Filmgeschichte: Otto Preminger

Kurze Wege zur Filmgeschichte
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In den 50er und 60er Jahren war er neben Hitchcock der einzige Regisseur, dessen Gesicht weltweit bekannt war. Seither ist er nie ganz aus der Mode gekommen. Gerhard Midding gibt anlässlich einer Retro auf arte Empfehlungen

Was macht er anders als die anderen?

Er war praktisch der erste unabhängige Filmemacher Hollywoods – als sein eigener Produzent übte er die Kontrolle über seine Projekte aus. Dieser Modernist brach unaufhörlich Tabus und lehrte Zensoren das Fürchten. Schon als Vertragsregisseur bei der Fox zeigte er sich als Stilist mit unverwechselbarer Handschrift. Im Polizeifilm »Faustrecht der Großstadt« entwickelt er aus dem Wechsel von Fahrten und statischen Einstellungen eine Dialektik von Lüge und Wahrheit. Die Einführung von CinemaScope gestattete es ihm, Konflikte in einer einzigen Einstellung darzustellen; in spannungsvoller Koexistenz individueller Standpunkte.

Was war sein großes Thema?

Seine Filme sind skeptische Wahrheitssuchen, die er mit staunenswerter Objektivität betreibt: Stets wägt er die Gesamtheit der Argumente ab. In »Anatomie eines Mordes« wird das Publikum selbst zum Geschworenen, denn es bleibt offen, ob der Angeklagte schuldig ist oder nicht. Premingers Filme münden oft im Zweifel und behalten sich vor, in Berufung zu gehen.

Welcher Film ist der beste Einstieg?

In der aktuell bei Arte verfügbaren Auswahl ist das »Sturm über Washington«, noch immer ein Schlüsselfilm über die US-Politik. Zudem ist er Teil eines Zyklus, in dem Preminger systematisch Institutionen untersucht: Neben der Legislative sind das die Justiz (»Anatomie eines Mordes«), die Kirche (»Der Kardinal«) und das Militär (»Erster Sieg«). Das umstrittene Epos »Exodus« wiederum handelt von der Staatsgründung Israels.

Welcher Film gilt als sein Meisterwerk?

Wahrscheinlich »Anatomie eines Mordes«. Ich habe ein besonderes Faible für »Bunny Lake ist verschwunden«, in dem Preminger das kontroverse Thema Inzest verhandelt und Laurence Olivier einen sublimen Auftritt als philosophischer Inspektor beschert.

An welche Szene muss ich immer wieder denken?

Premingers Markenzeichen sind lange, ausgreifende Plansequenzen. Als John Wayne in »Erster Sieg« nachts sein Schiff verlässt, das nach dem Angriff auf Pearl Harbor repariert wird, filmt Preminger diesen Moment der Niederlage in einer Einstellung, die ebenso akrobatisch wie majestätisch ist. Ansonsten habe ich David Raksins Thema für »Laura« ständig im Ohr, die schönste Melodie, die je für einen Krimi geschrieben wurde.

Welcher Film traf den Zeitgeist besonders?

So unerbittlich wie in »Der Mann mit dem goldenen Arm« (1955) hatte Hollywood die Drogensucht bislang nie dargestellt. Premingers Kino war immer eine Wette mit der Fortschrittlichkeit.

Wann griff er daneben?

Fast immer, wenn er Komödien drehte. Den Tiefpunkt stellt »Skiddoo« (1968) dar, den zum Glück niemand mehr kennt. Ohnehin macht sein Spätwerk es auch glühenden Verehrern schwer. Aus ihm lässt sich allenfalls »Der menschliche Faktor« retten, für den Saul Bass eines seiner prägnantesten Plakatmotive entwarf.

Fünf Filme von Otto Preminger, darunter »Sturm über Washington« und »Der Kardinal«, sind bis Ende Februar 2027 in der Mediathek von arte zu finden. Weitere Filme gibt es auf DVD/Blu-ray, als VoD-Abruf oder bei Streamingdiensten wie Plex.

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