Me-too-Bewegung mit neuer Schärfe diskutiert werden: Welche Verantwortung tragen Regisseure und Produzenten rückblickend für Praktiken, die lange Zeit hingenommen wurden?
Hinzu kommt der Umgang mit historischen Kunstwerken. Darf ein Film nachträglich verändert werden, wenn eine Beteiligte sich durch bestimmte Aufnahmen verletzt oder entwürdigt fühlt? Oder gehört auch Problematisches zur Überlieferung eines Werks? Hier treffen Persönlichkeitsrechte und Kunstfreiheit aufeinander, unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit, Erinnerungskultur und dem Umgang mit dem kulturellen Erbe.
Die Filmemacherin und Autorin Jutta Brückner hat sich in einem kurzen Beitrag des Deutschlandfunks zu der Kontroverse geäußert. Weil ihre Überlegungen Aspekte berühren, die in der bisherigen Debatte aus unserer Sicht zu wenig Beachtung gefunden haben, baten wir sie, ihre Position für uns ausführlicher darzulegen. Im folgenden Gastbeitrag argumentiert Brückner aus der Perspektive einer Regisseurin, die die Umbrüche der Filmbranche über Jahrzehnte hinweg erlebt hat. Auf unserer Website findet sich auch ein früher Blogbeitrag von Gerhard Midding zur Debatte.
Kommentar: »Traumata muss man bewusstmachen«
Jutta Brückner plädiert für einen historisch reflektierten Umgang mit dem Film von Wim Wenders
Es ist jetzt erst einmal Pause. Und Wim Wenders und Nastassja Kinski können ihr Verhältnis klären, denn ihre Zusammenarbeit hat eine längere Geschichte. Kinski hat, wenn ich der Presse glauben darf, seit vielen Jahren diese Art von Klärung erwartet und Wenders sollte sich dieser Verpflichtung jetzt stellen. Das ist der persönliche Aspekt, und es ist etwas, das nur die beiden angeht. Doch dieser Fall hat so viel öffentliche Aufregung mit sich gebracht, dass ich das Gefühl habe, hier werden noch ganz andere Rechnungen beglichen. Denn wie auch immer man darüber denken mag, Wim Wenders ist kein infamer Unhold. Auf brisante Weise kreuzen sich in diesem Fall unterschiedliche Bewertungs- und Moralsysteme: die Anforderung, Kinder und Jugendliche vor Sexualisierung zu schützen, der Wunsch, das Filmerbe zu bewahren, die Notwendigkeit, Geschichte nicht zu verfälschen, und die Ablehnung einer Darstellerin, mit ihrem jugendlichen Ich konfrontiert zu werden. Da ist kein gedeihliches Miteinander zu erwarten.
Spätestens seit der zweiten Frauenbewegung der 1980er Jahre wissen wir, dass das Private politisch ist. Es hat eine Wertigkeit innerhalb der Gesellschaft, ohne dass es dabei seinen Status als Privates einfach verliert. Was wiegt mehr: die Verfügung über das eigene Bild – Nastassja Kinski –, das eigene Werk – Wim Wenders – oder das gemeinsame Filmerbe? Der Satz von Wenders während der Verleihung des Ehrenpreises, dass dies nicht nur ihn angehe, sondern auch uns alle, ist nicht eine Verschiebung der Verantwortung, so wenig wie sein anderer, dass sich die Sensibilitäten geändert hätten, nur ein Ausweichen vor der Entschuldigung ist.
Wim Wenders hat sich wie wenige andere Regisseure bemüht, in seinen Filmen andere Männerbilder zu schaffen als die überlieferten, und sein internationales Renommee speist sich daraus. Man kann das, und ich glaube zu Recht, missverstandene Romantik nennen. Aber diese Männer wissen tatsächlich nicht, wie sie mit Frauen und Frauenbildern umgehen sollen. Wenders hat das in seiner Rede ehrlich benannt und dafür verdient er Respekt und keine Häme. Viele filmende Männer seines Alters haben das auch nicht gewusst und sind eher geflohen: in eine schlechte Bildertradition oder den Amazonas.
Wenders’ eher introspektive und grüblerische Männer stehen in der romantischen Tradition, wenn sie ihr Seelenheil bei sehr jungen, kindlichen Frauen beziehungsweise Mädchen suchen; die Braut von Novalis war zwölf Jahre alt. Da die Romantiker den leeren Himmel mit der Liebe als Religionsersatz gefüllt hatten, handelt es sich dabei eher um Projektionen als um realistische Geschichten. Aber da wir eine völlig andere Beziehung zu Bildern haben als die Romantiker, besonders zu den bewegten mit ihrem Realitätsdruck, knirscht die Übertragung dieser Art von Männlichkeit ins Heute. Die Projektion wird einfach zum Male Gaze. Einem neuen Männerbild ist mit dem Rückgriff auf die Romantik nicht auf die Sprünge zu helfen.
Es ist heute selbstverständlich, dass man das Unbehagen von 13-jährigen Mädchen ernst nimmt, aber es ist für diese Mädchen heute auch selbstverständlich, zu sagen, dass sie etwas nicht machen wollen. Ich habe das bei den Dreharbeiten zu meinem letzten Film erlebt, und wir haben die Szene in Einverständnis mit dem Mädchen und seiner Mutter geändert. Der Film von Wenders wurde aber gemacht in einer Zeit der Frauenemanzipation und sexuellen Befreiung. Dafür war Nacktheit ein Zeichen. Sie galt eher als Empowerment, wie man heute sagen würde, denn zum ersten Mal in der Geschichte des weiblichen Körpers war seine Entblößung nicht mehr mit Hurenhaftigkeit und Käuflichkeit verbunden. Deshalb haben sich auch gerade die Frauen damals nicht an der jetzt inkriminierten Szene gestoßen.
Ich erinnere mich aber an mein anderes Unbehagen. Vor dem Sex bekommt das jugendliche Liebesobjekt eine Ohrfeige. Der Mann beherrscht den weiblichen Körper doppelt, durch Gewalt außen und nach innen. Die Frau wird so gleichzeitig zum ungezogenen Kind und zum Sexobjekt. Und es liegt nahe, die Ohrfeige zu interpretieren als den männlichen Protest, dass diese Kindfrau unverschämterweise sein Begehren geweckt hat. Mein Unbehagen damals wäre genauso groß gewesen, wenn dieses Objekt bekleidet gewesen wäre. Die »neuen Männer« können keine Beziehungen zu Frauen eingehen, sondern nur zu vorpubertären Mädchen, die auf der Suche sind und deshalb neugierig und verfügbar sind und keinen Widerstand leisten. Bei dem Versuch, ein neues Männerbild zu zeigen, verheddert sich dieser Film in Frauenbildern.
Also weg damit? Die Szene schneiden? Aber müsste man dann nicht auch jeden Hinweis darauf tilgen, dass hier ein Beischlaf stattgefunden hat? Denn das ist ja weitaus skandalöser als das beanstandete Bild. Wenn man einmal mit dem Kehraus angefangen hat, gibt es kein Ende, wir kennen das von traditionellen Formen der Bilderstürmerei. Der Jugendschutz hat die Szene damals nicht beanstandet, denn so viel Liberalität hatten wir schon, dass sexuelle Szenen erlaubt waren, wenn sie in einem künstlerischen Kontext standen. Es sagt etwas aus über die Malaise unserer Zeit, dass man daran erinnern muss. Wir werden heute in den sozialen Medien bombardiert mit Pornografie und Obszönität. Man nimmt Zuflucht dazu, wenigstens Kinder und Jugendliche zu schützen. Das ist wichtig und vollkommen in Ordnung. Aber man muss aufpassen, dass man bei der Darstellung kindlicher Figuren nicht weit hinter die Erkenntnisse von Freud zurückfällt.
Wenders’ Film ist, gerade weil der Regisseur von vielen Männern international verehrt wird, ikonisch. Er sagt etwas aus über die Vorstellung von Männlichkeit, mit der dann auch, ob geplant oder nicht, die Vorstellung von Weiblichkeit verbunden ist. Und das macht ihn zum Zeitdokument. Durch einen Schnitt würde man in eine Tradition eintreten, die wir von der sowjetischen Fotografie kennen, die Trotzki wegretuschiert hat, um eine historische Zwangsläufigkeit zu behaupten, die es nicht gegeben hat.
Was die sogenannte große Geschichte angeht, lassen wir inzwischen die Spuren und Narben sichtbar stehen – wie im Reichstagsgebäude, jeder sieht hier, dass ein Krieg stattgefunden hat. Aber auch die Geschichte der Sexualität ist ein Teil der großen Geschichte, selbst wenn sie privat in den vielen kleinen Geschichten gelebt wird. Wir vergessen das gern und konzentrieren uns auf die großen Katastrophen. Gerade deshalb muss man die verspätete Klage von Nastassja Kinski auch ernst nehmen. Ihr Trauma gehört zu der besonderen Form von Trauma, das ganz viele Frauen haben, ein Trauma der Alltäglichkeit, nicht das eines besonderen, großen Ereignisses – es besteht aus vielen kleinen, scheinbar normalen Akten der Aggression, die kumulieren. Und die Wut darüber meldet sich erst in späten Jahren, wenn man genug Kraft hat, sich dem lange Unterdrückten zu stellen.
Also doch schneiden? In dem großen Durcheinander der Werte und Moralvorstellungen, in dem wir leben, sollte es vielleicht möglich sein, zu sehen, welch wichtiges Bild Nastassja Kinski dargestellt hat. Die stumme Manon/Lolita begänne zu sprechen und sagt: »Seht mich an! So war es! Ich stehe dafür ein.«
Es gibt verschiedene Arten, mit Traumata fertig zu werden. Und die Traumata, die einen gesellschaftlichen Ursprung haben – und nicht rein privat sind wie etwa der Tod geliebter Menschen –, sind heute so verbreitet in vielfältigen Formen männlicher Aggressionen gegenüber Frauen, dass man sie bewusst machen muss, denn nur so kann man sie bekämpfen. Gisèle Pelicot hat darauf bestanden, dass die brutalen Szenen ihres jahrelangen realen Missbrauchs öffentlich gezeigt werden. Damit hat sie etwas Verborgenes offengelegt und ein Bewusstsein geschaffen. Sie hat sich aus der Rolle des Opfers befreit, gerade weil sie sich nicht hinter der Scham versteckt und damit kleingemacht hat. Scham war durch Jahrhunderte ein Mittel, Frauen zu disziplinieren. Die große Geschichte und die kleine private, beide ineinander verflochten – wir sollten ihr ins Auge sehen.
Jutta Brückner




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