Netflix: »Kacken an der Havel«
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In der nicht durchgehend komischen deutschen Netflix-Serie erfährt ein verhinderter Rapper bei der Rückkehr in seinen Heimatort, dass er seit 13 Jahren Vater ist
Im wahren Leben ist ein typischer Verlierer nur selten auch liebenswert; in der Regel handelt es sich um verkrachte Existenzen, die die Schuld an ihrem verkorksten Dasein gern bei anderen suchen. In Filmen und Serien müssen solche Leute, zumal als Hauptfigur, natürlich Sympathieträger sein. So wie Toni in der neunteiligen Netflix-Serie »Kacken an der Havel«. Toni träumt von einer Karriere als Rapper, fristet sein Dasein jedoch als Pizzabäcker. Als er nach langer Zeit zum ersten Mal in sein Heimatdorf zurückkehrt, weil seine Mutter auf tragische Weise ums Leben gekommen ist, stellt sich heraus, dass er einen dreizehnjährigen Sohn hat. Fortan kämpft der Junge vergeblich um die Aufmerksamkeit des Vaters: Ausgerechnet jetzt ist Toni bei einer Veranstaltung für Amateure entdeckt worden. Nun soll er in zwei Wochen einige Songs abliefern, hat aber noch nie ein Lied zu Ende getextet. Angesichts des Zeitdrucks befällt ihn prompt eine Schreibblockade.
Die ersten beiden Folgen erinnern an ein Fußballspiel, bei dem eine Mannschaft zu Beginn ein derartiges Feuerwerk abbrennt, dass die Fans ahnen: Dieses Niveau lässt sich unmöglich neunzig Minuten lang durchhalten. Bei der Netflix-Serie verhält es sich ähnlich: Tempo und Spannung lassen deutlich nach, zumal viele Gags vor allem albern sind. Das größere Problem sind jedoch die mit zunehmender Dauer unnötig überzogenen Darstellungen. Am nervigsten ist Dimitrij Schaad als Tonis Stiefvater Johnny. Die ersten Folgen erwecken den Eindruck, als habe das Regieduo Alex Schaad und Jano Ben Chaabane Alex' Bruder nicht bremsen wollen: Johnny, eine nur schwer erträgliche Heulsuse, ist eine Lachnummer, aber nicht komisch. Nach und nach zeigt sich jedoch, dass nahezu alle Mitwirkenden »drüber« sind, gerade die prominenten Gäste Veronica Ferres, Edin Hasanović und Matthias Brandt.
Gemessen an den zu dick aufgetragenen Nebenfiguren ist der von Anton »Fatoni« Schneider verkörperte Toni so etwas wie das Auge des Sturms. Ähnlich sehenswert ist Sky Arndt als sein Sohn Charlie, der Einzige, der sich wie ein Erwachsener verhält in der ebenso vielköpfigen wie chaotischen Familie. Die Stimme der Vernunft gehört Runa Greiner als Erzählerin. Sie spricht auch eine Ente namens Tupac. Das Küken erinnert zwar an animatronische Wesen aus Horrorfilmen, aber seine Kommentare sind lustig.
Die Handlung tritt öfters auf der Stelle. Selbst die flotte Bildgestaltung kann nicht verhindern, dass sich einige Folgen ziehen, weil Ideen viel zu breit ausgewalzt werden. Dass »Kacken an der Havel« trotzdem keine Zeitverschwendung ist, liegt an der kaum überschaubaren Vielzahl origineller Einfälle. Das gilt neben dem liebevoll arrangierten Szenenbild und kunstvollen Übergängen vor allem für die selbstironischen Momente. Die amüsantesten Gags sind ohnehin rein optischer Natur. Sounddesign und Musik zeugen ebenfalls von großer Sorgfalt.
Trailer



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