Doppelte Buchführung

Bevor wir zur diesjährigen Berlinale kommen, erlauben Sie mir eine kurze Rückblende in frühere, zweifellos beschaulichere Zeiten. In ihnen wurde britischen Filmkopien stets eine Schrifttafel vorangestellt, die Vertrauen erweckte. Sie mutete ein wenig wie der verschnörkelte Zwischentitel eines Stummfilms an. Tatsächlich war sie ein Zertifikat, das die Zensurbehörde des Vereinigten Königreichs dem jeweiligen Film ausstellte.

Für viele Kinogänger war dies ein Gütesiegel, das einen behaglichen Filmgenuss in Aussicht stellte. Unliebsame Erschütterungen waren nicht zu erwarten, denn schließlich hatte das Werk die sittenstrenge Schleuse passiert. Das resolute „British Board of Film Censors“ hat zwar längst seinen Namen gewechselt, aber sein Kürzel BBFC behalten. Der letzte Buchstabe steht nun für „Classification“, die Freigabe ab einem bestimmten Alter. Seither kündigt die Behörde in den Trailern etwaige Unbill an, die im Kino lauert. Sie geht mit buchhalterischer Akribie vor und hat die Triggerwarnung zu einer schönen Kunst erhoben. Zum Beispiel wies sie 2005 darauf hin, dass den putzigen Kaiserpinguinen im Naturfilm „Die Reise der Pinguine“ auf ihrem Weg durch die Antarktis „a mild peril“ bevorstehe. In der „Harry Potter“-Saga machte die Behörde eine andere Tücke aus: Das Publikum müsse sich auf Zauberei und überhaupt phantastische Geschehnisse einstellen. Ihr Meisterstück gelang den wachsamen Beamten, als sie 2002 zu dem rockigen „Ritter aus Leidenschaft“ anmerkten: „contains frequent jousting“. Die Empörung über den alarmierenden Pleonasmus war enorm sein: Ist doch das Mindeste, dass in einem Ritterfilm Turnierkämpfe vorkommen!

Es wäre ein Leichtes, derlei Fürsorge als Indiz eines zählebigen Fremdelns zu lesen und sich, frei nach Francois Truffaut, zu fragen, ob die Begriffe Kino und England nicht unvereinbar sind. Dass solche Bevormundung kein exklusiv puritanischer Impuls ist, kann man jedoch aktuell auf der Berlinale erleben. Der Festivalkatalog, oft die erste Anlaufstelle, um sich über das Programm zu informieren, versieht zahlreiche Titel mit „Content notes“. Das sind die freundlichen Brüder der Triggerwarnung. Zu „Les juifs riches“, über den ich vor einigen Tagen an dieser Stelle schrieb, heißt es beispielsweise, er thematisiere den Holocaust. Was sonst sollte ein Film tun, der von Überlebenden der Shoah erzählt? Anscheinend ist es mittlerweile so weit, dass wir vor dem Offensichtlichen, ja Unverzichtbaren gewarnt werden müssen. Zuschauerinnen und Zuschauer, die man als mündig betrachtet, adressiert man anders.

Entweder trauen die Bedenkenträger in der Katalogredaktion den Festivalbesuchern nicht zu, ihre eigenen Schlüsse aus den dortigen Inhaltsangaben ziehen zu können - oder sie zweifelt deren Aussagekraft an. Im ersten Fall wäre es Vermessenheit, im zweiten ein Eingeständnis redaktionellen Unvermögens. Wer zur Berlinale geht, weiß in aller Regel, dass ihr oder ihm herausfordernde Themen zugemutet werden. In Ausnahmen sind Schutzvorkehrungen sicherlich gerechtfertigt. In der Sektion „Generation“ sind Empfehlungen und Einordnungen hilfreich, ja vonnöten. Der Hinweis auf Stroboskopeffekte (bei acht Titeln) etwa ist medizinisch geboten. Darüber hinaus scheint mir dieser spitzfingerige Eifer recht überflüssig. Manchmal kommt die Triggerwarnung ihrem unfreundlichen Bruder, der Spoilerwarnung, brenzlig nahe und negiert das Anrecht, im Kinosessel überrascht zu werden. Im Kern verkennen die „Content Notes“ das Wesen des Kinos, zu dessen Attraktionen eben auch Nervenkitzel und Anspannung gehören. Wer schützt die Filme also vor der Berlinale?

Man muss nicht so weit gehen wie einige britische Kritiker, die zu bedenken gaben, ein solches Verhätscheln des Publikums vermehre nur dessen Verstörung und würde Generationen zukünftiger Zensoren heranziehen. Aber die Abmahnung „sensibler Inhalte“ scheint mir eine Art Passepartout geworden zu sein: der Reflex einer Gegenwart, die sich nicht mehr traut, zwischen Empfindlichkeit und Empfindsamkeit zu unterscheiden. Der Wunsch nach Keimfreiheit ist bei einem Winterfestival gewiss verständlich. Unter dem Vorwand, Transparenz zu schaffen, stellt die Berlinale ihr Programm unter Vorbehalt. Windelweiche Filme kann sie jedoch nicht gebrauchen. Schließlich rühmt sie sich, das politischste aller A-Festivals zu sein und den Fokus auf aktuelle Konflikte zu setzen, auf Kriege, Repression und Formen von Gewalt, die öffentlicher oder privater Natur sind. Im Katalog betreibt sie doppelte Buchführung: „Having your cake and eating it, too.“ Den Satz sollte Tricia Tuttle uns ruhig einmal vor dem nächsten Jahrgang übersetzen.

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