Transformationen
„Hamnet“ ist geschmeidig inszeniert. Chloé Zhaos Film gestattet ein nahtloses Sehen, er setzt eher auf unsichtbare Schnitte als auf eine dialektische Montage. Das ist klug, denn er erzählt von einem Riss, der durchs Leben geht. Stolpersteine gibt es im Fluss der Bilder gleichwohl, denn in ihnen nimmt das Abwesende eine zentrale Rolle ein.
Das geschieht eingangs unauffällig und subtil. Paul Mescal sucht als William Shakespeare auf seinem Schreibpult den richtigen Platz für die Kerze, in deren Licht er arbeiten will. Sie ist im vorderen Bildausschnitt nie ganz zu sehen, wohl aber ihr Schein. Eine andere Einstellung nimmt von der fünfköpfigen Familie nur vier Mitglieder in den Blick. Später, als die Eheleute sich entfremdet haben, sind sie vorerst nie gemeinsam zu sehen, sondern getrennt im Profil. Ihre Auseinandersetzung hätte leicht in einer over-shoulder-Komposition gefilmt werden können, aber Zhao lässt nur Gegenschüsse zu.
Der Film birst vor solchen Leerstellen; London, wo Will seine Karriere als Dramatiker vorantreibt, bleibt bis zum letzten Akt ein blinder Fleck. Der Film tut gut daran, sich vollends Jessie Buckleys Perspektive anzuvertrauen. So bleibt der Schaffensprozess, in dem ihr Mann sich und seinen Schmerz zu fassen sucht, unwägbar. Das Sichtbare und das Unsichtbare haben in „Hamnet“ gleiches Bildrecht, denn das Gleichgewicht zwischen dem Selbst und dem Anderen ist erschüttert worden. Die Strategie des Aussparens zahlt sich im Finale aus, als Buckleys Agnes im Globe Theatre die Tragödie sieht, die aus ihrer Lebenstragödie entstanden ist. Erst ist sie voller Zorn, fühlt sich beraubt von ihrem Mann, um seine Anwesenheit, seinen Trost, um das Vertrauen. Aber der Rat ihres Bruders, das Herz offen zu halten, erreicht sie doch. Das Händemotiv, das Will und Agnes bei ihrer Begegnung verband, gewinnt am Bühnenrand ein triumphales Pathos.
Es ist ungemein bestrickend, welch anderen, öffnenden Blick Maggie O'Farrells Romanvorlage und Zhaos Adaption auf die Entstehung von „Hamlet“ werfen. Der Impuls, einen Klassiker in neuem Licht zu zeigen, ist in diesem Film eine Kür. Für eine Kinemathek hingegen ist es erst einmal eine Pflicht. Sie steht vor der Aufgabe, Filmgeschichte in die Gegenwart zu führen und das Vertraute in neuen Kontexten zu verorten. Der Kanon muss regelmäßig überdacht werden. Wie dies gerade in der Installation „Screentime“ geschieht, mit der die Deutsche Kinemathek ihr neues Domizil in der Berliner Mauerstraße eröffnet, ist mehr als bloße Pflichterfüllung. Gut 130 Jahre Filmgeschichte passieren hier nicht einfach Revue, sondern sind in der großen Halle des E-Werks zum Gegenstand einer ausgeklügelten Inszenierung. Dutzende von Filmausschnitten und Hunderte von Szenenfotos werden auf zwei Leinwände projiziert, auf die Stirnseite der Halle und eine Seitenwand, deren Fläche von einem Vorhang verhüllt wird, welcher die Bilder in eine leichte Wellenbewegung versetzt. Sie folgen gelassen rasant aufeinander. Man schaut auf sie in einer Diagonalen, wobei sich der Blick teilt, aber in der Parallelmontage auch in flüchtigen Momenten zu einer Synchronität vereint.
Nils Warneke und Georg Simbeni haben hierfür nicht immer nur das Naheliegende ausgewählt. Gewiss, an „M“ oder „Lola rennt“ führt kein Weg vorbei, an „Metropolis“ oder „Die Mörder sind unter uns“ indes schon. Es hilft immens, die ausliegenden Klemmhefter zu konsultieren, um sämtliche Filme zu identifizieren. Es sind viele darunter, die sonst gern übersehen werden. Das BRD- und das DEFA-Kino laufen hier nicht parallel, sondern integriert in ein gemeinsames Bildgedächtnis. Auch in dieser Hinsicht ist die Auswahl bemerkenswert. Wie schön beispielsweise, dass neben „Solo Sunny“ auch der leise, vielschichtige „Die Beunruhigung“ dazu gehört, den ich vor Jahrzehnten einmal im WDR-Fernsehen entdeckte. Haben sich Nils & Co vom Genius des Ortes anregen lassen? Einst war dies ein Umspannwerk, wo unterschiedliche Spannungsebenen mit Transformatoren verbunden wurden.
Nun verwandelt sich das E-Werk in einen Maschinenraum der Filmgeschichte. Die Kinemathek hat es als Zwischenstation bezogen, für zehn Jahre, bis hoffentlich das Filmhaus fertig wird. Mit diesem Provisorium lässt sich freilich gut leben. Ich habe es im Laufe des letzten Jahres mehrmals besucht, zu einer Verabschiedung, einer Preisverleihung und einer Buchvorstellung. Umso überraschter war ich, dass erst am letzten Donnerstag die offizielle Eröffnung gefeiert wurde: Das Haus stand schon offen, zumal die Bibliothek. Am Eröffnungsabend hatte ich nicht alles gesehen. Also ging ich am nächsten Tag noch einmal hin, wo es beinahe genau so voll war. Der Eintritt war am ersten Wochenende frei, auch danach wird die Installation bestimmt viele Schaulustige anziehen. Sie läuft nur kurz, bis zum 6. Februar, denn danach dient die Halle als Vorführort für die Retrospektive der Berlinale.
Seit dem Umzug verfügt die Deutsche Kinemathek zudem endlich über einen eigenen, kleinen Kinosaal. Der war auch am zweiten Tag gerappelt voll. Mehr als sieben Jahrzehnte kam dieses Filmmuseum ohne eigenes Kino aus, was ein weltweiter Rekord sein dürfte. Für die Dauerausstellung, die am Potsdamer Platz ein starker Publikumsmagnet war, ist im E-Werk nicht Platz genug. Die aktuelle Schau ist mithin eine Visitenkarte, ein Auftakt für zukünftige Wechselausstellungen. Sie prunkt mit einigen ausgewählten Schätzen, Dekors, Requisiten, Kostümen und dergleichen mehr. Hinter dem augenblicklich Sichtbaren offenbart die Schau auch Verborgenes. Schauen Sie unbedingt in die Schubläden, da finden Sie beispielsweise Storyboards, Drehbuchseiten, falsche Bärte etc. Das Herz offen zu halten, lohnt sich auch an diesem Ort.




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