Wer sagt, dass es eine Lösung gibt?

»Les juifs riches« (2026)

In der aktuellen Ausgabe des Berliner Stadtmagazins »tip« macht Bert Rebhandl einen Vorschlag, der nicht von der Hand zu weisen ist. Eigentlich ist es eher eine Nominierung. Yolande Zauberman könnte für die Berlinale, schreibt er, zu einer Integrationsfigur werden. Da war schon vorauszusehen, dass das Festival auch in diesem Jahr in die Israel-Palästina-Falle gedrängt werden würde.

Bert macht hierfür die jüngeren Arbeiten der französischen Dokumentarfilmerin namhaft – vor zwei Jahren lief in Cannes »La Belle de Gaza«, wo sie Transfrauen porträtiert, die vor homophober Verfolgung in Gaza nach Tel Aviv geflohen sind –, aber argumentiert im Grunde mit ihrem Gesamtwerk. Es ist vielgestaltig, sie hat auch drei Spielfilme gedreht. Ihr Debüt in dieser Disziplin, »Moi Ivan, toi Abraham« (»Ivan und Abraham«, 1993), ist in meinen Augen ein Meisterwerk. Nun spielen Filme in Berlinale-Debatten meist nur eine nachrangige Rolle. Der Eklat während der Pressekonferenz der Jury führt vor Augen, dass diese inzwischen weniger Debatten sind, als vielmehr Kollisionen von Standpunkten, die sich von vornherein als unvereinbar begreifen. Die Stellenbeschreibung einer Integrationsfigur jedoch sollte das Festival getrost mal in Erwägung ziehen – aber besser keine Beauftragte daraus machen.

In diesem Jahr ist Zauberman in der Sektion Berlinale Shorts vertreten. Ihr halbstündiger Essayfilm »Les juifs riches« (Link) läuft heute Abend sowie an fünf weiteren Terminen. Ihr Film ist zu leise, um Gehör in Debatten zu finden, und man würde ihn auch zu tief hängen, wenn man ihn als Beitrag einer solchen betrachtete. He ist ausnehmend schön und bewegend und knüpft an ihr Spielfilmdebüt an; nicht, weil die Regisseurin ihn am Ende zitiert. »Ivan und Abraham« erzählt in lebhaftem Schwarzweiß vom Antisemitismus und der Ächtung anderer Minderheiten im Polen der 1930er Jahre. Im Zentrum steht die Freundschaft eines jüdischen Jungen und eines etwas älteren Goy, die von zuhause fliehen. Auf ihrer Reise durchs Land erleben sie unterschiedlichste Begegnungen und sammeln lebenswichtige Erfahrungen, auch die der ersten Liebe. Zärtlichkeit und Ausgrenzung sind die zwei Grundimpulse dieses Films, die Zauberman in großer, auch berückender Körpernähe inszeniert. Ihr Interesse an der Vielsprachigkeit des Landes, an der Geselligkeit und dem Brauchtum ist enorm.

Die reichen Juden, von denen sie nun erzählt, sind Mitglieder ihrer eigenen Familie, die die Shoah überlebt haben und während der »trente glorieuses« der französischen Nachkriegszeit zu großem Wohlstand gelangt sind. »Les juifs riches« besteht hauptsächlich aus Home movies, die bei großen Familienfeiern – einer Bar-Mitzwa, einer Hochzeit und einer Beschneidung – aufgenommen wurden. Die Mitglieder ihrer Familie sind mondän gekleidet und feiern ausgelassen. Sie haben sichtliche Freude an den Zusammentreffen und an ihrer Gemeinschaft. Diese ist auffallend vielzählig, einige der Veranstaltungen finden in großen, vollbesetzten Sälen statt. Das hohe Aufkommen der Gäste fällt vor allem deshalb ins Auge, weil die Familiengeschichten, die Zauberman aus dem Off rekapituliert, vom Überleben handeln.

Im Kommentar identifiziert sie ihre Verwandten und schildert deren jeweiligen Werdegang. Immer wieder geht es um das Entkommen aus Auschwitz und anderen Vernichtungs- bzw. Arbeitslagern. Mitunter sind diese Chroniken wundersam, gar haarsträubend, zuweilen gelingt das Überleben nur dank eines Tauschhandels mit dem Tod. Zauberman hat ihre Zweifel (ihr Lebensgefährte Selim hat sie nicht), ob sie allesamt stimmen. Aber die Regisseurin respektiert sie als Teil der familiären Mythologie. Die Phantasie hat hier großes Recht. Oft sind es überraschende Zeugnisse der Menschlichkeit, zu der auch ein KZ-Wächter oder der Bruder eines Kapo fähig waren. Grundiert sind diese Erzählungen vom Gelingen im Schmerz, die Angehörigen überlebt zu haben.

Der Prolog gibt diesen Tonfall vor, in dem eine junge Frau in einer historischen (Spielfilm-)Aufnahme versonnen ein jiddisches Trauerlied singt, während ein Rabbi einen alten, aufgebahrten Mann auffordert, seine Augen zu öffnen. Unser Gesetz, beschwört er ihn, ist kein Todesgesetz, es ist ein Gesetz des Lebens. Der Zauber gelingt, der ruhende Mann blickt in die Kamera, und die junge Sängerin besiegelt ihn mit einem Lächeln, bevor sie wehmütig den Kopf senkt. Ich wüsste gern, woraus diese Szene stammt, die aussieht, als habe Zauberman sie durch ein fleckiges Fenster gefilmt. Das Gleiche gilt für die Schwarzweißaufnahmen eines kleinen Mädchens, das allein im Garten spielt. Anscheinend gehört sie nicht zur Familie der Regisseurin, verweist auf ein anderes, universelles Schicksal.

Ihr Film fügt das Unverbundene, auch Disparate zusammen. Bild und Wort sind zwei Gefäße der Überlieferung. Sie gehen rätselhafte Verbindungen ein. Zaubermans Off-Kommentar benennt nicht bloß, was in den Home movies zu sehen ist, sondern löst sich ab. Am schönsten ist das, wenn sie jiddische Witze erzählt. Etwa den von dem Juden, der ins Reisebüro kommt, sich einen Globus zeigen lässt und dann entscheidet, dass er doch woanders hin will. Die jiddische Steigerung von reich, reicher, am reichsten ist ebenfalls wunderbar. Noch besser gefällt mir der Witz vom verzweifelten Gemeindemitglied, dem der Rabbi erklärt, dass weder der Tod noch das Leben die Lösung ist.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt