Bescheidenheit

Ganz am Schluss, als die Geschichte beginnt, ist die Frage entschieden, ob er der schlechteste oder der beste aller Menschen werden wird. Jean Valjean heißt es im Abspann, wird zu dem, den wir kennen. Dieses ab- und einschließende „Wir“ bewegte mich wieder ungemein, als ich Éric Besnards Version der „Misérables“ über die Feiertage noch einmal sah.

Es behauptet, nein bekräftigt ein gemeinsames, vertrautesb kulturelles Erbe, an dem auch diejenigen teilhaben, die Victor Hugos Roman nie gelesen haben. Als Bewegtbild steht der Stoff praktisch unablässig im Angebot. Vor einigen Monaten lief der berühmte Zweiteiler mit Jean Gabin auf arte, seit Februar streamt ARD Plus eine britische Miniserie und für den Herbst ist in Frankreich bereits die nächste Verfilmung angekündigt. Sie kann mit einer Starbesetzung prunken: Vincent Lindon als Valjean, Tahar rahim als Javert (interessante Konstellation, das hätte man auch umkehren können) sowie Camille Cotton, Benjamin Lavernhe, Noémie Merlant und anderen. Regisseur Fred Cavayé steht ein Budget von 36 Millionen Euro zur Verfügung. Bestimmt wird er alles anders machen als Besnard, der mit etwa einem Fünftel wirtschaften musste. Der ursprüngliche Titel dieses Eintrags war „Ökonomie“.

Denn die ökonomischen Bedingungen, unter denen seine Filme interessieren mich, seit ich ihnen während eines Interviews zu „Louise Violet“ (Louise und die Schule des Lebens) darüber sprechen hörte. Er bekomme immer das gleiche Budget, berichtete er, egal, ob er nun eine Gegenwartsgeschichte wie „Die einfachen Dinge“ oder einen historischen Kostümfilm wie „Á la Carte! Freiheit geht durch den Magen“ dreht. Diese unterschiedlichen Register stellten natürlich jeweils eigene Anforderungen, aber das sei nun einmal so. Bei einem historischen Sujet sei schon allein kompliziert, dass es in den Epochen noch keinen Strom gab und das Kamerateam frühere Lichtverhältnisse rekonstruieren müsse.

Der Tonfall, in dem er davon berichtete, schien mir bemerkenswert: weder bedauernd noch stolz, vielmehr mit einem gewissen Erstaunen darüber, welchen Regeln dieses Geschäft gehorcht. Man gewann den Eindruck, er habe sich damit eingerichtet. Seitdem habe ich recherchiert und herausgefunden, dass dieses stets gleiche Budget etwas unter sechs Millionen Euro beträgt. Das ist im französischen Kontext eine behagliche Mittellage, die nicht zuletzt durch den erfolgreichen Export gerechtfertigt ist. Bei „Les Misérables“ waren es zum ersten Mal sieben Millionen. (Ein auf der deutschen Wikipedia-Seite verlinkter Artikel phantasiert sich 30 Millionen zusammen.) Der Drehplan umfasste diesmal 34 Tage, worum den Regisseur die meisten seiner deutschen Kollegen wohl ziemlich beneiden werden.

Besnard arbeitet in der Regel mit Darstellerinnen und Darstellern, die zwar bekannt, aber wohl nicht wahnsinnig teuer sind. Ich nehme an, dass sein Stammschauspieler Grégory Gadebois inzwischen höhere Gagen als früher einstreichen kann, da er bei Besnard von Film zu Film stetig berühmter wird. Als Jean Valjean ist er wiederum hervorragend; ich bedauere nur, dass er mit seinem Vollbart und kahlgeschorenen Kopf aussieht wie Holger Friedrich, der irrlichternde Verleger der „Berliner Zeitung“. Alles in allem scheint mir das ein auskömmliches Kino zu sein, dass für eine Kontinuität des Schaffens bürgt. Ich denke, dieser Filmemacher braucht das Monumentale gar nicht. Seine Historienfilme sind intim, auf die Charaktere und in der Regel wenige Schauplätze konzentriert. Als Drehbuchautor hingegen hat er schon an kostspieligeren Projekten mitgewirkt, namentlich „L'Empereur de Paris“ (Vidocq - Herrscher der Unterwelt, Regie: Jean-Francois Richet), der etwa in der gleichen Epoche wie „Les Misérables“ spielt und 22 Millionen verschlang. Trotz oder wegen Vincent Cassel in der Titelrolle war das ein kapitaler Misserfolg. Ich weiß nicht, ob Besnard mit dem Resultat zufrieden war. Im selben Jahr, 2018, hat er den Stoff auch als Graphic Novel verarbeitet und ich fand bisher keine Antwort auf die Frage, was zuerst da war.

Die Vorteile der ökonomischen Mittellage seiner Regiearbeiten liegen auf der Hand. Es sind keine klammen B-Pictures, aber die Budgetbeschränkungen fordern die Phantasie des Szenaristen und Regisseurs heraus. Dabei versteht er es auch, mit seinen Themen Haus zu halten. Seine historischen Stoffe sind in Zeiten historischer Umbrüche angesiedelt. Bei „Á la carte!“ ist es die französische Revolution, die im Mikrokosmos eines der ersten Restaurants verhandelt wird. In „Louise Violet“ setzt er die Geschichtsschreibung seiner Heimat fort, nun ein Jahrhundert später. Die Wurzeln der französischen Identität findet er während der 3. Republik im wachsenden Bildungssystem wieder. Die Titelfigur (man denkt, sie sei eine historisch verbürgte Gestalt, ist es aber nicht – ein Irrtum, der die Gründlichkeit seiner Erkundungen spricht) wird in einem kleinen, abgelegenen Dorf zur Heroldin des sozialen Fortschritts. Nebenbei erfährt man, dass sie während der Pariser Kommune kämpfte und ihren Mann verlor. Dafür braucht es keine aufwändigen Rückblenden, sondern einfach nur die Beredsamkeit der Gesichter, Gesten und wenigen Worte. Dass er sich nun auf die ersten zwei Kapitel bzw. die ersten 150 Seiten von Hugos Vorlage konzentriert, beweist erneut seine Gabe, die große Geschichte in der kleinen wieder zu finden. Wie hätte ich auch erwarten können, dass dieser Regisseur das breite Panorama der Zeit entfaltet! Auf Cavayés Version der „Elenden“ bin ich zwar gespannt - aber nicht so sehr wie auf Besnards nächsten Streich.

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