Interview: Sam Mendes über seinen Film »1917«

Sam Mendes © Universal Pictures (2019)

Sam Mendes © Universal Pictures (2019)

Sam Mendes arbeitete als Theaterregisseur, bevor er mit seinem Kinoregiedebüt »American Beauty« 1999 aus dem Stand sowohl einen großen kommerziellen Erfolg vorlegte als auch – neben vielen weiteren Auszeichnungen – den Oscar für den Besten Film gewinnen konnte. Seinen Status als Regisseur eines hochkarätig besetzten, gut geschriebenen Mainstream-Kinos baute er mit »Road to Perdition«, »Jarhead«, »Zeiten des Aufruhrs« und zuletzt den James-Bond-Filmen »Skyfall« und »Spectre« weiter aus.

Ihr neuer Film »1917« begleitet zwei britische Soldaten an der Front im Ersten Weltkrieg, inszeniert als Echtzeiterfahrung. Was ist schwieriger darzustellen: Erschöpfung oder Frieren?

Die beiden Schauspieler Dean-Charles Chapman und George MacKay waren wirklich erschöpft und haben wirklich gefroren – das hat sicherlich geholfen. Aber im Ernst: Erschöpfung ist leichter zu spielen. Aber der große Unterschied bei diesem Film ist, dass sie nicht spielen, sondern das Geschehen durchleben sollten. Ich erzähle die Mission dieser Soldaten in Echtzeit. Wir drehten Sequenzen von zehn, elf Minuten ohne Schnitt, und selbst wenn wir vorher intensiv geprobt haben, kommt man so hoffentlich näher an authentische menschliche Reaktionen. Die Darsteller sind weniger damit beschäftigt, wie sie wirken, vergessen zum Teil sogar die Kamera und agieren einfach.

Was war die Motivation, den Film in »Echtzeit« zu inszenieren?

Die Idee war von Anfang an, diese Geschichte über zwei Stunden scheinbar ohne Schnitt zu erzählen, um zu spüren, wie die Zeit vergeht, Sekunde für Sekunde. Wir wollten das Publikum so nah wie möglich am Geschehen teilhaben lassen. Mit jedem Schritt erlebt man unmittelbar und fühlt sich gefangen mit diesen Männern. Die Kamera ist dabei nicht immer vor oder hinter den Protagonisten, sie ist mal subjektiv an eine Figur gebunden und mal objektiv beobachtend, wenn man sie von Ferne inmitten des Niemandslands aus Tod und Zerstörung ausmacht. Manchmal wollte ich die Aufmerksamkeit auf ein ganz bestimmtes Detail lenken, dann wieder wollte ich die Freiheit geben, den Blick schweifen zu lassen. Es ging also immer wieder um die Frage, wie sich Schauspieler, Kamera und Filmraum zuei­nander verhalten.

Dafür haben Sie sechs Monate lang geprobt.

Das war zunächst für meinen Kameramann Roger Deakins und mich wichtig. Durch das ständige Wiederholen über Wochen und Monate haben sich auch George und Dean-Charles ihre Rollen völlig angeeignet. Ich habe dabei wie bei meinen Theaterproduktionen gearbeitet und sie erst einmal machen lassen, habe sie beobachtet, ohne zu kommentieren oder detaillierte Anweisungen zu geben, so hat sich vieles organisch entwickelt. Diese Art des Ausprobierens erwies sich als sehr viel sinnvoller, als von Anfang an jeden Schritt exakt festzulegen.

Der Film hat auch einen persönlichen Bezug für Sie. Er beruht auf den Erzählungen Ihres Großvaters...

Der Film ist nicht über meinen Großvater, sondern es gibt ihn wegen ihm. Das ist ein wichtiger Unterschied. Mein Großvater war siebzehn Jahre alt, als er eingezogen wurde. Der Film gibt eine seiner Erinnerungen wieder, wie unter einem Brennglas vergrößert und durch Details erweitert, die er selbst nicht erlebt hat. Wenn er vom Krieg erzählte, ging es nicht um Heldengeschichten oder etwa darum, wie tapfer er war, sondern er erzählte davon, wie unsicher das Leben war, wie viel von Zufällen abhing, wie nah die Grenze zum Tod lag. Warum wurde sein Freund, der neben ihm stand, von einem Granatsplitter getötet und nicht er? Was er mir erzählte, war weniger Geschichtsstunde als vielmehr existenzialistische Erfahrung. Und ich wollte keinen Film über den Ersten Weltkrieg machen, sondern zeigen, was es bedeutet, als junger Mann Krieg erleben zu müssen. Wie verhalten sich Menschen in extremen Situationen? Mir geht es um eine menschliche Wahrheit, nicht um eine politische.

Wie schwierig war es, eine Balance zu finden zwischen der authentischen Darstellung der Kriegsgräuel und der Konstruktion einer filmischen Seherfahrung, die mit der Wahrnehmung des Publikums spielt?

Diese Diskrepanz war mir immer bewusst. Wir benutzen das Leid von Menschen, um Unterhaltung zu schaffen. Mir war wichtig, diese Geschichte so wahrhaftig wie möglich zu erzählen. Es sollte eher eine Art Augenzeugenbericht aus dem Niemandsland sein, keine Horrorshow, die den Zuschauer mit der Nase auf grausige Details stößt. Die Kamera bewegt sich durch das Kriegsgebiet, und ja, am Rand des Blickfelds sind Leichen und Pferdekadaver zu sehen. Die Kamera legt Zeugnis darüber ab, was existiert. Aber genauso wie die beiden Protagonisten, von denen einer nicht hinsehen will und der andere den Blick nicht abwenden kann, haben wir als Zuschauer auch die Wahl.

Sie haben zuvor mit »Skyfall« und »Spectre« zwei James-Bond-Filme ­inszeniert. Was war komplizierter?

Bond! Einen Bond-Film drehen, das ist wirklich wie in den Krieg ziehen. Die Produktion ist so komplex, mit mehreren Einheiten, die parallel arbeiten. Man muss sehr genau und strategisch planen. Dieser Film hier war zwar schwierig, aber sehr methodisch und linear. Alleine schon mit nur einer Kamera zu drehen und nicht mit drei oder mehr, ist wunderbar. Es ist wie in einem Tunnel, sehr konzentriert.

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