Filmgeschichte: Tatsuya Nakadai
Tatsuya Nakadai in »Harakiri« (1962). © Shochiku Co., Ltd
In über 60 Jahren hat er Fürsten und Outlaws, Krieger und Liebhaber gespielt, 2025 ist er gestorben. Tim Abele empfiehlt die Retro, die ihm das Japan-Filmfestival Nippon Connection widmet
Welcher Film liegt mir am meisten am Herzen?
»Kagemusha – Der Schatten des Kriegers« (1980) von Akira Kurosawa. Nakadai spielt eine Doppelrolle; es ist die alte Geschichte vom gemeinen Dieb, der dem Fürsten wie aus dem Gesicht geschnitten ist und dessen Rolle einnimmt. Ein psychologisch hoch spannendes, bisweilen herrlich komisches Historienspiel um Identität und soziale Rollen und damit auch die Schauspielkunst selbst. Schon in »The Face of Another« (1966) von Hiroshi Teshigahara widmete sich Nakadai diesen Fragen – er spielt darin fast nur mit den Augen einen bandagierten Mann, dem ein Psychiater ein neues Gesicht schenkt. Maske und Moral liegen nah beieinander, und wer eines verliert, verliert das andere.
Was halten alle für sein Meisterwerk?
»Barfuss durch die Hölle« (1959–61) von Masaki Kobayashi entfaltet über fast zehn Stunden die Vernichtungsdynamik des Krieges in all ihren Facetten. Nakadai spielt Kaji, dessen Pazifismus im Zweiten Weltkrieg langsam zermalmt wird. Daneben steht Kurosawas King-Lear-Adaption »Ran« (1985), in dem Nakadai als dem Wahnsinn verfallener Fürst durch sein untergehendes Reich irrt. Mit der malerischen Opulenz der Bilder und der metaphysischen Hoffnungslosigkeit zählt »Ran« zu Kurosawas und Nakadais eindrücklichsten Werken.
Welcher Film ist zu wenig gewürdigt?
»Portrait of Hell« (1969) handelt von dem koreanischstämmigen Maler Yoshihide (Nakadai). Er kann nur malen, was er sieht, und weigert sich, das Paradies zu malen, solange das Fürstentum in Dekadenz und Grausamkeit regiert wird. Der Fürst gebietet ihm also, die Hölle abzubilden. Ein kühn-expressives Egoduell voll Theatralik und religiös-politischer Kunstdebatten. Auch das Umweltdrama »Rise, Fair Sun« (1973) von Kei Kumai ist nur selten zu sehen. Nakadai spielt einen Bauern, der sein idyllisches Dorf in den japanischen Alpen gegen den Zugriff der Tourismusindustrie verteidigt.
Welcher Film ist der beste Einstieg ins Werk?
»Harakiri« (1962) beginnt mit Nakadai als herrenlosem Samurai, der in einem Fürstenhaus bittet, dort den rituellen Selbstmord verüben zu dürfen. Der Film von Kobayashi ist der perfekte Auftakt, von dem aus sich Nakadais janusgesichtige Schauspielkunst entfaltet. Wer sich im Genre der Samuraifilme umgetan hat, wird die dekonstruktiven und parodistischen Elemente in »Harakiri« oder »Kill!« (1968) zu schätzen wissen. Horrorfreunde greifen zu den Rachegeistern in »Illusion of Blood« (1965). Herzzerreißend wird es in »Hachiko – Wahre Freundschaft währt ewig« (1987), wo Nakadai als freundlicher Professor den für seine Treue berühmten Hund Hachiko aufnimmt. Einen stimmigen Abschluss seines Schaffens bildet »The Return« (2019). Hier sehen wir Nakadai in einer Reprise seiner früheren Outlaw-Rollen.
Was macht er anders als die anderen?
Kurosawa meinte einmal, Nakadais Augen hätten die Fähigkeit, jederzeit das Licht zu reflektieren, egal, wo er stehe. Groß sind sie, und oft meint man, einen Schrecken in ihnen zu sehen. Eine Überforderung mit der Welt in ihrem verrückten Gang und den Rollen, die wir in ihr spielen.
Nippon Connection zeigt neun Filme in analoger Version, darunter echte Raritäten. 2.–7. Juni, Frankfurt
Tim Abele ist Filmhistoriker & -kritiker und auf Festivals zwischen Bologna & Berlin anzutreffen




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