01/2023

In diesem Heft

Tipp

Reden und trinken: Die erste deutschsprachige Einführung ins Werk des südkoreanischen Autorenfilmers Hong Sang-soo.
Mit einem überzeugenden Will Smith in der Hauptrolle erzählt Antoine Fuqua von der Flucht eines Sklaven während des amerikanischen Bürgerkriegs. Eine Saga über Opfer und Widerstand – und zugleich eine notwendige Korrektur am herkömmlichen Geschichtsbild.
Erstmals in Deutschland: die beiden »Doctor Who«-Kinofilme, restauriert in 4K.
Ein Paradies für Schurken: Der »Casablanca«-Abklatsch »Blutroter Kongo«.
»Girls«-Schöpferin Lena Dunham verleiht ihrer Jugendbuch-Adaption »Catherine Called Birdy« ihren charakteristischen Witz und findet in »Game of Thrones«-Star Bella Ramsay als Enfant terrible, das sich trickreich gegen seine Verheiratung wehrt, eine wunderbar aufsässige Heldin.
Von Pferderomantik keine Spur: In der schwedisch-deutschen Serie »Riding in Darkness« wird ein Reiterhof zu einem Ort der Gewalt.
Am 15.01. spricht Kilian Riedhof im Kino des Deutschen Filminstituts & Filmmuseums mit epd-medien Redakteurin Diemut Roether über seinen Film »Meine Hass bekommt ihr nicht«.
In der ambitionierten Neuinterpretation von Anne Rices »Interview mit einem Vampir« bekommen die Blutsauger ein zeitgenössisches Update verpasst, mit Männerliebe, rassistischer Ausgrenzung und quälender Identitätssuche.
Eine Kinovorstellung im »Marmorhaus«? Teuer. Da musste der Plakatkünstler Josef Fenneker alles geben.
Neue Geschichten aus dem »Whoniverse«: Die britische Kultserie »Doctor Who« geht in die 13. Runde, wechselt den Piloten und feiert bald Geburtstag.
Der Mafia auf den Fersen – die dritte Staffel von »Il Cacciatore« auf DVD und Blu-ray.
Die junge burmesische Regisseurin Snow Hnin Ei Hlaing erzählt atmosphärisch stark und sachlich manchmal unscharf vom Dorfleben um zwei Frauen in der vom Krieg umzingelten Rakhine-Provinz Myanmars.
»Casablanca« erscheint zum 80. Jubiläum in einer umfangreichen Box als Import. Zeit, Regisseur Michael Curtiz zu würdigen.
In »A Spy Among Friends« soll Damian Lewis als MI6-Agent dem enttarnten Doppelspion Kim Philby (Guy Pearce) auf die Spur kommen.
»Welcome to Chippendales« erzählt von Aufstieg und Ende der legendären Showtanz-Gruppe.
Göteborg, 27.1.–5.2. – Das Göteborg International Filmfestival gilt als eines der bedeutendsten Filmfestivals im skandinavischen Raum. In diesem Jahr beschäftigt sich eine spezielle Fokusreihe mit dem Thema »Nach Hause kommen«. Unter den vier hierfür ausgewählten Filmen befinden sich »Godland« des isländischen Regisseurs Hlynur Pálmason und »Pamfir«, das Debüt des ukrainischen Regisseurs Dmytro Sukholytkyy-Sobchuk.
Rotterdam, 25.1.–5.2. – Das größte Filmfestival der Niederlande geht mit seinem experimentell ausgerichteten Programm in die 52. Runde. Als Weltpremiere läuft unter anderem Don Palatharas »Family«. Im Rahmenprogramm wird zudem der Blick auf den indischen Film gerichtet.
Bamberg, 23.–29.1. – Mit etwa hundert aktuellen Kurzfilmen und einem hochkarätigen Spezialprogramm gehen die Bamberger Kurzfilmtage an den Start. Vom 30. Januar bis zum 5. Februar steht das Festivalprogramm zusätzlich auf der Plattform Festhome mit einem kostenpflichtigen Zugang deutschlandweit online zur Verfügung.
Saarbrücken, 23.–29.1. – Alex Schaads Debütfilm »Aus meiner Haut« mit Mala Emde und Jonas Dassler wird das 44. Filmfestival Max Ophüls Preis eröffnen. Die experimentelle Art des Films steht dabei sinnbildlich für das Nachwuchsfestival, das sich als Plattform für unkonventionelle Arbeiten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz versteht.
Solothurn, 18.–25.1. – Zum 58. Mal widmen sich die Solothurner Filmtage dem Filmschaffen der Schweiz. Beim Spezialprogramm »Rencontre« wird mit Katarina Türler erstmals eine Filmeditorin geehrt. Eröffnet wird das Festival mit dem Dokumentarfilm »This Kind of Hope« des schweizerisch-polnischen Regisseurs Pawel Siczek.
Stuttgart, 12.–15.1. – Wie jedes Jahr widmet sich der Stuttgarter Filmwinter dem unabhängigen künstlerischen Film. Dazu gehören neben Kinofilmen auch Videoinstallationen, Experimentalfilm und Musikvideos. Das diesjährige Motto lautet »Unendlicher Spaß«, inspiriert durch den gleichnamigen Roman von David Foster Wallace.

Thema

Für seine erfrischend schrägen Drehbücher wird Martin McDonagh regelmäßig mit Preisen überhäuft: »Brügge sehen . . . und sterben?«, »Three Billboards Outside Ebbing, Missouri«. Das ist kein Wunder, denn der Mann hatte bereits eine erfolgreiche Theaterkarriere am Laufen, bevor er Filmemacher wurde.
Iranische Schauspielerinnen und der Aufstand : Golshifteh Farahani, bekannt aus »Elly« und »Paterson«, und Zar Amir Ebrahimi, die jetzt mit »Holy Spider« bei uns ins Kino kommt, im Porträt.
Felix Van Groeningen ist als Regisseur bekannt, seinen ­internationalen ­Durchbruch ­hatte er mit »Die Beschissenheit der Dinge« und »The Broken Circle«. Oft war seine ­Lebensgefährtin Charlotte ­Vandermeersch als Darstellerin mit ­dabei. Jetzt haben die beiden einen Roman Paolo Cognettis verfilmt.

Meldung

31, Regisseur und Autor. Der Belgier wurde mehrfach ausgezeichnet für sein Langfilmdebüt »Girl« über eine Transgender Ballerina. Sein zweiter Film »Close« bekam den Großen Preis der Jury in Cannes und startet am 26. Januar.

Filmkritik

In der einzigartigen Landschaft der irischen Árainn Islands erzählt Martin McDonagh eine märchenhafte Fabel von Freundschaft, Verrat und Einsamkeit, vor dem Hintergrund des irischen Bürgerkrieges 1923.
Spionage-Action-Komödie, in der ein Team britischer Agenten dem verbrecherischen Treiben diverser Superreicher ein Ende macht. Die Schauplätze sind spektakulär, die Ausstattung ist erlesen und der Handlungsverlauf nicht wirklich wichtig. Popcorn-Kino mit bösem Witz, nicht zuletzt weil Hugh Grant mal wieder alle an die Wand spielt.
Die junge burmesische Regisseurin Snow Hnin Ei Hlaing erzählt atmosphärisch stark und sachlich manchmal unscharf vom Dorfleben um zwei Frauen in der vom Krieg umzingelten Rakhine-Provinz Myanmars.
Das Regiegespann Felix von Groeningen und Charlotte Vandermeersch (»The Broken Circle«) konzentriert sich weniger auf die Schauwerte der Bergkulisse, sondern auf die Chronik einer einzigartigen Freundschaft, die tief im Aostatal verwurzelt ist. Der Titel bezieht sich auf eine Parabel über die Weisheit, die in der Bodenständigkeit wie der Entdeckerfreude liegt.
Langzeit-Dokumentation über einen Jugendlichen in den Brennpunkten von Berlin Marzahn-Hellersdorf, die von den Schwierigkeiten des Heranwachsens rund um die Allee der Kosmonauten erzählt.
Der schönste Film der Berlinale 2022. Episoden aus einem Familienleben im Paris der achtziger Jahre. Die großartige Charlotte Gainsbourg spielt eine Mutter, die neu anfangen muss.
1877 in einem Örtchen im Juragebirge lernt der russische Anarchist Kropotkin eine Uhrfacharbeiterin kennen. Cyril Schäublin erzählt formal eigensinnig von Anarchismus und der ausbrechenden Hektik des Kapitalismus – und bietet ihr mit Gelassenheit in Tableaux vivants künstlerisch Paroli.
Ein grauenvoller Mord in erhabener Bergkulisse: Bei lebendigem Leibe wird ein Mädchen verbrannt. Dominik Moll schildert in seinem präzise beobachteten und Erwartungen unterlaufenden Film noir die Tätersuche, erzählt vom intimen Verhältnis der Ermittler zu ihren Fällen – und von einer Welt, in der zu vieles nicht in Ordnung ist.
Davy Chou schickt seine Heldin, ein in Frankreich aufgewachsenes Adoptivkind aus Südkorea, auf die Suche nach der eigenen Identität im Spannungsfeld von Kultur und Charakter.
Sharaf wird, zur Falschaussage genötigt, wegen Mordes ins Gefängnis gesteckt. Das Gefängnis, in dem Samir Nasrs Film fast ausschließlich spielt, gerät zum Spiegelbild von arabischen Gesellschaften, die unter Diktaturen und Armut leiden. Ein politisch wichtiger Film mit einigen erinnerungswürdigen Vignetten, der an seiner zerstückelten Inszenierung und schemenhaften Figuren leidet.
Die drei Jungdetektive, die sich »Die drei ???« nennen, brechen aus ihrem kalifornischen Heimatort nach Rumänien auf, um am Set eines Vampirfilms ein Praktikum zu machen. Sollte es in dem Schloss, das als Drehort dient, tatsächlich spuken? Die Drei lösen einmal mehr einen Kriminalfall – mehr analog als digital, was die älter gewordenen Fans der Serie erfreuen dürfte.
Fritz Kann war der erste Mann der Großmutter des Filmemachers Marcel Kolvenbach. Als Jude wurde er 1942 deportiert. Kolvenbach sucht die Orte seiner Deportation und seines Todes auf. Installationen durchbrechen den dokumentarischen Fluss.
Mit seiner traumartigen Verschränkung von Phantasie und Realität gelingt Kirill Serebrennikov ein atemberaubendes Sittenbild einer postsozialistischen Agonie.
Basierend auf dem realen Fall eines Serienkillers, der im Iran Anfang der 2000er Jahre 16 Frauen ermordete, erzählt Ali Abbasi eindringlich von einer von Bigotterie und Misogynie zerfressenen Gesellschaft. Leider bleibt die klischeeverhaftete filmische Gestaltung hinter der gesellschaftlichen Analyse zurück.
Die Charaktere sind allzu flüchtig skizziert, doch wenn Putzfrau Maria und Hausmeister Hubert in dieser sanften Komödie in den Hinterzimmern einer Kunstakademie zu flirten beginnen, ist dies auch eine originelle Hommage an die transformative Kraft der Kunst.
Die schönen Bilder und elegante Inszenierung könnten täuschen: Wie Lukas Dhont die innige Freundschaft zweier 13-jähriger erzählt, ist in seiner herzergreifenden Sensibilität auf Augenhöhe schon wieder radikal.
Eine auch für Nicht-BerlinerInnen gewinnbringende sinnlich-historische Erkundung städtischer Topografie jenseits des Urbanen.
Der Lynchmord an dem 14-jährigen Emmett Till 1955 wurde zu einem einschneidenden Ereignis für die amerikanische Bürger-rechtsbewegung. Regisseurin Chinonye Chukwu erweist ihm mit einer emotional eindrucksvollen Inszenierung und vor allem einer Ausnahmeleistung ihrer Hauptdarstellerin Danielle Deadwyler angemessen Respekt.
Mit parteiischer Geduld erzählt Emmanuel Gras' Dokumentarfilm von den Wintermonaten 2018, als die gilets jaunes den Kampf um den öffentlichen Raum und gegen die Regierung Marcon antraten. Die Hymne an Engagement und Solidarität überzeugt vor allem dank einnehmender ProtagonistInnen.
Fünf junge Menschen aus der Ukraine verarbeiten ihre Traumata mit Shakespeares Tragödie, als Theaterprojekt und Gruppentherapie zugleich. Der vor dem Angriff Russlands abgedrehte Dokumentarfilm wird durch den anhaltenden Krieg noch brisanter und relevanter.
Alles, was in »Singin' in the Rain« nicht vorkommt: Damien Chazelle erzählt von der schmutzigen, wilden Zeit der Filmindustrie vor der Einführung von Tonfilm und Hays Code – als wüste Orgie der Transgressionen, die zugleich eine kurze, große Zeit für gesellschaftliche Außenseiter war.
Vielschichtiges und feinfühliges Familiendrama um einen Vater, der seinen depressiven Sohn retten will und schmerzlich scheitert – mit einem großartigen Cast u.a. mit Hugh Jackman und Laura Dern.
Dokumentarfilm über den damals 15-jährigen Tadzio-Darsteller in Viscontis »Tod in Venedig«, Björn Andrésen, dessen Ausbeutung und Schattenseiten des frühen Ruhms. Neben rarem Archivmaterial holen die Filmemacher auch den mental fragilen, heute 66-Jährigen vor die Kamera.
Es ist nicht immer leicht, etwas Besonderes zu sein – so das Credo der Großmutter, mit der sie Oskars Wandlung vom Jungen zum Mädchen kommentiert. Großartig in Szene gesetzt mit einem tollen Cast, der Komik und Tragik gleichermaßen umsetzt.
Die Fortsetzung von James Camerons Megahit überzeugt als spannender Fantasy-Abenteuerfilm voller meisterhaft inszenierter Actionszenen. Allein die artifizielle 48-fps-Ästhetik ist ein nicht unerheblicher Wermutstropfen.
Der Dokumentarfilm von Sandra Gold lässt eine Zen-Buddhistin, eine katholische Nonne, einen Juden und einen Sufisten über ihre Gotteserfahrung berichten. Obwohl unterschiedlichen Glaubensrichtungen zugehörig, weisen diese sehr individuellen spiritistischen Erlebnisse überraschend viele Gemeinsamkeiten auf.
Ein Episodenfilm aus einer sehr fernen Gegend der Welt, in der es, zwischenmenschlich gesehen, auch nicht so viel anders zugeht als hier. Wodka und Gewehre gehen unheilige Allianzen ein, Hitzköpfigkeit und Sturheit tun ein übriges – gemeinsam ergeben sie ein tragikomisches Bild des Allgemeinmenschlichen, trocken-lakonisch dargeboten.

Film