Venedig: Erfolg mit Masken

Chloé Zhao per Videoschaltung © La Biennale di Venezia. Foto: ASAC, ph Andrea Avezzù

Chloé Zhao per Videoschaltung © La Biennale di Venezia. Foto: ASAC, ph Andrea Avezzù

Das 77. Filmfestival in Venedig macht vor, wie es gehen könnte: mit weniger Stars und weniger Filmen, aber doch ohne Qualitätsverlust

Am Ende überwog die Erleichterung. Sie war fast mit den Händen zu greifen und legte sich sogar noch dämpfend über den Jubel für die Vergabe des Goldenen Löwen an Chloé Zhaos hoch favorisierten »Nomadland«. Man habe es geschafft, hieß es wieder und wieder während der feierlichen Preisvergabe, mit der am Samstagabend das 77. Filmfestival von Venedig zu Ende ging.

Gemeint waren damit viele Dinge gleichzeitig: die Durchführung eines Filmfestivals mit abgesperrtem Roten Teppich, reiner Online-Reservierung von nur halb zu besetzenden Kinosälen und strikten Hygieneauflagen wie Maskenpflicht auf dem gesamten Festivalgelände. Aber auch die Demonstration der Vitalität und Wichtigkeit des Kinos als Kunstform. Und nicht zuletzt der Nachweis der großen Bedeutung eines Filmfestivals für Filmgeschäft und Publikum: Hier werden Stars geboren, bislang unbekannte Filmländer entdeckt und Regietalente in den Stand von Autorenfilmern gehoben.

Und tatsächlich war dieses 77. Filmfestival von Venedig auf allen Ebenen ein voller Erfolg. Ein Erfolg, der allerdings wesentlich von einem Faktor abhängt, der nichts mit Kino zu tun hat, nämlich dass es zu keinen Ansteckungen kam. Man hatte eine in jeder Hinsicht reduzierte Ausgabe erwartet – weniger Filme, weniger Stars, weniger Publikum. Aber was herauskam, war ein so gut organisiertes und mit Disziplin und Kooperation durchgeführtes Festival, dass keinerlei Mangelgefühl entstand.

Schließlich bestätigte sich mit dem Goldenen Löwen für Chloé Zhaos »Nomadland« sogar erneut die Oscar-Vorreiterrolle, die Venedig sich in den letzten Jahren erarbeitet hat. Wie schon »Spotlight«, »La La Land«, »Shape of Water« oder »Joker« läutet nun »Nomadland« direkt von seiner Premiere am Lido die Oscar-Saison als großer Favorit ein. Frances McDormand spielt in dem Film eine Frau, die mit der Finanzkrise von 2008 ihren Mann und ihr Haus verliert und fortan in ihrem Van als eine Art moderne Tagelöhnerin durch die USA zieht.

Regisseurin Chloé Zhao hat dafür das Reportage-Buch von Jessica Bruder verfilmt und der Alltagsbeobachtung eine cineastische Atmosphäre und emotionale Intensität verliehen, die »Nomadland« zu einem hochaktuellen und berührenden Film machen. Die Tatsache, dass Chloé Zhao in Peking zur Welt kam, und nun als erst fünfte Frau in der Geschichte des Festivals mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, erfüllt zudem die zeitgemäßen Forderungen nach mehr Diversität und Gleichberechtigung.

Die übrigen Preise, die die Jury unter Präsidentin Cate Blanchett vergab, deckten ein weites Spektrum von Filmgenres und Ländern ab. So ging die »Silbermedaille« des Festivals, der Große Preis der Jury, an die mexikanische Dystopie »Nuevo Orden« von Michel Franco, der in sehr zynischer Form das unberechenbare Chaos eines fiktiven Aufstands der Besitzlosen gegen die »One Percent« durchspielt. Als bester Regisseur wurde der Japaner Kiyoshi Kurosawa für sein historisches Drama »Wife of a Spy« geehrt, in dem die Rolle japanischer Eliten im Zweiten Weltkrieg problematisiert wird.

Immer wieder bestätigte sich, wie hochaktuell die Geschichte von einst heutige Ereignisse reflektieren kann: So auch im russischen Film »Dear Comrades!« von Andrej Kontschalowski, der einen lang verschwiegenen Arbeiteraufstand in einer südrussischen Industriestadt nachstellt, fesselnd und voller Ambivalenz und vollkommen verdient mit dem Jurypreis geehrt.

Den Platz der wichtigen Entdeckungen nehmen ein junger indischer Regisseur und eine britische Schauspielerin ein. Der Preis fürs beste Drehbuch ging an den Inder Chaitanya Tamhane und seinen Film »The Disciple«, der damit zugleich darauf aufmerksam machte, dass es jenseits von Bollywood ein essenzielles indisches Independent-Kino gibt. Und allen, die sie bislang nur als Seriendarstellerin aus »The Crown« kannten, führte die Britin Vanessa Kirby mit gleich zwei Filmen im Wettbewerb vor, welch großes Potential fürs Kino sie besitzt. Ausgezeichnet wurde sie für ihre Rolle in Kornél Mundruczós »Pieces of a Woman«, wo sie eine Frau darstellt, die ihr neugeborenes Kind verliert.

Das italienische Kino musste sich trotz des hochfavorisierten Dokumentarfilms von Gianfranco Rosi, dem im syrisch-irakischen Grenzgebiet gefilmten »Notturno«, mit dem Preis für den besten Schauspieler zufrieden geben. Mit Pierfrancesco Favino ging die Coppa Volpi verdientermaßen an einen der großen männlichen Charakterdarsteller des aktuellen europäischen Kinos. In »Padrenostro« verkörpert Favino einen Familienvater, der als Vize-Polizeichef einen Terroristen-Anschlag überlebt.

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