Kritik zu Gorgonà
Die griechische Regisseurin Evi Kalogiropoulou entwirft in ihrem Spielfilmdebüt eine patriarchal organisierte dystopische Welt, in der sich zwei Frauen gegen das bestehende System stellen
In einer nahen Zukunft ist Griechenland, einst die Wiege der Demokratie, nur noch ein marodes Konglomerat totalitärer Stadtstaaten. Einer davon, dessen marode Wirtschaft auf der Kontrolle von Öl basiert, wird mit eiserner Hand regiert von dem unheilbar kranken Niko, einem Ausbund toxischer Männlichkeit. Dass er eine Frau zu seinem Nachfolger auserkoren hat, sorgt bei seinen Untergebenen für Unmut. Maria ist kein Mann, verfügt aber über eine schlummernde Gabe, mit der sie dem »starken Geschlecht« an seiner empfindlichsten Stelle wehtun kann.
Das ist die Ausgangssituation im Spielfilmdebüt von Evi Kalogiropoulou, die sich bereits mit Kurzfilmen einen Namen machte. Das postapokalyptische Spektakel wird beworben als griechische Antwort auf »Mad Max: Fury Road«. Im Gegensatz zu George Miller, der die Befreiung der Frauen aus einer archaischen Männerherrschaft als furiose Hetzjagd auf skurrilen motorisierten Vehikeln feiert, zelebriert Kalogiropoulou den somnambul erscheinenden Stillstand. Die Regisseurin zeigt die Dysfunktionalität einer zerfallenden Welt.
Bei ihren Bemühungen, sich in der Männerwelt zu behaupten, erhält Maria Unterstützung von Eleni, einer Sängerin, die gegen einen Kanister Benzin getauscht wurde (»Auch wenn ich denke, dass ich mehr wert gewesen wäre«). Für die im Stil eines Softpornos beobachtete Liebesgeschichte wurde der Film kritisiert. Die freizügige Darstellung gleiche einem dieser sexistischen Kalender, die in Autowerkstätten hängen. Übersehen wird, dass Kalogiropoulou von der bildenden Kunst kommt. In ihren artifiziellen Tableaus sind Frauen ebenso klischeehaft überzeichnet wie Männer, die in einer tumben Agonie aus Waffenfetischismus und groteskem Körperkult dahinvegetieren.
Gleich zu Beginn zeigt ein absurdes Bild einen einsamen Kerl auf einem Trimmdich-Rad, das auf einem Hügel steht. Aus einem laufenden Fernseher ist zu hören, dass Eltern ihre Kinder umbringen und sich dann aufhängen. Gibt es einen Ausweg aus dieser ausgebrannten Welt, in der eigentlich nichts mehr existiert, wofür es sich zu leben lohnt?
Der Filmtitel spielt auf das Gorgonenhaupt an, besser bekannt als Haupt der Medusa. Gemäß der griechischen Mythologie wird jeder, der diesen Schlangenkopf anschaut, versteinert. Dieses Motiv interpretiert die Regisseurin neu. Maria verkörpert eine moderne Medusa: Im Stil einer Comicheldin entwickelt sie einen stechenden Blick, der die Männer blendet, will heißen: kastriert. Wird dadurch nicht der grell ausgestellte male gaze, der männliche Blick – der Frauen im Kino üblicherweise »objektifiziert« – zur Waffe, indem Maria ihn auf die Männer gleichsam zurückspiegelt?
Diese offensichtliche Pointe wirkt allerdings auch etwas trashig. Kalogiropoulous Stilwille ist erahnbar, doch ihre Narration hat Leerlauf und einige lose Enden; die Figuren, die Melissanthi Mahut und Aurora Marion in den Hauptrollen verkörpern, sind nicht konsequent durchdacht. Doch obwohl diese campartige Dystopie nicht durchweg überzeugt, entwickelt sie ihren eigenen Charme.




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