Nachruf: Rosa von Praunheim
Martin Kraft creator QS:P170,Q65553673 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:MJK_16033_Rosa_von_Praunheim_(Berlinale_2018)_crop.jpg), „MJK 16033 Rosa von Praunheim (Berlinale 2018) crop“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode
25.11.1942 – 17.12.2025
Seinen Künstlernamen gab er sich nach dem Stadtteil in Frankfurt, in dem er aufgewachsen war. Zum »weltweit produktivsten Filmemacher der Schwulenszene« – Selbsteinschätzung – wurde er aber erst später in Berlin. Schlagartig bekannt machte ihn 1971 der Film »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation«, in der er lebt. Bis 1969 war gleichgeschlechtlicher Sex in Deutschland nämlich noch strafbar gewesen, danach galt das Verbot zunächst für unter 21-Jährige weiter, bis 1994 der Paragraf 175 endgültig gestrichen wurde. In seinem Film gab der damals 29-Jährige Einblicke in die Parallelwelt der Homosexuellen, denen er zugleich einen Spiegel vorhielt: »Das Wichtigste für alle Schwulen ist, dass wir uns zu unserem Schwulsein bekennen«, lautet ein Schlüsselsatz.
Mehr als 70-mal fällt in diesem Film das Wort schwul. Das einstige homophobe Schimpfwort wurde so zur positiven Selbstbezeichnung umgewertet. Aus der marginalisierten sexuellen Orientierung wurde ein politisches Signal. Diese Programmatik klingt auch im Künstler-Vornamen des Filmemachers an: Rosa ist eine Verbeugung vor dem »rosa Winkel«, den Homosexuelle im KZ tragen mussten.
Geboren 1942 im deutsch besetzten Riga, wuchs Rosa von Praunheim als Holger Mischwitzky bei seinen Adoptiveltern aus Ostberlin auf. Wie er erst mit über 60 erfuhr, kam er im Zentralgefängnis von Riga zur Welt und verbrachte das erste Jahr im Waisenhaus. Seine Adoptivfamilie floh in den Westen und siedelte sich in Frankfurt an, wo er an der Offenbacher Werkkunstschule – der heutigen Hochschule für Gestaltung – Malerei studierte und bald zum experimentellen Film fand.
»Die Bettwurst«, sein 1970 mit Laiendarstellern und praktisch ohne Budget realisiertes Debüt, wurde zum Kult. In Studentenkinos spricht das Publikum prägnante Dialoge lautstark mit. Seine filmischen Mittel wirken dilettantisch, die Botschaften jedoch authentisch.
So avancierte von Praunheim vom Avantgarderegisseur zum Vorreiter der deutschen Schwulen- und Lesbenbewegung. Mit dem queeren Musical »Stadt der verlorenen Seelen« (1983) und »Transsexual Menace« von 1996 realisierte er die ersten deutschen Filme über transidente Menschen.
Geprägt ist sein Schaffen auch durch sein Interesse für Weiblichkeit. Legendär sind seine Filme mit und über die Berliner Underground-Schauspielerin Lotti Huber. »Überleben in New York« von 1989, ein liebevolles Porträt über drei deutsche Migrantinnen in der US-Metropole, zählt zu den erfolgreichsten Dokumentarfilmen im deutschen Kino.
Mit »Ein Virus kennt keine Moral«, einem der weltweit ersten Filme über das HI-Virus, polemisierte von Praunheim 1986 gegen den durch Aids wieder aufflammenden Schwulenhass. Seine Strategie, das Private in die Öffentlichkeit zu tragen, stieß allerdings nicht nur auf Gegenliebe. 1991 outete er in einer Fernsehsendung Hape Kerkeling und Alfred Biolek, zwei der beliebtesten deutschen Fernsehgesichter, gegen ihren Willen als homosexuell. Anfeindungen aus der schwulen Community blieben nicht aus.
In der Folge wurde von Praunheims Ausdrucksform subtiler. Mit dem Dokudrama »Härte« von 2015 griff er erneut ein Tabuthema auf. Psychologisch nuanciert und mit einem überzeugenden Hanno Koffler in der Hauptrolle erzählt der Film die authentische Geschichte eines jungen Mannes, der von seiner Mutter sexuell missbraucht und später zu einem der brutalsten Zuhälter Berlins wurde. Von der Kritik hoch gelobt wurde »Rex Gildo – Der letzte Tanz«, ein Mix aus Spielszenen, Zeitzeugeninterviews und Archivaufnahmen über das schwule Doppelleben des populären Schlagersängers.
Als Lehrer und Mentor von Axel Ranisch und Tom Tykwer prägte Praunheim auch das Filmschaffen der nächsten Generation. 2020 erhielt er auf dem Filmfestival Max Ophüls den Ehrenpreis für seine Verdienste um den jungen deutschsprachigen Film.
Aus dem Undergroundfilmer ist ein international renommierter Botschafter für die gesellschaftliche Akzeptanz queerer Menschen geworden. Als Filmemacher und Aktivist trat von Praunheim damit auch in die Fußstapfen des schwulen Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld, der von den Nazis verfolgt wurde und dem er 1999 das Filmdrama »Der Einstein des Sex« widmete.
Für sein Engagement, das etwa 150 Kurz- und Langfilme umfasst, wurde er 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Leben und Arbeit, Alltag und Ästhetik sind für Rosa von Praunheim zu einem Gesamtkunstwerk zusammengeflossen. Medienauftritte nutzte der oft papageienbunt gekleidete Regisseur gern zur Pflege seiner Marke. In einer Arte-Dokumentation anlässlich seines 80. Geburtstages streckte er sich auf dem Grab, das er sich auf dem Berliner Friedhof ausgesucht hatte, schon mal zum Probeliegen aus. Im Alter von 83 Jahren hat er es sich dort endgültig bequem gemacht.




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