»Il Cinema Ritrovato« Bologna

Nicht totzukriegen
»Cassandra Cat« (1963)

»Cassandra Cat« (1963)

Hybrid ist passé: Die 36. Ausgabe von »Il Cinema Ritrovato« in Bologna war wieder ein reines Präsenzevent und punktete mit Masse, Klasse und Katze

»Il Cinema Ritrovato« in Bologna ist ein seltsames Festival. Seine Stars sind selten vor Ort und nicht selten gar tot. Seine Highlights sind oftmals unbekannt und waren lange unauffindbar. Und seine Preisverleihung ist offenbar ziemlich unwichtig. Der Grund ist einfach: Das norditalienische Filmfestival nimmt eine ausschließlich historische Perspektive auf das Kino ein. Das allerdings tut es mit einzigartiger Intensität. Das Festival ist parallel auch Branchentreff der weltweiten Filmarchive, die dort zeigen, was sie haben. Im Kern steht jedoch das Kino­erlebnis als kulturelle Praxis. Dafür wird dann im Rahmen eines Kurzfilmprogramms zu Filmen aus dem Jahr 1902 auch mal eine nagelneue schwarz-weiße 35-mm-Kopie von Die Reise zum Mond eingelegt und durch den Projektor mit Kohle­lampe gejagt.

Mit der Reihe »Cinemalibero« beleuchtete das Festival schattigere Teile der Filmgeschichte und wartete 2022 sogar mit der digitalen Restaurierung einer in Berlin spielenden Produktion auf. »In der Fremde« (1975) folgt dem türkischen »Gastarbeiter« Husseyin­ durch seinen Alltag. Der iranische Regisseur Sohrab Shahid Saless zeigt ihn immer wieder an einer Maschine arbeitend, stets denselben Handgriff durchführend. Die Einstellungen des Films sind festgefahren und karg, sie spiegeln Husseyins Leben zwischen seinem Doppelzimmer in einer Wohngemeinschaft und dem Pendeln mit der U-Bahn.

Ebenfalls digital restauriert präsentierte sich der wirkmächtige brasilianische Beitrag »Gott und der Teufel im Lande der Sonne«. In Glauber Rochas schwergängigem Film von 1964 begeht ein armer Farmer einen Mord und schließt sich einem fanatischen Prediger an. Der hinterlässt mit seiner Sekte­ ebenso viel Verstörung und Leid wie der Bandit, bei dem der Farmer später anheuert. So radikal die Figuren agieren, so vielseitig kommt auch der Film daher. Redundant und langsam erzählte Passagen treffen auf sprunghafte Schnittfolgen, immer wieder fasst Gesang die Handlung zusammen: Slow Cinema meets Western meets Neue Welle.

Auch die wunderbare Retrospektive zu Sophia Loren konnte eine recht ansehnliche Bandbreite vorweisen. Ihre oscarprämierte Darstellung in Vittorio De Sicas »Und dennoch leben sie« (1960) trifft auch heute noch ins Mark. Fröhlicher wird es, wenn sich das Duo vor der Kamera trifft. In »Liebe, Brot und 1000 Küsse« (1955) kehrt Strahlemann De Sica etwa als neuer Polizeichef in seine Heimatstadt zurück. Loren manipuliert den Charmebolzen gewieft, um in seinem Haus wohnen bleiben zu können. In dem bis in die Nebenrollen passend besetzten Klamauk sitzen die Gags einfach, besonders natürlich in einem italienischen Kinosaal.

Auch anderswo ging es um die Freuden des Lebens. Eine ganze Reihe widmete sich dem Tonfilmlustspiel in Deutschland zwischen 1930 und 1932. Hier fiel etwa Das Lied ist aus auf, der nach langsamem Beginn mit offener Selbstreflexion besticht und umfassend die Konventionen des Erzählmediums Film hinterfragt. Deutlich ernster geht es in der Werkschau des japanischen Regisseurs Kenji Misumi her. Sein Film »Kiru« (1962) ist ein einfallsreicher Beitrag zum Samurai-Genre, »Ken« (1964) überträgt ein ähnliches Verständnis von Disziplin etwas hölzern in ein universitäres Sportteam. Natürlich wartet am Ende jeweils der Tod.

Der tschechoslowakische »Cassandra Cat« gehört zu den absurderen Beiträgen: Eine Katze legt mit ihrem Blick den Charakter der Menschen offen, indem sie die Zweibeiner verfärbt. Ein ganzes Dorf gerät in Aufruhr. Also müssen die Augen der Samtpfote verdeckt bleiben, gern auch via Sonnenbrille. Meme-Kultur made by Vojtěch Jasný im Jahr 1963. 

Bei allabendlichen Open-Air-Screenings auf der Piazza Maggiore trafen dann größere Teile des über den Tag auf diverse Spielstätten verstreuten Publikums aufeinander, um bei Douglas Sirks »Written in the Wind« (1956) zu schmachten oder Bertoluccis »Il Conformista« (1970) zu bewundern. Dass großes Kino wieder Tausende Menschen etlicher Länder zusammenbringt, wirkte angesichts der vergangenen zwei Jahre zuweilen noch seltsam, war aber wundervoll. 

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