Interview mit Raoul Peck über seinen Film »I am not your Negro«

Raoul Peck. © Lydie Sipa

Raoul Peck. © Lydie Sipa

»I am not your Negro« läuft am 25.4. um 20:15 Uhr auf arte

Mr. Peck, im Vorspann Ihres Films heißt es höchst bescheiden: »Drehbuch: James Baldwin«…

Das betrachte ich als eine kleine Hommage an ihn – ich habe den Film inszeniert, aber die Worte stammen von ihm. Tatsächlich stammt jeder Satz, den wir im Film hören, von ihm – ich habe mit den Sätzen gearbeitet und gespielt, aber ich habe sie nicht geschrieben. Das ist ähnlich als würde ich eine Oper inszenieren, wo ich auch mit bereits geschriebenen Texten arbeite. Einerseits respektiere ich jedes Wort des Autors, andererseits gebe ich dem Ganzen eine dramatische Struktur.

Sie erwähnen im Film, dass Baldwin für Sie schon früh ein wichtiger Autor war, ebenso wie eine Handvoll anderer schwarzer Schriftsteller. Was hebt Baldwin unter diesen hervor?

Das ist wie mit Marx, Hegel und Feuerbach – Marx ist die Basis. Baldwin ist nicht Langston Hughes, nicht Richard Wright, nicht Toni Morrison. Toni Morrison kann auf ihn aufbauen, denn er hat eine Sprache gefunden und damit eine Mauer durchbrochen: ich bin nicht nur ein farbiger Autor, sondern ein Autor, der zu der Welt spricht und Zugang zu ihr fordert als menschliches Wesen. Baldwin war politisch engagiert; es gab damals die Debatte: Bist Du ein Künstler oder ein Aktivist? Baldwin fand einen Weg, beides miteinander zu verbinden. Als ich an dem Film arbeitete, fand ich meine alten Baldwin-Bücher, in denen ich Sätze unterstrichen hatte, von der ersten bis zur letzten Seite, denn jeder Satz wirkt wie ein Zitat. Man kann immer wieder zu ihnen zurück kommen, denn sie bieten vielfältige Bedeutungen an. Wie Marx entwickelt auch Baldwin ein Instrument zur Analyse. Damit kann man nicht nur Hollywood dekonstruieren, sondern jeden Film, den man heute sieht. Das ist gar nicht so einfach, denn Film ist ein machtvolles Medium. Wie andere Menschen in der Dritten Welt wuchs auch ich mit dem Hollywoodfilm auf. Ich verließ Haiti, als ich acht Jahre alt war – vorher hatte ich praktisch nur Hollywoodfilme gesehen. Auch im Kongo liefen nur Hollywoodfilme. Deren Ideologie sitzt tief.

Was war der Ausgangspunkt, dass Sie diesen Film gerade jetzt gedreht haben? Wurde das unveröffentlichte Manuskriptfragment aus dem Nachlass erst jetzt publiziert oder haben Sie es gar selber in einem Archiv entdeckt?

Zuerst einmal wollte ich diesen Film machen, weil ich den Eindruck hatte, dass die Stimme von Baldwin heute gebraucht wird, ebenso wie die Stimme von Karl Marx. Aber dieser Überzeugung war ich schon vor 10, 15 Jahren. Nachdem die Berliner Mauer gefallen war, herrschte der Eindruck vor, der Kapitalismus habe gesiegt und alle, die anderer Auffassung waren, müssten jetzt schweigen. Das ist, wie wenn heute gesagt wird, es gäbe keinen Klimawandel. Ich weiß, warum das für mich wichtig war und wollte etwas davon der nächsten Generation vermitteln.

Noch mal zu dem Manuskriptfragment...

Nein, das wurde nicht veröffentlicht, das ist bei Notizen eines Schriftstellers nicht üblich, sie sind ja nur eine Vorform. Ich habe Baldwins Gedanken aus diesen dreißig Seiten ergänzt um andere Texte von ihm, etwa aus seinem Buch, in dem er sich mit dem Bild der Schwarzen im Hollywoodfilm beschäftigt und mit seinen entsprechenden Seherlebnissen als Kind.

So konnte ich verschiedene seiner Gedankengänge miteinander verknüpfen. Mein großer Vorteil war, dass ich Zugang zu all seinen Papieren hatte – normalerweise bezahlt man ja für die Rechte an einem einzigen Buch oder auch nur, um aus einem Kapitel daraus zu zitieren.

Ich aber hatte die Rechte für zehn Jahre – denn solange brauchte ich, um diesen Film zu machen. Die Nachlassverwalter von Baldwin haben mich in gewisser Weise adoptiert, sie vertrauten mir, dass ich diesen Film so machen würde, dass er Baldwin gerecht würde.

Die haben Sie auch auf dieses Manuskript aufmerksam gemacht?

Das war das Verdienst von Baldwins jüngerer Schwester, die als seine Privatsekretärin tätig gewesen war und nach seinem Tode sein Erbe beschützt. Sie hat mich öfters angerufen und mir von Funden in seinem Nachlass erzählt. Es war ein großer Vorteil, dass ich mir so viel Zeit lassen konnte bei diesem Film, ohne befürchten zu müssen, dass die Rechte an Baldwins Texten eines Tages erloschen wären, weil ein finanzkräftigerer Interessent sie erworben hat.

Sie zeigen im Film auch Ausschnitte aus Hollywoodfilmen. Fallen die alle unter das Zitatrecht?

Das ist unterschiedlich. Für einen Ausschnitt aus einem Doris-Day-Film fragten wir die Erlaubnis an, aber ihre Familie wollte nicht. Es gibt aber in den USA das Gesetz des »fair use« – wenn man nachweisen kann, dass man dieses Fremdmaterial in einem bestimmten Kontext verwendet, ist das erlaubt. Damit konnten wir ca. 20% der Kosten sparen. Dafür muss man dann einen Anwalt engagieren. Unsere Anwältin engagierten wir für ein Jahr, sie hat sich jede Schnittfassung des Films angesehen und dazu einen Kommentar aus juristischer Sicht abgegeben. Das war ein spannender Prozess, weil es mich herausforderte, diese Restriktionen für einen kreativen und reflektierteren Umgang mit dem Fremdmaterial zu nutzen. Das war die beste Art von Filmkritik, die ich mir vorstellen kann. Schließlich wurde das Ganze von den Anwälten einer Versicherung abgesegnet, so dass wir da jetzt abgesichert sind.

Sie haben geäußert, dass dieser Film inspiriert wurde von Barack Obamas Amerika, sich aber gleichzeitig dagegen richtet. Würden Sie den Film heute, in Trumps Amerika, beginnen, hätte er dann eine andere Stoßrichtung?

Nein, denn der Film ist nicht zeitgebunden, die Ereignisse können ihm nur eine größere Dringlichkeit verleihen. Als Baldwin gefragt wurde, ob ein farbiger Präsident einen Unterschied machen würde, antwortete er: Nein, entscheidend ist nicht der Präsident, sondern wie das Land selber aussieht. Barack Obama hatte es mit einer gespaltenen Nation zu tun, die Menschen, die ihn gewählt haben, hätten es nicht dabei belassen dürfen, sie hätten ihre Unterstützung auf der Straße fortsetzen müssen, stattdessen gingen sie alle nach Hause und schauten sich Obama im Fernsehen an. Die andere Seite hat Lobbyisten, sie geben viel Geld dafür aus, die Abgeordneten zu beeinflussen.

Mir hat am Film besonders gefallen, wie Sie bestimmte Details hervorheben – in Filmausschnitten oder auch bei Fotos. Haben Sie ihren Rechercheuren den Auftrag gegeben, zunächst einmal alles interessante Material herauszusuchen oder war der Auftrag schon mit präziseren Vorgaben verbunden?

Es gab verschiedene Anweisungen. Einige waren sehr präzise, ausgehend auch von bestimmten Erinnerungen meinerseits, andere waren eher weitergefasst. Manchmal ergab sich eine Fragestellung aus einer Fußnote und ich bat, alles mögliche Material dazu zusammenzustellen. Manchmal wusste ich gleich, wo das Material im Film auftauchen würde, manchmal ergab sich das erst im Verlauf der Arbeit – es war ein langer Prozess.

Hatten Sie je jemand anderen als Samuel L. Jackson als Erzähler im Kopf?

Ich hatte eine Liste von drei Namen, zuerst waren es zwanzig, ich habe sie dann auf drei heruntergebrochen. Ich hatte bestimmte Kriterien, er sollte bekannt sein und damit dem Film helfen, er sollte ein erfahrener Schauspieler sein, der auch über Theatererfahrung verfügt und weiß, wie man eine Figur erschafft, zudem eine »street credibility« besitzen. Samuel L. Jackson war der erste auf der Liste und er sagte »Ja«.

Ich hatte den Gedanken, dass Denzel Washington der Rolle noch mehr »gravitas« verliehen hätte…

Nein! Denzel wäre zu sehr Denzel gewesen und es war auch nicht die Stimme, nach der ich suchte, sie wäre mir zu nett und zu sanft gewesen, jedenfalls im amerikanischen Kontext. Die meisten Zuschauer wissen übrigens gar nicht, dass es Samuel L. Jackson ist.

Das überrascht mich, denn seine Stimme ist doch sehr prägnant.

Viele Kritiker schrieben, dies sei sein bester Film. Sein eigener Agent hat seine Stimme nicht erkannt. Das hängt damit zusammen, dass wir eine falsche Vorstellung von Samuel L. Jackson haben. Für die amerikanischen Zuschauer ist Samuel L. Jackson mehr als Tarantino er sagt einfach, was er denkt, das ist nicht bei allen farbigen Schauspielern der Fall. Für diese Rolle haben wir für die Fernsehausstrahlung auf arte in der französischen Fassung übrigens einen bekannten französischen Rapper gewonnen. 

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